Stehen wir vor einem Siegeszug der Piraten-Partei?

Nach der Innsbrucker Gemeinderatswahl bejubeln die Medien eine „Sensation“: Nach den Landtagen in Berlin und in Saarbrücken holen die Piraten nun auch in Österreich ihr erstes Mandat. Diese würden jetzt die politische Landschaft umkrempeln und auch die FPÖ stoppen.

 

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Die Titelseite von Österreich bejubelt am 16. April den Piraten-Erfolg.
Foto: Unzensuriert.at

Kürzlich meinte Wolfgang Fellner, Herausgeber von Österreich, die Piraten würden vor allem den Freiheitlichen Stimmen wegnehmen. Da war wohl der verzweifelte Wunsch Vater des wahnwitzigen Gedankens. Die beiden Kernpunkte des Piraten-Programms sind ungestörte Verspieltheit im Internet und die Drogenfreigabe. Anders gesagt: Der typische Pirat ist linksgestrickt, will nächtelang vor dem Bildschirm hocken und dabei kiffen. Es wäre neu, dass das für FPÖ-Wähler eine politische Verlockung darstellt.

Die Piraten sind eine Mischung aus Bobos und Spontis. Bobos sind Bürgerliche, die von den Linken der bürgerlichen Gedankenwelt, aber nicht der bürgerlichen Lebensart entrissen werden konnten. Bobos wählen oft grün, manchmal schwarz, selten rot und niemals blau. Da diese schrulligen Besserverdiener nur von Ihresgleichen verstanden werden, ballen sie sich in städtischen Gebieten gerne zusammen. In Wien leben sie daher bevorzugt in Innergürtelbezirken (wo sie den Grünen fantastische Wahlergebnisse bescheren), lesen Falter und treffen sich in „hippen“ Betonwüsten wie dem „Museumsquartier“, das sie sogar selbst „Boboville“ nennen. Für Spontis wiederum sind Aktivismus und ein hoher Spaßfaktor ganz wichtig. In den 1980er- und 1990er-Jahren fielen sie bei Hochschülerschaftswahlen mit Scherzlisten wie „Die Rebellen vom Liang Shan Po“ auf, die aufgrund der geringen Wahlbeteiligung von knapp 30 % meistens tatsächlich eines der 65 Mandate im österreichischen Studentenparlament erlangten.

Piraten-Ergebnis in Innsbruck ist ein Flop

Warum konnten die Piraten in Berlin so einschlagen? Weil die Gesellschaft in der BRD im allgemeinen und in den größeren Städten im speziellen bereits ziemlich kaputt und das Wahlvolk verdrossen ist. Das Innsbrucker Ergebnis ist für die Piraten in Wirklichkeit enttäuschend. Bei einem neuen Negativrekord von 52,3 % Wahlbeteiligung verdanken sie mit ihren mickrigen 3,8 % lediglich dem Fehlen einer Prozentklausel den Einzug, den sogar der „Seniorenbund“, die dritte VP-nahe Liste, schaffte. Im kuriosen Listengewirr Innsbrucks war nicht mehr als der siebte Platz möglich. Der einzelne Pirat wird während der nächsten fünf Jahre sang- und klanglos untergehen. Immerhin blieben die Grünen auf Platz 3 (von 18,5 auf 19,1 %), die ohne die Piraten vermutlich sogar Platz 1 geschafft hätten. Aus den angestrebten vier Mandaten („Eines machen wir alleine durch Facebook“, so der Seeräuber-Spitzenkandidat vor dem Urnengang) wurde nichts. Es ist schön, per Facebook in wenigen Tagen zehntausende Freunde zu sammeln, aber wahlberechtigt zu sein und real hinzugehen ist etwas anderes.

Der junge bundesdeutsche Liedermacher Tim Bendzko brachte vor einigen Monaten mit seinem Ohrwurm „Nur noch kurz die Welt retten“ die Selbstüberschätzung der Facebook-Generation auf den Punkt. Vor den Piraten müssen sich nur die Grünen fürchten – aber auch nur wenige Jahre…

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