Profil: Schweinejournalismus mit Unzensuriert-Rindvieh

„Oh, wie schön ist Paraguay“ betitelt das aktuelle profil eine zweiseitige Geschichte, in der das südamerikanische Land schlecht wegkommt. Nach Lektüre des Artikels entsteht beim Leser der Eindruck, dass es sich um eine der letzten Nazi-Bastionen der Welt handeln muss. Von „arischen“ Siedlungen ist die Rede, von Josef Mengele und anderen Nazi-Verbrechern, die einst dort Zuflucht gefunden haben, von russischen NS-Kollaborateuren, die bei den längst dort ansässigen Mennoniten untergekommen seien, von einem Antisemiten, der mit einem von Hitler persönlich geschickten Säckchen deutscher Erde beerdigt wurde. Krönender Schlusspunkt ist das Aufwärmen der Verschwörungstheorie, Hitler selbst habe sich mit Eva Braun nach Paraguay abgesetzt und im dortigen Dschungel bis in die fünfziger Jahre gelebt.

Der Erguss stammt aus der Feder von Christa Zöchling, die als Innenpolitik-Redakteurin mit einschlägig kommunistischer Vergangenheit vermutlich ihren ersten Bericht über Paraguay geschrieben hat und der man trotz des Schürens übler Ressentiments gegen das lateinamerikanische Land wohl keine grundsätzliche Abneigung den dortigen Menschen gegenüber nachsagen kann. Der Hund liegt für sie nicht in Paraguay begraben, sondern hier in Österreich. Denn es sind freiheitliche Abgeordnete wie der Dritte Nationalratspräsident Martin Graf und der Oberösterreicher (im profil mutiert er zum Kärntner) Gerhard Deimek, die das Land bereist haben und sich im Rahmen ihrer parlamentarischen Tätigkeit als Mitglieder der Freundschaftsgruppe Österreich-Lateinamerika um verstärkte Zusammenarbeit bemühen. Als Präsident und Obmann stehen sie zudem der Österreichischen Gesellschaft der Freunde Lateinamerikas (ÖGFLA) vor, die diese Reisen veranstaltet. Die nächste startet am 2. März und führt die Delegation nicht nur nach Paraguay, sondern auch nach Chile und Argentinien.

"Nueva Germania" und die Indianer

Die tatsächlichen Aktivitäten der Reisenden – von intensiven politischen über wirtschaftliche Kontakte bis hin zu sozialen und bildungspolitischen Projekten – werden bestenfalls beiläufig erwähnt. Dafür wird der Beschreibung einer „arischen“ Kolonie namens „Nueva Germania“ breiter Raum gewidmet. Dass die ÖGFLA-Reisenden dort gar nicht waren und auch jetzt nicht hinfahren, stört dabei nicht. Auch Unzensuriert.at kommt zu Ehren – als Homepage, „die von Mitarbeitern Grafs betrieben wird“. Dort sei zu lesen, dass „die meisten Indianer nicht gerne arbeiten würden, aber bei der Allgemeinheit mitnaschen wollen“. Dass es sich dabei nicht um die Meinung von Unzensuriert.at, sondern um ein Zitat des lokalen Gouverneurs Walter Stöckl handelt, verschweigt Zöchling, um ihr mühsam errichtetes Gesamtgebilde nicht zu gefährden. Unter Anwendung dieser „journalistischen Technik“ könnten wir nun ebenso behaupten, das profil habe die Indianer so charakterisiert.

Wir warten auf das Fotohonorar

Wir haben aber noch einen weiteren guten Grund, uns zu beschweren. Das in der Printausgabe des profil abgebildete Foto, dessen Bildtext ein zweites Mal den falsch zitierten Satz über die Indianer beinhaltet, stammt aus dem Unzensuriert-Fotoarchiv. Das Bild zeigt einen prächtigen Stier aus der Rinderzucht der Mennoniten im Gran Chaco, der von den FPÖ-Politikern Andreas Mölzer und Martin Graf bestaunt wird. Im profil ist als Quelle „ZURZEIT ARCHIV“ angeben. Beim damit offensichtlich gemeinten Wochenmagazin Zur Zeit , in dem das Foto im April 2011 mit Genehmigung von Unzensuriert.at veröffentlicht worden ist, weiß man freilich nichts davon, das Fotoarchiv für die profil-Kollegen geöffnet zu haben. Wir setzen dem profil hiermit eine Frist bis 9. März 2012, uns ein angemessenes Angebot für das Fotohonorar zu machen. Verstreicht die Frist ungenutzt, werden wir den Rechtsweg beschreiten.

Der deutsche Grünen-Politiker Jürgen Trittin verwendete für einen denunziatorischen Zeitungskommentar über den deutschen Präsidentschaftskandidaten Joachim Gauck unlängst das Wort „Schweinejournalismus“. Frau Zöchling setzt im profil noch eins drauf und betreibt Schweinejournalismus mit unserem Rindvieh.

Aktualisierung: Die seltsamen Wege des Rindviehs

Wie wir soeben erfahren, hat unser Rindvieh-Foto seltsame Wege genommen: Vom Gran Chaco über die Unzensuriert-Redaktion zu Zur Zeit – und von dort ans profil, dem die Kollegen von Zur Zeit das Bild übermittelten, ohne zu bedenken, dass die Rechte bei uns liegen. Dem Zöchling-Text rundherum nimmt das freilich auch nicht die üble Note des Gesinnungsjournalismus.

Objektive Berichte über die Südamerika-Reisen

Für all jene, die sich tatsächlich für die Initiativen der ÖGFLA für mehr Zusammenarbeit mit Lateinamerika interessieren, hier eine Sammlung von Berichten dazu:

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