Jahresabschluss in der Bank: Das Wunder der Solvenz

Die Banken haben das Jahr 2011 abgeschlossen. Ein Ritual, das keinerlei Rückschlüsse auf den tatsächlichen wirtschaftlichen Zustand zulässt, meint der britische Finanzblogger David Malone in seinem aktuellen Beitrag. Er rechnet auch heuer damit, dass während des Jahres plötzlich „unvorhergesehene Kapitalbedarfe“ auftauchen, die dann „alternativlos“ notfalls von den Staaten gedeckt werden. Für die Banken, so meint David Malone, ist das Wichtigste erledigt: die Boni für die Manager sind gesichert. Unzensuriert.at bringt die Übersetzung seines Kommentars auf Golem XIV. Hier geht’s zum englichen Original.

David Malone

David Malone

David Malone
Foto: www.debtgeneration.org

Die Lügen, die uns das Fegefeuer eingebracht haben, in welchem wir uns jetzt befinden, werden immer wieder aufs Neue erzählt, gerade jetzt, und in jeder Bank in der westlichen Welt. Das erfolgt nicht zufällig, sondern absichtlich, und es sind Menschen mit guten Rechenkenntnissen und mit akademischen Graden, die sie erzählen, in voller Kenntnis dessen, was sie tun, und warum und zu wessen Gunsten sie es tun.

Die heiligsten Tage der Banken

Jede Religion hat ihre heiligen Tage. Die Tage, an denen die Priester ihren Gott anrufen und die Rituale durchführen, um den Bund mit ihm zu erneuern. Für die Gläubigen ist dies die Erneuerung ihres Glaubens und ihres Versprechens, an den von ihnen gewählten Gott zu glauben und ihm zu dienen, im Gegenzug dafür, dass Gott ihnen Schutz gewährt. Das System der „Global Finance“ funktioniert ebenso, und die Tagen um Neujahr sind ihre heiligsten Tage.

Die Juden haben ihren Yom Kippur – den Versöhnungstag, die Christen haben Weihnachten und Ostern – die Geburtsstunde und die Auferstehung des Erlösers. Und Banker haben ihren Jahresabschlusstag – der Tag, an dem die diesjährigen Konten abgeschlossen und in Einklang gebracht werden müssen. Der Tag, an dem alle ihre Taten gemessen werden, ihr Handeln gewogen und die letzte Abrechnung gemacht wird.

Gedenken wir also zu diesem Neujahr auch der Wirtschaftsprüfer von Deloitte, PwC, Ernst & Young und natürlich auch von KPMG, wenn sie in feierlichem Einzug zusammen mit den Chief Risk Officers und Chief Finance Officers der weltweit größten Banken das Ritual des Jahresabschlusses zelebrieren und uns ihre durch die Gnade einer kreativen Buchhaltung zurechtgestutzten und hübsch positionierten Zahlen sowie ihre frommen Lügen kredenzen, eben das neuerliche große Wunder der Solvenz. Hallelujah!

Es ist die heiße Phase der Jahresabschlüsse

Tief im Inneren jeder Bank sitzen jetzt die Händler und starren auf ihre Handys, in der Hoffnung, dass der Risk Manager der Bank sie nicht anruft und fragt, was eine bestimmte Transkation, die sie im vergangenen Jahr abgewickelt hatten, eigentlich so wert war, welchen Wert dafür gebucht wurde und welche Risikogewichtung vorgenommen worden war. Denn wenn der Tag des Jahresabschlusses nähert, müssen die Händler die Details ihrer Transaktionen, die Vermögenswerte, die sie gekauft, verkauft, ausgeliehen oder geborgt haben, nochmals Revue passieren lassen und für sie Rechenschaft ablegen. Der CRO (Chief Risk Officer) der Bank muss dann laut Gesetz prüfen, ob die präsentierten Zahlen stimmen und ob die Bewertungen fair und ehrlich sind, und dann alles entsprechend abzeichnen. Danach muss der CFO (Chief Finance Officer) die gesammelten Konten mit allen Transaktionen aller Händler auf allen Trading-Desks nochmals durchsehen und die Bankkonten für das Jahr kompilieren, wobei er Kapitaladäquanz nachzuweisen hat (d.h. ob genügend Kapital vorhanden ist, um die Verbindlichkeiten der Bank, wie gesetzlich vorgesehen, abzudecken), und letztlich seinen Kontenabschluss den „unabhängigen“ Wirtschaftsprüfern vorlegen, welche diese neuerlich überprüfen und hinterfragen, bis auch sie daran glauben, dass diese Abschlüsse ein wahrheitsgetreues Bild ergeben – eben das einer gesunden Bank.

Man könnte versucht sein zu glauben, dass angesichts der Pracht der Glas- und Stahltempel der globalen Banken und ihrer Wirtschaftsprüfer, und angesichts der Zahl der Menschen mit klingenden Titeln und immensen Gehältern und Boni, die sie sich untereinander auszahlen, ja, dass dieser Prozess streng und ehrlich ist. Aber man würde sich irren.

Ritual soll zeigen, dass alles in Ordnung ist

Es war einmal, vor langer Zeit, da war der Zweck des Rituals vielleicht noch der, die Solventen von den Insolventen und die Starken von den Schwachen zu scheiden, aber heute geht es nur mehr darum zu erklären, dass alle Banken gerettet werden. Keine darf übrigbleiben. Alle müssen für solvent erklärt werden, und es darf kein Fleck auf ihrem Image bleiben. Man könnte denken, ich sei ein wenig frivol in meinen Ausführungen, aber das ist nicht der Fall. Fragen Sie sich einmal, wie viele der Rechnungsprüfer bisher ihre Kunden für zahlungsunfähig erklärt haben? Oder wie viele Banken in den kommenden Wochen mit Konten an die Öffentlichkeit treten werden, die sie als zahlungsunfähig ausweisen oder auch nur auf Schwierigkeiten hindeuten? Darum geht es nicht mehr bei unserem Ritual. Das Ritual soll zeigen, dass alle in Ordnung sind. Und dabei spielt es überhaupt keine Rolle, wenn Jahr für Jahr, innerhalb weniger Monate und manchmal nur Wochen, nachdem das Wunder der Solvenz verkündet wurde, die Banken „unvorhergesehenerweise“ erkennen, dass es ihnen an Kapital fehlt. Ja, Wunder dauern heutzutage eben nicht mehr so lange und ihre Kraft lässt rasch nach.

Vor nicht langer Zeit sprach ich mit einem Senior Risk Manager einer deutschen Bank, die mir über ein bestimmtes Ereignis im Zuge einer Jahresendabrechnung berichtete. Er sei auf eine bestimmte Transaktion gestoßen, einen Handel mit Derivaten betreffend, die in der Buchhaltung berücksichtigt werden musste, aber der Händler, der den Deal gemacht hatte, hatte die Bank bereits vor einigen Jahren verlassen. Niemand kannte die Details des Geschäfts und niemand konnte es bewerten. Der Risiko-Manager versuchte es also mit der Gegenpartei des Geschäfts. Wenn jemandem Geld aus dem Geschäft geschuldet wird, würde er ja zumindest wissen, warum man ihm etwas schuldig war. Es handelte sich um eine sehr große Schweizer Bank. Leider und zum Leidwesen für seinen Neujahrsurlaub fand der Risiko-Manager bald heraus, dass der Handel in Singapur gebucht worden war. Er wartete also, bis dort wieder jemand erreichbar war und rief an. Die Schweizer Bank bestritt aufs Erste jede Kenntnis des Handels. Es war schon so lange her, und man konnte sich nicht mehr daran erinnern. Doch der Risiko-Manager konnte nicht einfach so tun, als ob es nie etwas gegeben hätte. Es gab ein leeres Kästchen in seiner Tabellenkalkulation, das wie ein Anklagepunkt dastand. Also kam der Risiko-Manager zur Annahme – eine Annahme auf Basis von unvollständigen Papieraufzeichnungen über den ursprünglichen Deal ohne weitere Einzelheiten über Risiken oder Wertänderungen – „Also ich vermute, wir schulden Ihnen den Betrag X.“ Wozu die brillanten und hochbezahlte Banker, denen dieses Geld geschuldet wurde, sagten: „Ja, fein. Das passt dann schon so“, und auflegten. Es handelt sich nicht um eine Geschichte, die ich vom Hörensagen weiß. Nein, es ist genauso wie beschrieben passiert.

Wer schuldet wem wieviel?

Der Betrag wurde ordnungsgemäß in das Hauptbuch eingetragen, der Risk Officer und der CFO zeichneten ihn ab, die Wirtschaftsprüfer erklärten für die Klienten, von denen sie großzügig für diese Leistung bezahlt wurden, die Richtigkeit und die Konten konnten für abgeschlossen und korrekt erklärt werden. Sie haben ihren Job erledigt, wie es von ihnen erwartet wurde – nämlich die Bank in ihrem besten Licht zu zeigen und allfällige Unregelmäßigkeiten oder Schönheitsfehler unkenntlich zu machen. Wofür natürlich Boni nach allen Seiten großzügig verteilt wurden. Wie sich herausstellte, ging es in dieser bestimmten Bank alles andere als mit rechten Dingen zu – nicht, dass man das jemals aus ihren Konten ersehen hätte – und schließlich benötigt sie ein riesiges „Rettungspaket“, das die Steuerzahler des Staates berappen durften, in welchem diese Bank parasitierte.

Werden wir uns einmal darüber klar, wie ernst es um die Lügen bestellt ist, über die wir hier sprechen. Die Konten sind die Grundlage für die Entscheidung von Investoren, ob es sicher sei, Geld zu investieren oder an eine Bank zu verleihen. Es war eben nicht sicher. Aber das war nirgends aus diesen Konten ersichtlich. Und es wird auch nicht aus den Konten der großen Banken der westlichen Welt ersichtlich sein, weder in diesem Jahr, noch im letzten Jahr, noch im Jahr zuvor oder noch früher. Diese Kultur, ja Religion, von Lügen und Lügnern ist einfach übermächtig. Die Wirtschaftsprüfer sind eben nicht dazu da, um etwas Unangenehmes über die Banken, ihre Klienten, zu enthüllen. Sie arbeiten für diese Banken, werden von diesen bezahlt und erwarten sich noch viele weitere zukünftige Zahlungen für viele weitere Kontenabschlüsse.

Reformvorschläge im Keim erstickt

KPMG

KPMG

Die Zentrale des Wirtschaftsprüfungskonzerns KPMG in Toronto.
Die vier Branchenriesen bleiben weiterhin fest im Sattel.
Foto: wyliepoon / flickr (CC BY-NC-ND 2.0)

Im Verlaufe des vergangenen Jahres 2011 hatte EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier Reformen angekündigt, welche die intime und ungesunde Beziehung, die zwischen Banken und deren Wirtschaftsprüfern besteht, ebenso zerbrochen hätten wie die kartellähnliche Macht der großen Wirtschaftsprüferkanzleien, der „Big Four“, die sich das Geschäft der Prüfungen für fast alle großen Banken unter sich aufteilen. Er schlug vor, dass die Banken zwei Wirtschaftsprüfer zur Buchprüfung beauftragen sollten, von denen eine eine kleinere Firma sein müsse, also kein Mitglied der „Big Four“, und dass Wirtschaftsprüfer auch keine Dauerverträge über mehrere Jahre oder gar Jahrzehnte hinweg mehr haben dürften. Sein Vorschlag war eine Obergrenze von neun Jahren, wonach die Bank verpflichtet wäre, einen anderen Wirtschaftsprüfer zu beauftragen.

Alle Vorschläge wurden letztlich schubladisiert, wodurch es einiger Lobbyarbeit seitens der Banken und der Wirtschaftsprüfer bedurfte, aber auch … seitens einiger EU-Kommissare. Zu viel persönliche Macht, zu viel unternehmerischer Profit standen auf dem Spiel, und zu viel hässliche Wahrheit hätte näher ins öffentliche Bewusstsein dringen können.

Die Rechnungsprüfer sind eben keine Gralshüter der Wahrheit, auf die einfache Leute wie Sie oder ich sich verlassen können. Sie sind da, damit die Banken und Bankiers auch im kommenden Jahr noch gut dastehen können. Die Rechnungsprüfer verrichten ihre Arbeit sozusagen im Knien.

Wie hoch ist das Risiko der Anlagen?

Und wie steht es mit den Risk Officers und den Risk & Audit Committees (Risiko- und Prüfungsausschüsse) in den Banken selbst? Hier wird ja das Ritual des Jahresabschlusses in erster Linie zelebriert. Bürgen sie für Ehrlichkeit und Integrität? Lassen Sie mich es einmal so herum sagen. Die Bank of Ireland (nicht mit der Central Bank of Ireland zu verwechseln) bestellte am 23. Dezember einen gewissen Mister Patrick Mulvihill in den Vorstand als Non-Executive Director und zugleich in ihr Audit Committee und in ihr Risk Committee. Mr Mulvihill verbrachte einen Großteil seiner Karriere bei Goldman Sachs, wo er im Vorstand der GS Europe und in ihrem Audit Committee saß. Schlussfolgern Sie daraus, was Sie wollen. Eines ist sicher, er ist perfekt geeignet für den Job, den er ausüben soll.

Er und alle, die rund um ihn herum tätig sind, werden entscheiden, ob beispielsweise die Staatsanleihen von Italien und Spanien als risikofreie Euro-Staatsanleihen mit AAA-Rating oder aber als riskante Anleihen gebucht werden sollen, die der Markt erst ab 7 % Rendite anrührt. Staatsanleihen gelten als praktisch risikolos für den Teil der Bank, der Vermögenswerte in Hinblick darauf bewertet, ob sie als solide Kapitalausstattung zählen können, um damit Verbindlichkeiten zu untermauern. In einem anderen Teil der Bank können sie hingegen durchaus als riskante und daher lukrative Vermögenswerte gehandelt werden. Werden die Banken also den Gewinn der riskanten Variante verbuchen, aber ansonsten die Risikogewichtung der gefahrlosen Variante heranziehen? Es ist wie Quantenmechanik für Schwindler. Je nachdem, wie es eben passt, muss man sich eben als eine Welle oder als ein Partikel ausgeben. Was gilt also? Sind Staatsanleihen risikofrei oder lukrativ riskant?

Und wie steht es mit sogenannten mark to market valuations (marktnahen Bewertungen)? Werden die Risk Committees und die Audit Committees eine klare Bewertung der Vermögenswerte der Banken abgeben? Oder werden sie dasselbe tun, was sie schon zuvor in diesem Jahr getan hatten, und alle „riskanten“ Vermögenswerte, die sie mit Phantasiepreisen nach der „mark to model“-Methode eingeschätzt hatten und die sicherlich viel „Wert“ verlieren würden, wenn sie jemals „marked to market“ (zum Marktpreis) zu bewerten wären – würden sie diese aus der „Available to Trade“ („Zum Verkauf bereitgehalten“)-Spalte, wo es auf „market to market“ ankommt, in die „Hold to Maturity“ („Halten bis zur Fälligkeit“)-Spalte verschieben, wo „mark to model“ ausreicht? Sie dürfen raten. Werden sie für Ehrlichkeit und Transparenz eintreten oder lieber ein paar Tasten drücken und damit Milliarden von einer Spalte in die andere verschieben? Und denken Sie auch daran, dass es verborgene Vermögenswerte gibt, die sicher nicht „bis zur Fälligkeit gehalten“ werden, sollte die Bank in Schwierigkeiten geraten. Wenn es soweit kommt, wird die Bank sie erneut verschieben und verkaufen und somit offenbart sich die ganze Fiktion der Bilanzierung als das, was sie wirklich ist – eine Lüge.

Verfassung der Banken wird immer schlechter

In diesem Jahr sind die Banken in keiner besseren Verfassung, als sie es waren, als die große Schuldenblase platzte. Im Grunde sind sie in noch viel schlechterer Verfassung, weil die Staaten, die sie mit endlosen „Rettungspaketen“ erhalten müssen, mittlerweile zu immer brutaleren Kürzungen bei den Sozialausgaben greifen müssen – sei es bei Bildung, Gesundheit oder Fürsorgewesen – und die Leute somit merken, dass es wehtut.
In diesem Jahr wird die Propagandamaschine der Banker daher noch einmal voll angeworfen werden müssen. Diejenigen, die die offizielle Parteilinie in Frage stellen, werden in eleganter Weise zum Teufel geschickt werden. Das Sperrfeuer der Rufer von „es gibt ja keine Alternative“ wird erstarken. Und die Drohungen mit Untergang und Verderben, wenn wir nicht das tun, was uns gesagt wird, werden noch grässlicher werden.

In diesem Jahr wird sich das Wunder des Jahresabschlusses erneut für alle jene erfüllen, denen die Boni zufließen, es wird aber danach sehr rasch abflauen und letztlich nur mehr einen üblen Nachgeschmack nach Drohungen und undemokratischen Gangstermethoden hinterlassen.

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