2500 Jahre Schlacht bei Marathon – Der erste Sieg des Abendlandes?

Wenn am Sonntag mehrere tausend Teilnehmer den Marathonlauf durch Wien bestreiten, so nehmen sie an einem Sportereignis teil, dessen Ursprünge weit in die Vergangenheit zurückreichen. Vor 2500 Jahren wurde ca 42 Kilometer von Athen entfernt die Schlacht bei Marathon geschlagen, in der ein Aufgebot der Stadt Athen die Armee des persischen Großkönigs besiegte.

Der Legende nach soll ein Läufer danach die Siegesnachricht nach Athen gebracht haben – der erste Marathonlauf der Geschichte. Aber nicht nur für die Geschichte des Laufsports ist dies ein denkwürdiges Ereignis.

Im Tal von Marathon trafen nicht nur zwei Heere aufeinander sondern auch zwei Gesellschaftsformen, die sehr unterschiedlich waren.

Das persische Reich war die Supermacht im eurasischen Raum jener Zeit. Die Macht des Großkönigs reichte vom Indus bis zum Bosporus, zahlreiche Völker waren seine Untertanen. Dieses gigantische Imperium war in der kurzen Zeit von nur etwa 60 Jahren entstanden und hatte so mächtige Reiche wie Babylon und Medien überrannt. Die persische Verwaltung war für die damalige Zeit vorbildhaft, im ganzen Land blühte der Handel; Architektur, Kunst und Kultur erreichten einen neuen Höhepunkt. Dabei war der persische König seinen Untertanen gegenüber relativ tolerant. Solange Steuern regelmäßig entrichtet und Soldaten gestellt wurden, blieb Lebensart und Religion der unterworfenen Völker unangetastet, alte Verwaltungsstrukturen wurden übernommen. Rebellion gegen den König, der eine mythisch überhöhte Stellung einnahm, wurde allerdings brutal unterdrückt.

Griechenland dagegen war in viele einzelne Stadtstaaten zersplittert, die oftmals gegeneinander Krieg führten. Die mächtigsten unter ihnen waren Athen und Sparta, dennoch waren auch diese beiden nur zwei unter vielen. Die meisten Städte wurden von Tyrannen beherrscht, wobei Tyrannis nur ein neutraler Ausdruck für Alleinherrschaft war; erst später bekam er seine negative Bedeutung.

In den zwanzig Jahren vor der Schlacht von Marathon war es aber in Athen zu einer gesellschaftlichen Revolution gekommen. Nach mehreren Umstürzen und Kriegen setzte sich unter entscheidender Mitwirkung des Politikers und Heerführers Kleisthenes ein neues Staatskonzept durch, dass „isonomia“ – gleichmäßige Verteilung genannt wurde. Es war die komplett neue Idee der Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz und die Möglichkeit aller Bürger an den Regierungsgeschäften teilzunehmen. In der Volksversammlung wurde jedes neue Gesetz diskutiert, über jede Maßnahme abgestimmt, jeder Bürger konnte frei sprechen.

Im Jahr 490 v. Chr. erlebte dieses neue Athen seine Feuerprobe. Der persische Großkönig forderte von den griechischen Städten Erde und Wasser als Zeichen ihrer Unterwerfung. Als sich Athen und Sparta weigerten, standen die Zeichen auf Krieg. Der persischen Kriegserklärung waren allerdings verschiedene Provokationen der Griechen, besonders der Athener vorausgegangen. Diese hatten Aufstände im persischen Reich unterstützt; unter Mithilfe der Athener war sogar eine persische Provinzhauptstadt in Schutt und Asche gelegt worden. Doch jetzt ging es für die Griechen um alles.

Ohne auf ihre Verbündeten zu warten, stellten sich die Athener dem persischen Heer in der Ebene von Marathon. In der Kampftaktik der beiden Kontrahenten spiegelte sich der grundlegende Unterschied der beiden Gesellschaften wider. Das persische Aufgebot bestand aus verschiedenen Verbänden die alle Völker, die dem Großkönig Untertan waren gestellt hatten. Die athenischen Hopliten (schwer gepanzerte Infanteristen) traten diesem Heer in der Form der Phalanx gegenüber. Jeder waffenfähige Bürger war mobilisiert worden; jeder deckte den anderen mir seinem Schild. Verlies nur ein Hoplit die Schlachtordnung, konnte das den Untergang aller bedeuten. Jeder einzelne Bürger stand für sein Gemeinwesen, auf den Schultern jedes einzelnen lag die ganze Verantwortung, jeder einzelne entschied über Sieg oder Niederlage.

Die athenische Phalanx hielt stand und mit ihr die neue Gesellschaftsordnung. Die Bürger – nicht die Untertanen – hatten ihre Bewährungsprobe bestanden. Um zu verhindern, dass Athen nach diesem Sieg doch noch Beute der persischen Flotte wurde, lief ein Bote die Strecke nach Athen, um die Siegesnachricht zu überbringen und die Verteidigung zu stärken.

Dieser Sieg des neuen Selbstverständnisses, der Bürger die für ihr Gemeinwesen gemeinsam ohne Standesunterschiede ins Gefecht zogen, macht die Schlacht von Marathon zu einem so bedeutenden Ereignis in der Geschichte des Abendlandes.

Der moderne Marathonlauf ist damit nicht nur die wahrscheinlich traditionsreichste Sportart der Welt, sondern auch Erinnerung an einen wichtigen Markstein in der Geschichte des Abendlandes. In diesem Sinne sei allen Marathonläufern viel Erfolg gewünscht! Vielleicht denkt ja der eine oder andere an die Athener, die vor 2500 Jahren erfolgreich ihre Freiheit verteidigten.

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