Weltwoche-Cover: Sturm der Entrüstung in Österreichs Blätterwald

Der unterschiedliche Entwicklungsgrad von Demokratie, Meinungs- und Pressefreiheit zeigt sich aktuell an einer österreichisch-schweizerischen Mediendebatte. Das Schweizer Magazin Die Weltwoche hat den Zorn hiesiger Journalisten mit einem plakativen Titelblatt über kriminelle Roma-Zigeuner erregt. Einer der Medienvertreter lief schnurstracks zur Polizei und zeigte den Weltwoche-Herausgeber Roger Köppel wegen Verhetzung an.

Weltwoche

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Das umstrittene Titelblatt der Weltwoche.
Bild: www.weltwoche.ch

Man muss das aktuelle Weltwoche-Cover nicht mögen, darf es auch getrost geschmacklos finden. Ein Roma-Bub zielt mit einer Pistole direkt in das Gesicht des Betrachters. Das Foto wurde offenbar in der serbischen Provinz Kosovo aufgenommen, wo zahlreiche Zigeuner unter ärmlichsten Verhältnissen auf einer Müllhalde leben und dort nach Verwertbarem suchen. Der Titel dazu lautet „Die Roma kommen: Raubzüge in der Schweiz – Familienbetriebe des Verbrechens“.

Merkwürdigerweise nahmen andere Medien in der Schweiz daran bisher keinen Anstoß, während sich in Österreich unter Journalisten sofort eine empörte Debatte entwickelte. Bis einer von ihnen, der beim profil für die neuesten Entwicklungen in Österreichs gehobener Gastronomie verantwortliche Klaus Karnolz, das Heft an der Trafik besorgte und mit ihm als „Beweismittel“ auf die nächste Polizeistation marschierte. Unter dem Titel „Ein Schweizer Job für Jobbik“ berichtet er darüber im profil-Blog.

„Themen, die man nicht debattieren sollte“

Der Standard widmet dem Titelblatt ebenfalls einen Artikel, in dem die der Kritik zugrunde liegende Motivation schön herausgearbeitet wird. Der Schweizer Journalist Dante Andrea Franzetti findet die Berichterstattung der Weltwoche „widerwärtig“ und bezeichnet sie als „Spiel mit dem Feuer. Damit werden Themen salonfähig gemacht, die man nicht debattieren sollte.“ – Daher weht also wieder einmal der Wind: Diskussionsverbote für Themen, die das gutmenschlich Weltbild ankratzen könnten. Ähnlich naiv äußert sich Astrid Zimmermann vom Wiener Presseclub Concordia: „Diese Medien erledigen das Geschäft der rechten Parteien“, gibt sie in einer Zeitung zu Protokoll, die seit ihrer Gründung das Geschäft der linken Parteien erledigt.

Weltwoche: Linke Bastion ging verloren

Mittlerweile nehmen auch Schweizer Zeitungen von der Debatte Notiz und berichten – in völliger Neutralität – über die in Österreich entflammte Debatte. Es werden einige jüngere Beispiele für Verhetzungs-Prozesse aufgezählt, von denen einer auch einen Schweizer Bürger – den Werber Alexander Segert – betraf, der von diesem Vorwurf gemeinsam mit dem stierischen FPÖ-Obmann Gerhard Kurzmann freigesprochen wurde. Die Basler Zeitung beleuchtet aber auch andere interessante Hintergründe der Aversion österreichischen Journalisten gegen die Weltwoche. Offenbar wurde da ein Karriere-Sprungbrett der Linken zerstört:

In den 80er- und 90er-Jahren war die „Weltwoche“ unter österreichischen Intellektuellen und Künstlern eine sehr beliebte Lektüre. Einige Wiener Journalisten machten auf der „Weltwoche“-Redaktion Karriere. Der politische Kurswechsel des Magazins unter Chefredaktor Köppel von links nach ganz rechts wurde deshalb in Wien besonders genau verfolgt und diskutiert.

Der Inhalt der Titelgeschichte ist übrigens nicht näher bekannt. Die Weltwoche stellt ihre Texte online nur Abonnenten zur Verfügung. profil-Journalist Karnolz hätte die Gelegenheit gehabt, sie zu lesen, ließ aber offen, ob er dies auch tat.

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