D: Türkische Schlägerbande zerlegt linkes Wohnprojekt

8. Februar 2012 - 0:10

Scherer8

Für Antifaschisten kommen nur Rechte oder Polizisten als Angriffsziele in Frage. Geraten sie jedoch selbst ins Visier von Gewalttätern, agieren sie völlig planlos, wie ein aktueller Fall aus Berlin-Wedding zeigt. Dort versuchten am frühen Samstagmorgen etwa 30 Unbekannte, gewaltsam in das linksautonome Weddinger Wohnprojekt „Scherer8“ einzudringen. Die Angreifer waren unter anderem mit Eisenstangen und Baseballschlägern bewaffnet und zertrümmerten mehrere Fensterscheiben. Als die Polizei eintraf, hatten sich die Randalierer bereits wieder zurückgezogen. Das Landeskriminalamt ermittelt nun wegen Sachbeschädigung und des Verdachts des schweren Landfriedensbruchs.

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Das links-autonome Wohnprojekt „Scherer8“ in Berlin-Wedding war am
Wochenende Angriffsziel einer türkischen Schlägerbande.
Foto: urje / flickr

Dem Vernehmen nach handelte es sich bei den Angreifern um Mitglieder der berüchtigten Berliner Straßengang „Streetfighters“, die in einem Sportraum direkt gegenüber dem angegriffenen Haus ihr Clublokal betreiben. Die streng hierarchisch geführte Gang aus 50 bis 60 polizeibekannten jugendlichen Straftätern mit Migrationshintergrund versteht sich als Gegenbewegung zu etablierten Rockergruppen wie den „Hells Angels“ oder „Bandidos“. Sie tragen Kutten mit einem „Streetfighters“-Aufdruck. Anführer Ahmet A. (38), Angehöriger einer kurdischen Großfamilie, ist bei der Polizei wegen seiner zahlreichen Gewaltdelikte bekannt.

Im Herbst letzten Jahres geriet die libanesisch-kurdische Gang in die Schlagzeilen, als sie den „Hells Angels“ den Krieg erklärte. Nach einem, vermutlich von Anhängern der „Hells Angels“ begangenen Überfall auf das Clubhaus der „Streetfighters“, ließen diese dann aber von ihren Plänen ab und wurden seitdem vor allem durch Raub- und Gewaltdelikte im Kiez sowie im öffentlichen Personennahverkehr aktenkundig. Im Sommer hatte die Polizei wegen der zahlreichen Straftaten der Gang eine Ermittlungsgruppe „Scherer“ gebildet.

Völlig planlose Antifaschisten

Die linke Szene ist nun völlig uneins, wie mit der Attacke umgegangen werden soll. Während auf der offiziellen Internetseite des Hauses um „Ruhe gebeten“ wird und ein Konzert am Wochenende abgesagt wurde, sind andere mit dem Verschweigen des seit Längerem schwelenden Konflikts nicht einverstanden. Offenbar soll eine „enorme Schutzgeldforderung durch die ,Streetfighters‘“ Hintergrund des Angriffes gewesen sein. Die Geldforderung soll sich gegen „die Kneipe und den Infoladen des Hausprojekts“ richten, berichtet Der Tagesspiegel. „Eine Minderheit von Hausbewohnern glaubt, dass es nötig ist, das Schweigen um die Erpressungen zu brechen“, heißt es auf der linksextremen Internetseite de.indymedia.org. Und weiter: „Nur durch Transparenz ist es möglich, den Würgegriff des organisierten Verbrechens zu brechen.“ Schutzgeld werde man nicht zahlen.

Am Sonntag sollen vor dem Objekt erneut zwei Menschen mit Schlägen und Tritten attackiert und verletzt worden sein. Dennoch will sich ein Teil der Hausbewohner nicht dem Verdacht aussetzen, ausländerfeindlich zu sein. Deshalb soll der Konflikt nicht offen angesprochen werden. In einer Stellungnahme auf der Internetseite des autonomen „Scherer8″-Projekts heißt es:

Kommt NICHT bei uns vor­bei. Es ist aus un­se­rer Sicht wirk­lich nicht hilf­reich. Da es sich weder um Nazis noch um Bul­len han­delt, sind die üb­li­chen ak­tio­nis­ti­schen Mit­tel nicht an­wend­bar. Wir wer­den auf euch zu kom­men und um Un­ter­stü­zung (sic!) bit­ten, wenn wir wis­sen, wie ihr uns hel­fen könnt.

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