Toulouse-Attentäter mehr Psychopath als Terrorist

Der Toulouse-Attentäter Mohamed Merah hatte verschiedene Verbindungen zu radikalislamischen Salafistengruppen und war auch den französischen Geheimdiensten bereits vor seinen Untaten bekannt. Für Alain Chouet, der zum Zeitpunkt der Anschläge des 11. September die Nummer 3 des französischen Auslandsnachrichtendienstes (Direction Générale de la Sécurité Extérieure; DGSE) war, is Merah dennoch eher ein Psychopath als ein Terrorist. Für das französische Magazin Marianne2 analysiert Chouet, der Arabisch spricht und sich für die Entmystifizierung der Al-Kaida einsetzt, die Versäumnisse der Polizei und der Justiz im Fall Merah und erläutert, wie Medien und Politiker den Dschihadismus hochspielen, indem sie sich auf den Al-Kaida-Mythos berufen. Unzensuiert.at hat die wichtigsten Passagen seine Interviews übersetzt.

Marianne2: Sie waren drei Jahre lang Leiter der DGSE, speziell zum Zeitpunkt des 11. September. Die Nachrichtendienste DGSE (Ausland) und DCRI (Inland) waren stark in den Fall Merah verwickelt. Einige Stimmen sagen, Merah wäre unter französischer Geheimdienstdeckung nach Afghanistan und Israel gereist. Was sagen Sie zu dieser Polemik?

Alain Chouet: Wäre Merah ein Agent der DCRI gewesen (und dabei mehr oder weniger gut geführt worden bzw. letztlich zu einem peinlichen Fall geworden), dann hätte er mehr als 30 Stunden Zeit gehabt, sich darüber auszulassen und seinen Hintergrund zu offenbaren. Wobei es genügend Journalisten und Verschwörungstheoretiker aller Art in Hörweite gab, die seine Mitteilungen verfolgen konnten und darüber mit Sicherheit berichtet hätten. Das war aber nicht der Fall. Was der Fall Merah vor allem aufzeigt, ist das Unvermögen unseres Polizei- und Justizsystems (und unseres politischen Systems im Allgemeinen), mit Psychopathen im Schatten des Al-Kaida-Mythos umzugehen (wobei unsere Medien diesen selber hochgezüchtet haben).
Hätte die Polizei Merah unter irgendeinem Vorwand drei Wochen vor seiner Tat verhaftet, hätten all die Bobos und Gutmenschen aufgeschrien und von "Stigmatisierung", "ihm angedichteten Delikten" und ähnlichen Unsinn geschriene. Man hätte Innenminister Guéant und DCRI-Chef Squarcini vorgeworfen, auf dem Terrain des Front National zu wildern.

Marianne2: Auf allen TV-Stationen waren sich die "Anti-Terror-Experten" bald einig und strapazierten die These des "Einsamen Wolfes". Dennoch war er den Nachrichtendiensten nicht unbekannt und sein Bruder behauptete sogar, er sei ein Komplize gewesen. Was sagen Sie dazu?
Alain Chouet: Der Fall Merah ist mehr der eines Psychopathen als der eines politischen Terroristen. Er unterscheidet sich wenig von einem Anders Breivik in Norwegen oder jenen Wahnsinnstätern, die regelmäßig in den USA für Schlagzeilen sorgen. Der einzige Unterschied ist, dass er sich zum Islam bekennt, anstatt sich auf Hitler oder einen evangelistischen Rachegott zu berufen.
Die Proponenten des politischen Salafismus (einschließlich der Al-Kaida), die seit 1998 eifrig bestrebt sind, die muslimische Welt vom Westen zu isolieren und dort die Macht zu übernehmen, bedürfen dieser Art von Irren nicht – jedenfalls nicht zum gegenwärtigen Zeitpunkt. Nachdem ihnen neuerdings der Westen selber die Tore zur Macht in den meisten arabischen Ländern öffnete, haben sie an sich kein Interesse, durch Attentate oder ähnliche Aktionen einen Konflikt mit dem Westen zu schüren – außer dort, wo es eine direkte bewaffnete Konfrontation gibt (Afghanistan, Irak). Man darf nicht übersehen, dass seit über einem Jahr terroristische Gewaltakte von organisierten Dschihadisten fast vollständig aufgehört haben.

Marianne 2: Nach dem Tod von Mohamed Merah erklärte Nicolas Sarkozy: "Wir können es nicht hinnehmen, dass unsere Gefängnisse Brutstätten für die Indoktrination durch Hass-Ideologien und Terrorismus werden." Und Bernard Squarcini, der Direktor des Inlandsgeheimdienstes, behauptete, Merah "hätte sich von selbst radikalisiert, indem er im Gefängnis den Koran las".

Alain Chouet: Die Frage ist doch die, ob man diejenigen ins Gefängnis steckt, die vorher die Predigten eines Yusuf al-Qaradawi (einer der wichtigsten Protagonisten des gewalttätigen Dschihad) in Katar oder seiner Pendants in Kairo oder Amman, oder demnächst auch in Tripolis, Tunis oder Damaskus gehört haben.
Letzte Woche erteilte die französische Botschaft in Katar (auf Antrag der örtlichen Behörden…) ein Visum für Qaradawi, um an einem jährlichen Treffen der Union des Organisations Islamiques de France (UOIF) teilzunehmen. Dieses Visum wurde in der letzten Minute durch Paris storniert. Aber ich zweifle nicht daran, dass, wenn der Emir sich darüber zu sehr echauffiert, einem künftigen Visaantrag doch noch Folge geleistet wird.

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