„Stromberg am Rubikon“: Wulff wird zur Witzfigur

Christian WulffBernd Stromberg (gespielt von Christoph Maria Herbst), Protagonist der gleichnamigen erfolgreichen TV-Serie, dürfte wohl eine der beliebtesten Figuren der Bundesdeutschen sein. Der restlos unfähige Hin-und-wieder-Abteilungsleiter des fiktiven Versicherers "Capitol" trickst sich als Nichtskönner mit großer „Goschen“ durch den Arbeitsalltag. Zu seinem Instrumentarium gehören Intrigen, platte Sprüche und rüde Attacken. Immer wenn seine Machenschaften aufzufliegen drohen, es "eng" für Stromberg wird, zieht er sich aber doch noch gerissen aus der Affäre – es trifft dann zumeist andere.

Kai Diekmann

Kai Diekmann

Dem Bild-Chefredakteur Kai Diekmann warf der
Präsident vor, den Rubikon zu überschreiten.
Foto: Philipp Neuhaus / Wikimedia (CC BY-SA 2.5)

Viele Bundesdeutsche dürften in Bernd Stromberg ihre Chefs erkennen – vielleicht erklärt sich so der ungeheure Erfolg der Staffeln. Dass das amtierende Staatsoberhaupt der Bundesrepublik nun medial jüngst mit Bernd Stromberg verglichen wird, dürfte nichts weniger als eine neue Stufe der Demontage und des Ansehensverlusts von Christian Wulff darstellen. Wie kolportiert wurde, hatte der Bundespräsident durch Anrufe bei Bild-Chefredakteur Kai Diekmann versucht, einen unbequemen Artikel über Kredit und Darlehen zu verhindern. Als er den Bild-Chef nicht erreichte, hinterließ er Drohungen auf der Mailbox, nur um sich später kleinlaut zu entschuldigen. Mittlerweile kursiert ein vom Sender WDR gestellter "Wulff-Anruf" eines Komikers im Netz, er ist längst hitverdächtig. Einen Journalisten der Welt bestellte Wulff direkt ins Bundespräsidialamt und kündigte in einem "eisigen" und "heftigen" Vieraugengespräch Konsequenzen an, falls ein Artikel über seine Halbschwester erscheine. Offenbar sah die Welt in diesem gedankenlosen Krisenmanagement Parallelen zu der Serienfigur, die für ihre unbeholfenen Droh- und Denunziationsanrufe (und das darauffolgende peinliche Zurückrudern zum Zwecke des nackten Machterhalts) berüchtigt ist: "Stromberg im Schloss Bellevue" titelte die Welt nun unverblümt.

Pressefreiheit – in Katar unverzichtbar

Mit der Freiheit der Presse bzw. der Meinungsfreiheit, die Wulff jüngst bei einem Staatsbesuch in Katar als "unverzichtbar" bezeichnete, nimmt es das Staatsoberhaupt offenbar in der Heimat nicht so genau: Anspruch und Wirklichkeit. Bereits Wulffs Rolle bei der Entfernung des Einwanderungsdissidenten Thilo Sarrazins aus der Bundesbank ließ das eigenwillige präsidiale Verständnis dieses Grundrechtes offenbar werden. Eine entsprechende Kritik der jetzt alarmierten und scharf kritisierenden Medien blieb damals jedoch aus: Sarrazin gehörte nicht zum Establishment.

Christian Wulff

Christian Wulff

Setzte mit seinen antiken Bezügen Bildungsakzente: Christian Wulff
Foto: Stiftung Stadtgedächtnis / flickr (CC BY-NC-ND 2.0)

Immerhin stellte Wulff mit seinem Anruf bei Bild-Chef Diekmann gekonnt antike Bezüge her und damit seine Allgemeinbildung unter Beweis. In Zeiten wie unseren nicht eben wenig. Der medial unter Druck Gesetzte drohte nämlich, für ihn sei "der Rubikon überschritten" und bezog sich damit auf den Fluss, der das antike Rom vom Umland trennte. Wer ihn mit bewaffneten Kräften überschritt, so ein römisches Gesetz, wurde unwiderruflich als Kriegführender und Frevler angesehen. Er musste mit entsprechender Gegenwehr des Senats der Republik rechnen.

Dieser Hintergrund dürfte insbesondere vielen jüngeren Menschen zunächst unverständlich erscheinen: Wulffs "Bunte Republik" ist nicht unbedingt eine Republik klassischer Bildung. Seine Partei hat sich längst von der großen humanistischen Bildungstradition verabschiedet: Nivellierende Einheitsschulen sind auch bei der Union angesagt, im "modernen" Unterricht sollen in Gruppenarbeit Plakate gemalt werden; das "Wie" der Methodik hat längst den Inhalt verdrängt.

Das Vertrauen in die Republik schwindet – nicht nur in Rom

Aller Skepsis zum Trotz könnte aber so mancher Jugendliche diese Bildungslücke durch Fernsehkonsum längst geschlossen haben. In der erfolgreichen US-Serie "Rom", die in der ersten Staffel die ihrem tragischen Untergang entgegen taumelnde Republik fulminant in Szene setzte, werden die zwei Protagonisten, die Legionäre Titus Pullo und Lucius Vorenus, als Soldaten der Streitmacht Caesars in einem Karren über den Rubikon bugsiert. Als Vorenus aus einem von schwerem Wein verursachten Dämmerschlaf erwacht, bemerkt er das Überschreiten des Flusses. Entsetzt stellt er seinen Kameraden zur Rede. Dieser merkt grob an, dass es nun zu spät sei, es kein Zurück mehr gebe. An seiner Mine ist abzulesen: Das Vertrauen in Größe und Bestand der Republik ist ihm längst abhanden gekommen.

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