Bologna-Prozess: Die Umsetzung in der Praxis

Während man in Wien und Budapest aktuell das Jubiläum des Bologna-Prinzps feiert, sind die hehren Ziele des Prozesses bei weitem nicht erreicht. Für viele Studiengänge ist die Umstellung auf das Bachelor-Master-System ein Unding. Doch auch bei den anderen lauern bei der Umstellung zahlreiche Fallen, die besonders jene betreffen, die noch nach alter Studienordnung begonnen haben. Ein Blick auf den Status Quo bei den beiden Bologna-Hauptzielen Mobilität der Studenten und Vereinheitlichung der Studienpläne:

Studentenmobilität nur bei ausreichenden finanziellen Mitteln

Die Mobilität wurde grundsätzlich gefördert und ausgebaut. So ist es mittlerweile vielen Studenten möglich, zum Beispiel im Zuge des ERASMUS-Programms ein oder zwei Semester im europäischen Ausland zu studieren. Dies ist nicht nur eine gute Gelegenheit, um seine Sprachkenntnisse zu verbessern oder sein Wissen zu erweitern, man lernt auch neue Kulturen und Menschen kennen und hat eine wichtige Erfahrung für sein weiteres Leben gesammelt.

Doch leider werden diese Austauschprogramme gerade an den Universitäten immer nur positiv dargestellt. Dass man sich die Unterkunft im Studienland selbst besorgen und sich auch sonst um so gut wie alle organisatorischen Dinge selbst kümmern muss, ist vorausgesetzt. Das Problem für den Austauschstudenten besteht meistens in finanzieller Hinsicht. Je nachdem, in welches Land man geht, erhält man von der entsendenden Universität einen gewissen Betrag an monatlicher Unterstützung, um eventuelle Mehrkosten abzudecken, die in dem Zielland entstehen (wie zum Beispiel in den skandinavischen Ländern, wo prinzipiell alles ein wenig teurer ist). Dieser Betrag ist jedoch relativ gering, und in den meisten Ländern ist es leider nicht möglich, ohne ausreichende Sprachkenntnisse für ein halbes Jahr oder Jahr einen Job zu finden, der es einem auch noch ermöglicht, nebenbei ordnungsgemäß zu studieren. Noch hinzu kommt, dass viele Studierende ihren Job in Österreich aufgeben müssen und nicht nur die neue Unterkunft im Studienland sondern auch die bisherige in Österreich weiterhin finanzieren müssen. Wenn man also keine ausreichend bezahlte Arbeit im Ausland und keinen Untermieter für diese kurze Zeit in Österreich findet, ist es ohne finanzielle Unterstützung durch die eigene Familie so gut wie unmöglich, an einem der angebotenen Austauschprogramme teilzunehmen. Hier wäre es auf jeden Fall notwendig, dass die Universität mehr finanzielle Mittel zur Verfügung stellt.

Studienzeitverlängerung durch Bachelor-Master-System

In Bezug auf die Studien selbst hat sich durch den Bologna-Prozess einiges verändert. Im Laufe der letzten Jahre wurden schrittweise in einem Großteil aller Studienrichtungen neue Bachelor- und Master-Studienpläne eingeführt, was dazu führt, dass die alten Diplomstudien sukzessive auslaufen. Es ist jedoch allen Diplomstudenten möglich, auf das Bachelorstudium umzusteigen.

Die meisten Magisterstudien hatten bisher durchschnittlich eine anberaumte Studiendauer von 8 Semestern. Durch das neue Bachelor-Master-System verlängert sich nun die Studienzeit bis zum Master-Titel, der mit dem Magister-Titel gleichzusetzen ist, um ein Jahr, da in den meisten Fällen das Bachelorstudium 6 Semester und jenes des Masters 4 Semester dauert. Das bisherige Doktorratsstudium war mit durchschnittlich 4 Semestern anberaumt, jetzt sind dies mindestens 6, was zu einer weiteren Studienverlängerung um ein Jahr führt. Somit können die drei Stufen des neuen Studiensystems frühestens in 8 statt bisher in 6 Jahren abgeschlossen werden.

Doch dies ist in den meisten Fällen ohnehin nur eine Wunschvorstellung, da die Realitäten an den Universitäten ganz anders aussehen. Abgesehen davon, dass viel zu wenige Kursplätze angeboten werden, sorgt auch die Bürokratie für Verzögerungen. Da die neuen Studienpläne aufbauend strukturiert sind, ist es in vielen Fällen erst nach positiver Absolvierung einer bestimmten Lehrveranstaltung möglich, die nächstfolgende zu besuchen.

Diplomstudenten sind Leidtragende der Umstellung

Hinzu kommt, dass auf Grund der derzeitigen Umstellungsphase zwischen Bachelor-/Master-/PhD-System und Diplom-/Doktorratsstudium viele Studierende noch mehr an der Fortsetzung ihres Studiums gehindert werden als bisher. Neben den oben bereits erwähnten Punkten werden nämlich den Diplomstudenten generell weniger Kurse angeboten. Sie sind daher teilweise gezwungen, Lehrveranstaltungen aus dem neuen System zu besuchen. Hierbei kommt es häufig zu Problemen bei der nachträglichen Anrechnung solcher Kurse für das Diplomstudium. Noch dazu wird den Diplomstudenten, die Bachelor- oder Masterkurse besuchen, unverhältnismäßig mehr Leistung abverlangt als in ihren bisherigen Lehrveranstaltungen. Mangels Alternativen sind Studenten gezwungen, wesentlich umfangreichere Kurse nach neuem System zu absolvieren, die im alten Modus wenig zählen.

Die Vereinheitlichung des Studiensystems ist in Ihren Grundzügen mit Sicherheit eine gute Idee, allerdings ist die derzeitige Umsetzung bei weitem nicht zufriedenstellend. Die Umstellungsphasen stellen für die Diplomstudenten eine unzumutbare Situation dar. Man hat direkt das Gefühl, dass sie regelrecht aus ihrem Studium hinausgeekelt oder zum Umstieg in das neue System getrieben werden sollen und dass man die jüngeren Studenten bevorzugt behandelt.

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