Erdogans wahres Gesicht

Glaubt man der Osmanen-Lobby, dann ist der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan ein "Reformer“, der das kleinasiatische Land "modernisieren“ und reif für einen Beitritt zur Europäischen Union machen will. Tatsächlich aber führt der Regierungschef etwas anderes im Schilde.

Kommentar von Andreas Mölzer, Mitglied des Europäischen Parlaments 

Nicht nur, dass Erdogan die Türkei islamisieren will, vielmehr will er auch Europa türkisieren. Wie erst jetzt bekannt wurde, hat Erdogan im Februar bei einer Veranstaltung in Istanbul vor Auslandstürken die Ansicht vertreten hat, dass im Ausland lebende Türken die Staatsbürgerschaft ihrer neuen Heimat annehmen sollten, aber nicht um sich dort zu integrieren, sondern um politisch aktiv zu werden. Die Millionen Türken, die heute schon in Europa leben, sind also in erster Linie der verlängerte Arm Ankaras.

Einmal mehr ließ Erdogan die Maske fallen, als er wie schon vor zwei Jahren bei seiner inzwischen berühmt-berüchtigten Kölner Rede die Assimilierung als ein "Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ bezeichnet. Die Auslandstürken sollen also Fremdkörper in ihren Gastländern bleiben, und Erdogan betrachtet sich als Protektor der türkischen Parallelgesellschaften in Europa, deren negative Folgen immer deutlicher zutage treten. Was nun den Vorwurf der Verbrechen gegen die Menschlichkeit betrifft, ist der Ministerpräsident jedoch gut beraten, einen Blick auf die türkische Geschichte zu werfen: Denn bekanntlich war der Völkermord an bis zu eineinhalb Millionen christlichen Armeniern durch das Osmanische Reich ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Besser vor der eigenen Türe kehren sollte Erdogan auch in Sachen Religionsfreiheit, anstatt die Europäer der Islamophobie zu bezichtigen. Bekanntlich können in Europa lebende Moslems ihre Religion ohne Einschränkungen praktizieren, während die christlichen Minderheiten in der Türkei im Alltag einer Vielzahl von Diskriminierungen ausgesetzt sind. Und wenn Erdogan sich schon so um die Einhaltung der Grundrechte sorgt, dann sollten die Christen in der Türkei endlich gleichgestellt werden.

Insgesamt hat Erdogan zu verstehen gegeben, was Europa droht, wenn die Türkei eines Tages Mitglied der EU sein sollte. Dann nämlich würde sich eine Zuwanderungswelle ungeahnten Ausmaßes von Anatolien nach Europa in Bewegung setzen, und die türkischen Parallelgesellschaften würden mit Unterstützung durch Ankara zu politischen Machtfaktoren werden, welche die Entwicklung der jeweiligen Gastländer zunehmend beeinflussen.

Andreas Mölzer schreibt regelmäßig in der Wochenzeitung "Zur Zeit"

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