Pretterebner: „Aufdeckungsjournalismus hat sich totgelaufen“?

BildDer Journalist Hans Pretterebner deckte in den achtziger Jahren den größten Skandal der Zweiten Republik auf: den Fall Lucona. Weil Täter Udo Proksch politisch gedeckt wurde, stand Österreich beinahe vor einer Staatskrise. Heute vermisst Pretterebner echten Aufdeckerjournalismus. Im aktuellen Unzensuriert-Magazin über die Skandalrepublik Österreich schildert er in einem Interview die Hintergründe im Fall Lucona, versuchte politische Einflussnahme auf seine redaktionelle Arbeit und korrupte Seilschaften in der heutigen Zeit.

 

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Hans Pretterebner weiß, wie schwer es ist, Skandale aufzudecken.
Foto: Hans Pretterebner

Sie sind durch den Fall Lucona, einen versuchten Versicherungsbetrug, dem sechs Seeleute zum Opfer fielen, und Ihr Bestsellerbuch darüber berühmt geworden…
Hans Pretterebner: …naja, eher berüchtigt…

…wie dem auch sei: Wie wird man zum Skandalaufdecker?
Hans Pretterebner: In diesem konkreten Fall war das eher ein Zufall. Im Zuge meiner Recherchen über die großen Skandale der siebziger Jahre – AKH, Ökodata und die Affären rund um den ehemaligen Vizekanzler und Finanzminister Androsch – habe ich diesen geheimnisvollen Club 45 über der Konditorei Demel entdeckt, der sich als eine reine Korruptions-Koordinierungsstelle herausgestellt hat. Ich habe sehr häufig darüber geschrieben, das hat am Anfang sehr wenig Wirkung gezeigt. Allein im Fall Androsch hat es mehrere Jahre gedauert, bis sich auch die großen Medien des Landes seiner Steuerhinterziehungen anzunehmen begannen. Zu Fall gebracht hat ihn aber letztlich erst Kanzler Kreisky persönlich, gar nicht wir Aufdeckungsjournalisten.
Irgendwann ist dann plötzlich auch diese seltsame Lucona-Geschichte mit dem Schiffsuntergang in mein Blickfeld gerückt. Der Fall hat mich zunächst nicht maßlos interessiert, weil es nur eine reine Kriminalgeschichte zu sein schien. Für mich wurde das alles erst im Jahr 1983 interessant, nachdem die ermittelnde Salzburger Kriminalpolizei die Strafanzeige gegen Udo Proksch wegen sechsfachen Mordes einbrachte und ein Wiener Richter die U-Haft verhängte. Darauf ging ein Aufschrei durch die österreichische Medienlandschaft: Das sei ein unglaublicher Skandal, ein wildgewordener Landgendarm beschuldige einen ehrbaren Wiener Kaufmann ungeheuerlicher Verbrechen! Dem Polizisten wurde über Initiative des Innenministers ein Disziplinarverfahren angehängt, den Richter versuchte man, psychiatrieren zu lassen. Und natürlich kam Udo Proksch sofort wieder frei.
Da habe ich dann zu recherchieren begonnen. Ursprünglich sollte es nur ein Hintergrundbericht für mein eigenes Magazin werden, ich erkannte aber innerhalb weniger Wochen die ungeheure Dimension dieser Vertuschungsaffäre. So entschloss ich mich schließlich, ein Buch darüber zu schreiben. Die Folge waren vier Jahre intensive Recherche weltweit, getrieben von der Faszination, die ganze Wahrheit ergründen zu können. Ende 1987 kam das Buch auf den Markt und hat natürlich ziemliche Wellen geschlagen.

Waren Sie großem politischem Druck ausgesetzt in der Zeit der Recherche?
Hans Pretterebner: Bereits ein Jahr vor dem Erscheinen versuchte der frühere Außenminister Leopold Gratz, damals Parlamentspräsident, mit einer einstweiligen Verfügung die Herausgabe des Buches zu verhindern; es ist ihm nicht gelungen. Gravierend und existenzbedrohend wurde der Druck aber erst nach Erscheinen. Da sollte ich zunächst gleich verhaftet werden wegen Verleumdung. Dann kamen 22 Beschlagnahmeanträge an das Gericht, ich wurde von verschiedenen involvierten Personen mit Zivilklagen auf Schadenersatz über rund 50 Millionen Schilling überzogen. Und schließlich wurden exakt 55 Strafanklagen gegen mich angestrengt, von der Staatsanwaltschaft unter anderem wegen angeblicher Anstiftung zum Amtsmissbrauch, wegen Geheimnisverrat, Veröffentlichung geheimer Dokumente usw. Ich musste mich jahrelang mit diesen Prozessen herumschlagen. Natürlich kam es letzten Endes zu keiner einzigen Verurteilung, weil eben alles, was ich geschrieben habe, der Wahrheit entsprach.

Auch in der heutigen Zeit gibt es Aufdeckerjournalisten, vor allem die Wochenmagazine versuchen sich hervorzutun. Ist das mit Ihrer Arbeit vergleichbar?
Hans Pretterebner: Früher einmal war das profil besonders aktiv, als da noch Alfred Worm tätig war und ihm den Stempel des Aufdeckermagazins aufgedrückt hat. Oder seinerzeit auch die Wochenpresse, wo Kollege Freihofner gerade auch in der Lucona-Affäre immer wieder berichtet hat. Heute sehe ich in allen diesen sogenannten Magazinen keinen wirklichen Aufdeckungsjournalismus mehr, irgendwie hat sich das leider totgelaufen. Die Zeit der investigativ tätigen Journalisten in Österreich scheint weitgehend vorbei zu sein. Das hängt natürlich mit der Mediensituation insgesamt zusammen. Kein Journalist nimmt sich heutzutage noch die Zeit, sich wirklich seriös mit einem Fall zu beschäftigen. So bleibt vieles an der Oberfläche und sehr oft wird auch nur skandalisiert, zumeist parteipolitisch motiviert und ohne dass es eine echte Substanz dafür gibt. Obwohl es zweifellos auch heute noch genügend echte Skandale gäbe, die es wert wären, sich mit ihnen fundiert auseinander zu setzen.

Das ganze Interview lesen Sie im aktuellen Unzensuriert-Magazin über die Skandalrepublik Österreich.

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