Sloterdijk: EU als Koalition der Postdemokraten

SloterdikDie Demokratie taucht in den Konzepten für die Institutionen einen europäischen Fiskalunion zu wenig auf, bemerken auch die Journalisten des Handelsblatts, die den Philosophen Peter Sloterdijk ausführlich interviewt haben. Der bestätigt dies und kann eine Basis für eine solche Fiskalunion schon deshalb nicht erkennen, weil sie Sozialsysteme nach wie vor nationalstaatlich organisiert sind.

Sloterdik

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Peter Sloterdijk ortet ein Demokratiedefizit in der EU und eine
Demoralisierung in unserer Gesellschaft.
Foto: Rainer Lück http://1RL.de / Wikimedia (CC BY-SA 3.0)

Die Nationalstaaten würden nicht nur auf Grund ihrer Traditionen und ihrer Kultur weiter bestehen, sondern auch auf Grund der Sozialsysteme, führt Sloterdijk aus.

Niemand mehr ist heute Nationalsozialist, aber alle sind Sozialnationalisten. Wir leben bis auf weiteres im realen Sozialnationalismus, weil die Generationenverträge noch überwiegend im nationalen Format abgeschlossen werden, ausgenommen eine nach wie vor eher marginale Tendenz zum Einbau von Migranten in die Nationalsozialkassen. Aber wir sind noch Lichtjahre entfernt von einem länderübergreifenden Sozialstaat.

Daran kann für den Philosophen auch das Konzept der europäischen Transferunion nichts ändern, umso weniger als er auch ein gewaltiges Demokratiedefizit ortet:

Es gibt ja längst die ganz große Koalition der Postdemokraten, die heute die europäischen Schicksale unter sich aushandeln. Natürlich ist es eine wohlwollende Postdemokratie, aber es ist eine, die die Mitwirkung des Bürgers an all den Manövern nach wie vor nur in dieser würdelosen, vom Absolutismus abgeleiteten Form der Zwangsfiskalität erzwingen will.

Dem Zustand der Gesellschaft insgesamt stellt Sloterdijk ein verheerenden Zeugnis aus. Nicht die Rezession sei das größte Gespenst unserer Zeit, sondern:

Ich habe einen anderen schlimmsten Fall vor Augen, die vollkommene allgemeine Demoralisierung. Auf die steuern wir zu. […] Rezessionen haben wenigstens eine begleitende Tugend, nämlich dass sie den Sinn für Maßverhältnisse wieder einüben. Nicht Maßhalten im Sinne von Den-Gürtel-enger-Schnallen, sondern Maß nehmen im Sinne von Das-Gefühl-für-die-Proportion-nicht-Verlieren. Seit Jahrzehnten leben wir in einer gespenstischen Atmosphäre, in der ständig verrückt machende Doppelbotschaften auf die Menschen einprasseln: Sie sollen zugleich sparen und verschwenden, sie sollen zugleich riskieren und solide wirtschaften, sie sollen hoch spekulieren und mit den Füßen auf dem Boden bleiben. Auf die Dauer führt das zu einer absoluten Zermürbung. Derselbe demoralisierende Effekt geht auch von der Tatsache aus, dass die leistungslosen Einkommen rasend schnell wachsen. Das vergiftet die jungen Leute, weil sie anfangen, sich in Scheinkarrieren hineinzuträumen. Das Ganze hat einen hässlichen psychologischen Namen: der Traum von der Überbelohnung.

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