Die Allmachtphantasien der Journalisten

Es gibt Journalisten, die halten sich nicht nur für die Besten ihrer Zunft, sondern sie halten sich auch für die besten Politiker, die besten Wirtschaftsleute, die besten Juristen, die besten Psychologen, die besten Philosophen. Man könnte zusammenfassen: Sie haben Allmachtphantasien.

Florian Klenk

Florian Klenk

Florian Klenk, hier als Dozent zum Thema "Investigativer Journalismus".
Foto: gerhard.loub / flickr (CC BY-NC 2.0)

Nicht selten schlägt diese Selbsteinschätzung in den Kommentaren, manchmal sogar in den Artikeln durch. Besonders bricht sie jedoch hervor, wenn die Journalisten „privat“ kommunizieren. Das tun sie derzeit bevorzugt auf Twitter. Der stellvertretende Falter-Chefredakteur Florian Klenk bildet sich seit Tagen ein, dass ihm die FPÖ die Rechnungen für die Reise zweier Politiker nach Tschetschenien aushändigen muss. Heute verfällt er dazu beinahe schon in den Befehlston und merkt Richtung Generalsekretär Harald Vilimsky an:

Ich bin der journalist, Sie der gewählte mandatar. Ich stelle die fragen.

Vilimsky kontert:

Journalist ist ok, sie glauben aber ein Inquisitor zu sein. Nicht alle springen, wenn sie schlecht gelaunt sind.

Jüngere Kollegen Klenks, die ihre Brötchen beim Standard verdienen, haben die Machtpose selbst noch nicht so gut drauf, zeigen aber unverhohlene Bewunderung für Journalisten, die so richtig die Sau rauslassen. Saskia Jungnikl und Rainer Schüller (der sich für den WKR-Ball ein Bärtchen wachsen ließ, um ob seiner großen Prominenz nicht erkannt zu werden) weisen ganz ergriffen auf ein Interview in der deutschen Wochenzeitung Zeit hin. Befragt wird darin der neue Parteipräsident der Schweizer FDP, Philipp Müller. Wobei „befragt“ eher die falsche Formulierung ist. Dem Interviewer entfahren dabei Sätze wie:

  • Es ist ein kleines Wunder. Ein gelernter Gipser wird FDP-Präsident.
  • Die FDP ist personell so ausgeblutet, dass Menschen wie Sie eine Chance bekommen.
  • Wieso opfern Sie Ihr ganzes Leben der Politik und diesen Ordnern? Sogar Ihre Ehe ist an Ihrer Arbeitswut zugrunde gegangen.
  • Ich denke, das ist eine falsche Haltung.
  • Hören Sie auf mit solchen Sätzen! Das ist unter Ihrer Würde.
  • Da sind Sie selbst schuld. Sie sind ja ein seltsamer Populist.

Die letzten beiden „Fragen“ beziehen sich auf die Einschätzung Müllers, dass nicht „jeder hierherkommen und sich gesetzlos benehmen“ könne. Dass er überhaupt die Probleme „Sicherheit, Kriminalität und Asylwesen“ angehen will, schmeckt dem Interviewer gar nicht, denn der weiß es besser:

Ich sage: In diesen drei Bereichen haben wir keine ernsthaften Probleme.

Sprüche wie diese sind es, die Jungnikl und Schüller entzücken. „So gutes Interview“ und „man beachte die interviewführung“ lauten ihre Kommentare auf Twitter. Der Leser muss einfach wissen: Der Gescheiteste ist in allen Interviews, Kommentaren und Artikeln der Journalist, der auch als einziger die richtige Meinung vertritt. Denn wenn man schon „unter prekären Arbeitsverhältnissen, die von Billiglöhnen und befristeten Anstellungen oder freier Tätigkeit geprägt sind“ seinen Job machen muss, wie es jüngst in einer von immerhin knapp 700 Menschen unterstützen Journalisten-Petition hieß, dann muss einem der Arbeitgeber zumindest genug Gelegenheit geben, sein Selbstbewusstsein zu pflegen. Dass selbst hochbezahlte Medienleute wie Zeit-im-Bild-2-Moderator Armin Wolf nicht von diesem Ego-Trip loskommen, mag an der Macht der schlechten Gewohnheit liegen.

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