Neue Juden, neue Nazis und ihre journalistischen Spitzel

Österreichs Journalistenszene verfügt über mutige Männer und Frauen. Da wagten sich tatsächlich Redakteure des Standard, aber auch der Presse und des Kurier „undercover“ in die Höhle des Löwen – in die Hofburg nämlich, wo 3000 Gäste den Wiener Korporationsball feierten. Was sie dort zu sehen und zu hören bekamen, haben sie in spannenden Erlebnisaufsätzen dokumentiert. Die Enttäuschung klingt darin freilich mit: Trotz stundenlanger Suche haben die wagemutigen Helden des investigativen Journalismus keine Rechtsextremisten ausspähen können, und schon gar keine Nazis.

„Aufgrund der starken Emotionen auf beiden Seiten verzichten die Autoren darauf, den Bericht namentlich zu zeichnen.“ – So beenden die Kurier-Journalisten ihren Bericht, der noch der ausgewogenste ist. Dies ist dem Umstand geschuldet, dass die „Maulwürfe“, die selbst formulierten, dass sie sich „undercover beim Ball einschleusten“ dabei „zwischen die Fronten“ gerieten. Soll heißen: Bei der Anreise wurden sie genauso mit der nackten Gewalt der Ballgegner konfrontiert wie zahlreiche andere Gäste: „Vom Ballhausplatz kommt eine Schar von Demonstranten gelaufen. In ihren Augen blanker Hass auf jene, die an diesem Abend auf der falschen Seite stehen. Junge Mädchen schreien und spucken. Stöße, Rempeleien und Bierduschen prasseln auf die vermeintlichen Gegner ein. Wir flüchten mit letzter Kraft bis zur Polizeiabsperrung, Unterstützung durch Beamte gibt es in keiner Weise.“

Deeskalation-Strategie war ein schwerer Fehler

Dies deckt sich mit den Wahrnehmungen vieler Ballbesucher. Die „Deeskalations-Strategie“der Polizei bedeutete nicht mehr, als dass man die Demonstranten bei ihrer Menschenjagd gewähren ließ. Ein Skandal, den übers Wochenende mehrere freiheitliche Politiker scharf kritisierten: „Wie kann es sein, dass gegen einen Bus Steine und Flaschen geworfen werden und die Exekutive dennoch nicht den Befehl zu einem energischen Einschreiten erhält? Wie kann es sein, dass akkordierte Zufahrtsrouten für die Ballgäste durch einen einfachen Sitzstreik lahm gelegt werden können? Wie kann es sein, dass die Verfassungsschützer international bekannte Extremisten unbehelligt ins Land einreisen lassen, die noch dazu eine Bombe bei sich hatten, die zum Glück noch im letzten Moment sichergestellt wurde?“, fragen sich FPÖ-Generalsekretär Vilimsky und der Vorsitzende der freiheitlichen Polizeigewerkschaft AUF, Werner Herbert.

Beim Standard stellt man sich diese Fragen nicht und müht sich zu viert, das „schmissige Fest in der Hofburg“ in möglichst diffuses Licht zu tauchen. Mit dreitägiger Verspätung ist einem fünften Standard-Schreiber dann noch eingefallen, dass FPÖ-Obmann HC Strache in einem privaten und angeblich von Journalisten belauschten Gespräch die Verbindungsstudenten als „die neuen Juden“ bezeichnet und die gewalttätigen Angriffe auf Korporationshäuser mit der Reichskristallnacht verglichen haben soll.

Die neuen Juden und die neuen Nazis

Ein Vergleich, der – sollte er so gefallen sein – durchaus begründet ist. Auch im Dritten Reich und lange davor wurde der Hass auf Juden langsam aufgebaut und beharrlich geschürt, ehe er in den systematischen Massenmord in den Konzentrationslagern mündete. Dass manche Protagonisten des hasserfüllten „Kampfs gegen Rechts“ die Parallelen zwischen ihrer Agitation und den damaligen Vorkommnissen nicht sehen wollen, belegt ihre Verbohrtheit. Dass jedes Wort der Entschuldigung, zumindest aber der Distanzierung von den brandschatzenden und prügelnden Horden unter den Demonstranten fehlt, nährt den Verdacht, dass diese Menschen nicht unglücklich sind über die Gewalt gegen ihre politischen Widersacher. Es gilt, den Anfängen zu wehren. Dass dies auch gelingt, beweist der Umstand, dass die politischen Parteien in den Netzwerken der Ballgegner nicht vom Fleck kommen bzw. sogar stark an Wählergunst verlieren.

Die Spitzel-Journalisten erledigen für sie dennoch begeistert die Drecksarbeit der Denunziation. Auch dafür gibt es historische Vorläufer.

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