Linksextreme Senioren erwarten späten Prozess

Besondere Solidarität durchzieht aktuell die bundesdeutsche linksextreme Anarchistenszene. Nachdem sie noch vor einigen Monaten ihren Kampf gegen die Veranstaltung des WKR-Balls in Wien auf ihre Fahnen geheftet hatte, hat sie seit kurzem ein neues Betätigungsfeld entdeckt: Die Solidarität mit Alt-Extremisten aus den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Das linksextremistische Anarchistennetzwerk Anarchist Black Cross tritt auf seiner Webseite für zwei Aktivisten der Jahrgänge 1934 und 1941 ein, die wegen Beteiligungen an extremistischen Strafdaten von den deutschen Behörden zur Verantwortung gezogen werden sollen. Dabei reicht eine Spur sogar bis zum terroristischen Überfall mit Geiselnahme auf die OPEC-Erdölminister im Jahre 1975 in Wien zurück.

Oma Sonja und Opa Christian wegen früherer Strafdaten verfolgt

Opec Gebäude Wien

Opec Gebäude Wien

34 Jahre nach dem Überfall auf die OPEC in Wien werden zwei
Linksextremisten in Deutschland vor Gericht gestellt.
Foto: Priwo / Wikimedia

Bei den beiden Verdächtigungen handelt es sich um die 79 jährige Sonja Suder und den 71 jährigen Christian Gauger. Sie entstammen der linken Sympathisantenszene, die sich um die Rote Armee Fraktion und deren Nachbarorganisationen, wie etwa die Bewegung 2. Juni, gebildet hatte. Linke studentische Splittergruppen und die autonome Hausbesetzerszene waren das Milieu, in dem sich die beiden aufgehalten hatten. Ein Umstand, der sie unter den dringenden Tatverdacht brachte, Teil eines terroristischen Netzwerks zu sein, das auch aktiv zu Taten beigetragen hat.

Tatverdacht wegen Sprengstoffanschlägen

Suder und Gauger werden von den Strafbehörden politisch-organisatorisch im Umfeld der sogenannten Revolutionären Zellen (RZ) angesiedelt. Die RZ waren eine „Stadtguerillagruppe“, die sich Anfang der 1970er Jahre gründete und 1973 mit einem Anschlag gegen den US-Konzern ITT in Westberlin in Erscheinung trat. Sie verübte unter anderem auf ein Firmengebäude des Konzerns MAN in  Nürnberg und auf das Heidelberger Schloss Sprengstoffanschläge. Das RZ-Mitglied Hermann Feiling hatte die beiden Mitgenossen seinerzeit belastet, dazu kam eine Aussage des RAF-Terroristen Hans Joachim Klein, der Suder in Zusammenhang mit dem Überfall auf die OPEC-Erdölminister 1975 in Wien als Unterstützerin nannte.

Seit 1978 auf der Flucht vor den deutschen Behörden

Suder und Gauger setzten sich nach dem Einsetzen der Ermittlungen gegen sie nach Frankreich ab und lebten dort unter falscher Identität bis zu ihrer ersten Verhaftung im Jahr 2000 22 Jahre lang in der Illegalität. Ein Auslieferungsbegehren der deutschen Behörden gegen die beiden Verdächtigen wurde nach dreimonatiger Untersuchungshaft abgelehnt, und die beiden waren wieder auf freiem Fuß. Sieben Jahre später erfolgte eine neuerliche Verhaftung. 2009 entschied Frankreich für die Auslieferung, die am 14.September 2011 erfolgte. Nun warten die beiden Extremismus-Senioren auf weitere Verfahrensschritte in Deutschland.

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