Der Staat Mali existiert nicht mehr

Durch einen Militärputsch in Mali wurde der bisherige Präsident General Amadou Toumani Touré entmachtet. Die für 29. April 2012 geplanten Präsidentschaftswahlen werden daher nicht stattfinden. Der Putsch ist das Ergebnis einer Niederlage der Armee im Kampf gegen die Tuareg-Rebellen, die eine Teilung des Landes anstreben. Der französische Afrika-Experte Bernard Lugan legt in seiner Analyse den Schluss nahe, dass der Staat Mali in seiner heutigen Form nicht aufrecht zu erhalten sein wird. Unzensuriert.at hat seinen Beitrag übersetzt:

Tuareg

Tuareg

Die Tuareg haben die Armee Malis in arge Bedrängnis gebracht.
Foto: Jörg Dahl, Berlin / Wikimedia (CC BY-SA 3.0)

Die malische Armee war von den Rebellen überrascht worden, hatte kopflos agiert und geriet in völlige Verwirrung. Als letzten Ausweg bemüht sie jetzt das Gespenst der "Al-Qaida im Maghreb" (AQIM), indem die Behauptung lanciert wird, die Tuareg seien Verbündete dieser Moslem-Fundamentalisten. Das Ziel ist es natürlich, den Westen zu einer Intervention auf Seiten der Armee zu veranlassen. Die Bedrohung der Region durch die AQIM ist natürlich unbestritten. Aber wäre es angemessen, einem solchen Aufruf in Form einer Pawlow‘schen Reaktion Folge zu leisten?

Konflikte unter Sahara-Bewohnern

Hier wäre es eine große Hilfe für unsere Politiker, wenn sie sich zunächst einmal in der historischen Ethnographie kundig machen würden. Die Tuareg sind nämlich nicht die einzigen Bewohner der westlichen Sahara. Es handelt sich um ein riesengroßes Territorium voller geografischer und ethnischer Kontraste. Wir können hier vier große Bevölkerungsgruppen in klar abgesteckten Räumen unterscheiden:

  1. Die Tuareg, ein Berbervolk, das in der zentralen Sahara lebt;
  2. Die Chaamba, ein mit den Beni Sulaym verwandter Araber-Stamm, dessen Siedlungszentrum die Oase Timimoun in Algerien ist;
  3. Die Reguibat, ebenfalls Araber, die behaupten, von den Idrissiden abzustammen und die als Nomaden zwischen Mauretanien und der Westsahara wandern;
  4. Die Mauren, die, soweit sie heller Hautfarbe sind, ebenfalls arabischer Abstammung und mit den Beni Hilal verwandt sind, in Mauretanien.

Diese Bevölkerungsgruppen standen seit jeher untereinander in Konflikt. Zur Zeit des Kolonialismus erwiesen sich die Chaamba als treue Hilfstruppen der Franzosen, doch waren es in Wirklichkeit nur, um alte Rechnungen mit ihren Nachbarn, den Berbern, zu begleichen. An den Hochburgen der Tuareg sollten sich die Franzosen dann letztlich auch die Zähne ausbeißen. Heute, und das scheint den meisten Beobachtern entgangen zu sein, ist die AQIM vor allem unter den Arabern der Sahara verbreitet, nicht aber unter den Tuareg, von einigen Ausnahmen infolge innerer Spaltungen abgesehen.

Nächster regionaler Unruheherd

Wenn wir Europäer die Sahara-Sahel-Zone als unseren "Hinterhof" betrachten, stellt sich uns natürlich die Frage: Sollen wir den Tuareg-Irredentismus anwachsen lassen, der sich dann den bereits bestehenden regionalen Unruheherden zugesellen würde: dem der fundamentalistischen Sekte Boko Haram im Norden Nigerias, dem der AQIM in der nordwestlichen Sahara-Region und dem der Polisario im Grenzgebiet zwischen Algerien, Marokko und Mauretanien?

Intervention oder Anerkennung

Angesichts dieser neuen Situation, die eine direkte Folge des unglücklichen Einschreitens Frankreichs und der NATO gegen Libyen ist, gibt es zwei Möglichkeiten:

  • Entweder eine sofortige und massive Intervention zugunsten der Armeen von Mali und Niger mit dem Ziel einer Aufrechterhaltung dieser beiden fiktiven Staaten, um der AQIM Einhalt zu gebieten und unsere aus dieser Region stammenden Uran-Lieferungen zu sichern. Diese wenig einfallsreiche Lösung würde das Problem allerdings nicht von Grund auf regeln können.
  • Oder das genaue Gegenteil: eine Anerkennung der Berber und Tuareg als Faktum, denen man sodann in Form eines "Outsourcing" den Kampf gegen die AQIM und gegen die Mafia-Strukturen überlassen könnte, an denen die Region leidet. Eine solche Politik würde eine völlige Neudefinition der staatlichen Strukturen anstelle der bisherigen Staaten Mali und Niger erfordern, was in den Augen der Jakobiner und Konformisten, die Frankreich heutzutage regieren, wohl kaum vorstellbar ist.

Ein dritter Weg, der jetzt offensichtlich eingeschlagen wird, ist der schlimmste von allen: ein Weg der Halbheiten, die in der Regel zur Katastrophe führen.

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