Ein Jahr nach dem Aufstand: Libyen droht der Zerfall

WüsteAm ersten Jahrestag des "libyschen Volksaufstandes" (18. Februar) stellt sich folgendes Bild dar: Der "grüne Widerstand" der Gaddafi-Loyalisten entfaltet offenbar auf dem gesamten Staatsgebiet seine Tätigkeit, wobei es im Moment noch schwer zu beurteilen ist, wie stark er tatsächlich ist. Gleichzeitig sieht es so aus, als ob Libyen in drei Teile zerfallen würde. Unzensuriert.at bringt die Übersetzung einer aktuellen Analyse, die der französische Afrika-Experte Bernard Lugan auf seinem Blog veröffentlicht hat. Hier geht’s zum französischen Original.

Bernard Lugan

Bernard Lugan

Afrika-Forscher Bernard Lugan.
Foto: Novopress

Die Cyrenaika akzeptiert keinerlei Entscheidungen, welche vom sogenannten "Nationalen Übergangsrat" (NTC) von Tripolis aus getroffen werden. Darüber hinaus, und dies ist etwas, was die hiesigen Berichterstatter gerne übersehen, gibt es starke Spannungen zwischen islamischen Fundamentalisten und den Mitgliedern der Sufi-Bruderschaften, deren Einfluss in der Region sehr stark ist. Die Fundamentalisten veranstalten wahre Hetzjagden auf die Sufis, die sie als "Ketzer" brandmarken; so gab es vor kurzem bewaffnete Auseinandersetzungen anlässlich der traditionellen Umzüge. Die Fundamentalisten haben irreparablen Schaden verursacht, als sie am 13. Januar in Benghazi einen Friedhof mit Bulldozern dem Erdboden gleichmachten und dabei an die 30 Gräber von Marabouts — so heißen im Maghreb religiöse Sufi-Führer, die wie Heilige betrachtet werden — schändeten und deren Knochenüberreste verstreuten. Die Fundamentalisten betrachten die Kundgebungen rund um diese Gräber — religiöse Feste, die den bekannten Moussem-Ritualen in Marokko entsprechen — nämlich als heidnischen Götzendienst.

Wüste

Wüste

Über der libyschen Wüste braut sich einiges zusammen: Ein Jahr nach
dem Aufstand droht das Land zu zerfallen.
Foto: Roberdan / flickr (CC BY-SA 2.0)

Der Süden Libyens ist in zwei Zonen zerbrochen, die sich beide der Kontrolle durch den "Nationalen Übergangsrat" völlig entziehen. Die westliche Zone, welche von den Tuareg bewohnt wird, ist die Basis hinter dem Aufstand, der seit vergangenem Januar den Norden Malis erfasst hat. In der Zentral-, Süd- und Ostregion sind Kämpfe zwischen Tubu und Arabern ausgebrochen. Da es unwahrscheinlich ist, dass die verwandten Tubu des Tschad ihre nördlichen Brüder angesichts solcher Massaker im Stich lassen, wird sich wohl bald eine weitere Front eröffnen, was alle Risiken einer weiteren Ausbreitung der Unruhen in sich birgt.

Tripolitanien wiederum ist in vier Regionen aufgeteilt:

  • Misrata befindet sich in den Händen von fundamentalistischen Gangster-Milizen, die allgemein verhasst sind. Angehörige dieser Milizen hatten Oberst Gaddafi massakriert und seinen Sohn Saif an der Hand verletzt.
  • Im Süden macht der Stamm der Warfalla alleine etwa 30 % der Bevölkerung der Region aus; die Warfalla weigern sich ebenfalls, die Autorität des "Nationalen Übergangsrats" anzuerkennen.
  • Tripolis steht unter der Kontrolle von rivalisierenden Milizen, die nur ihren jeweiligen Anführern gehorchen; Mustafa Abdel-Jalil, der Vorsitzende des "Nationalen Übergangsrats", ist demgegenüber völlig machtlos.
  • Die einzigen Kräfte, die man derzeit als "solide" bezeichnen kann, sind die Berber-Milizen von Zentan und Jebel Nefusa. Während die Berber von Zentan arabischsprachig sind, sprechen diejenigen ihrer Stammesbrüder, die einen Teil des Jebel Nefusa rund um Nalout und Yafran bewohnen (Zentrum: die Stadt Zouara) die Berbersprache Tamazight. Es sei daran erinnert, dass die Berbersprachigen – und das heißt eben nicht alle Berber – ca. 10 % der libyschen Bevölkerung ausmachen; in Tripolitanien, wo mehr als 90 % von ihnen leben, macht ihr Bevölkerungsanteil hingegen ca. 20 % aus.

Die Milizen von Zentan, in deren Gewahrsame sich Saif al-Islam, der Sohn von Oberst Gaddafi, befindet, spielen derzeit ein subtiles Pokerspiel. Um dieses einigermaßen zu durchschauen, muss man folgende Punkte bedenken:

  1. Die Berbersprachigen wissen, dass der "Nationalen Übergangsrat" eine arabisch-islamische Politik verfolgen wird, die ihre spezifischen Bedürfnisse ignoriert; sie haben daher von dieser Seite nichts zu erwarten.
  2. Auch die arabischsprachigen Berber in Zenten haben bisher vom "Nationalen Übergangsrat" nichts Greifbares bekommen, sodass sie momentan jede Zusammenarbeit mit ihm verweigern.
  3. Die Warfalla und ebenso der Stamm des Obersten Gaddafi, die Kadhafa (Qadhadhfa), also die natürlichen Gegner des "Nationalen Übergangsrats", verhalten sich vorerst abwartend.

Wenn diese drei Kräfte, die zusammen ca. 70 % der Bevölkerung von Tripolitanien ausmachen, sich zusammenschließen, könnten sie leicht die Kontrolle über die gesamte Region übernehmen. Nun haben aber die Leute aus Zentan mit Saif al-Islam eine Trumpfkarte im Talon, die ihnen leicht die Unterstützung der Warfalla, der Kadhafa, aber auch der Tuareg und der Tubu einbringen kann. Das einzige Problem, das im Moment noch besteht, ist, dass die internationale Justiz gegen ihn einen Haftbefehl ausgestellt hat.

Das sind die komplexen und bewegten Gegebenheiten, um die im Augenblick in Libyen zähe Verhandlungen im diskreten Hintergrund geführt werden. Fortsetzung folgt…

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