Der Beginn der modernen Kriegsberichterstattung

Wenngleich der Krimkrieg von 1853 bis 1856 in unseren Breiten heutzutage wenig Beachtung findet, so wird seine Bedeutung stark unterschätzt. Der Krimkrieg gab einen Ausblick auf den Stellungskrieg und die Wirkung moderner Waffensysteme. Er entfremdete Russland vom Westen und trug zur Isolierung der Habsburgermonarchie bei. Erstmals wurden im Krimkrieg neue Formen der Verwundetenversorgung erprobt. In einer Hinsicht erwies sich der Krimkrieg als Wendepunkt: Es war der erste Krieg, den Zeitungsleser zeitnah miterleben konnten und der die Wirkung moderner Kriegsberichterstattung demonstrierte. Vor allem in Großbritannien mit seinem aufstrebenden Bürgertum führte die Berichterstattung zu direkten Auswirkungen auf das Kriegsgeschehen und sogar zum Sturz der Regierung. Die Geschichte dieses außergewöhnlichen Krieges dokumentiert Orlando Figes in seinem Buch "Krimkrieg: Der letzte Kreuzzug"-

Kriegsberichterstattung vor dem Krimkrieg

Bereits in der Antike war die propagandistische Wirkung von Kriegsberichten bekannt und führte zu einer Vielzahl von entsprechenden Schriften. So ließ Alexander der Große seine Erfolge von Schreibern aufzeichnen und trug so selbst zu seinem Nachruhm bei. Die sicherlich bekannteste Darstellung stammt von Julius Caesar, der seine Kriegszüge in „Commentarii de bello Gallico“ festhielt und dabei ein brillantes Stück Kriegspropaganda hinterließ.

Die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern führte zu einer weiteren Verbreitung von Kriegsdarstellungen, ab dem 17. Jahrhundert erstmals in periodischen Druckwerken – den Vorläufern der heutigen Zeitungen. Mit dem Aufstieg des Bürgertums und der Abnahme der Analphabeten gewannen auch regierungsunabhängige Zeitschriften und Zeitungen an Bedeutung, die öffentliche Meinung wurde für die Regierenden mehr und mehr zu einem Faktor. Napoleon Bonaparte kommentierte diese Entwicklung mit dem Satz: „Drei feindliche Zeitungen sind mehr zu fürchten als tausend Bajonette.“

Großbritannien zieht in den Krimkrieg

Als Großbritannien 1853 in den Krimkrieg zog, war es zwar propagandistisch gut gerüstet, die Armee jedoch nicht auf ihren Einsatz vorbereitet. Bereits in den Jahrzehnten vor dem Krieg wurde in der Öffentlichkeit immer wieder das Gespenst eines übermächtigen Russland, das die europäische Zivilisation bedrohe, beschworen. In vielerlei Hinsicht glichen die Stereotype jene, die auch im 20. Jahrhundert gegenüber der Sowjetunion und auch Deutschland verbreitet wurden. Besonders beeindruckt war die Öffentlichkeit vom Novemberaufstand der Polen 1830; das russische Regime wurde als rückständig und tyrannisch empfunden, während den Polen große Sympathie entgegenschlug. Großbritannien sei berufen die Schwächeren gegen Tyrannei und Unterdrückung zu verteidigen. Ein Beispiel für diese Geisteshaltung lieferte Reverend John James aus Reed: “Es ist ein gottgefälliger Krieg, ungeachtet jeglicher Gefahr die Horden des heutigen Attila zurückzutreiben, der die Freiheit […] der zivilisierten Welt bedroht.“ Waren gestern die Polen der Schwächere, so war es im Krimkrieg das von den Russen bedrohte Osmanische Reich.

William Howard Russell

William Howard Russell

William Howard Russell auf der Krim, ca. 1854
Foto: Library of US Congress

Großbritanniens Armee war jedoch, aller Propaganda zum Trotz, keineswegs auf einen Krieg gegen die Landmacht Russland vorbereitet. Offiziere wurden nach Abstammung bestellt nicht nach Eignung, die gemeinen Soldaten wurden als Abschaum betrachtet und bei Vergehen ausgepeitscht. Das Lazarett- und Nachschubwesen wies arge Mängel auf, die Ausrüstung war veraltet. Gerade im Gegensatz zur modern organsierten und bewaffneten Armee ihrer französischen Verbündeten gaben die Soldaten der Seemacht Großbritannien ein schlechtes Bild ab.

William Howard Russell auf der Krim

Nach dem Rückzug der Russen vom Balkan und aus dem Schwarzen Meer beschlossen die Verbündeten Großbritannien und Frankreich, den Haupthafen der zaristischen Schwarzmeerflotte Sewastopol auf der Krim anzugreifen, die weiteren Kriegspläne waren zu diesem Zeitpunkt noch offen. Der Herausgeber der London Tageszeitung The Times, damals die auflagenstärkste Zeitung der Welt, John Delane, konnte beim Oberbefehlshaber der britischen Armee erreichen, dass William Howard Russell das Expeditionskorps auf die Krim begleiten durfte.

Russell war katholischer Ire und hatte seine Feuertaufe als Kriegsberichterstatter beim Schleswig-Holsteinischen Krieg von 1850 erhalten. Russell gehörte damit zu der neuen Gattung des Kriegskorrespondenten, der direkt vom Ort berichtete; die aktuellen Meldungen waren bis dahin fast ausschließlich den Kommuniqués der Konfliktparteien entnommen und dementsprechend gehalten. Erfahrungen mit dieser Form der Berichterstattung gab es naturgemäß noch nicht, dementsprechend auch keine Vorgaben und Anweisungen von Regierung und Militär, sodass die Journalisten zu Beginn des Krieges weitgehend ohne Zensur berichten konnten.

Russells Kritik an den Zuständen auf der Krim

Russell, der vom britischen Offizier Henry Clifford als „genau der Mann, der sich Informationen verschaffen kann“ beschrieben wurde, verbrachte zwei Jahre auf der Krim, in denen er die britische Öffentlichkeit fast täglich informierte. Dabei kritisierte er schonungslos die vielfältigen Missstände in der britischen Armee. Die Versorgungslage war vor allem in den Wintermonaten katastrophal, die hygienischen Verhältnisse führten zu Seuchen und die Lage der Verwundeten war entsetzlich.

britisches Camp

britisches Camp

Britisches Camp auf der Krim, die Zustände waren zu Beginn katastrophal
Foto: James Robertson, Felice Beato / Wikimedia

Abseits dieser Mängel war es vor allem das adelige Offizierskorps und sein Verhältnis zu den Untergebenen, das die bürgerlichen Leser der Times aufbrachte. Viele Offiziere waren unfähig, korrupt und mitleidlos gegenüber den Mannschaften. Während diese hungerten, konnten sich Offiziere eigene Spezialitäten liefern lassen; bei geringen Vergehen folgte die Prügelstrafe. Der britische Oberbefehlshaber Lord Raglan beschwerte sich in London über den Journalisten, Delane war jedoch nicht bereit, dem Druck nachzugeben und veröffentlichte einen Leitartikel über die Missstände.

Neue Techniken ermöglichen aktuelle Berichterstattung

Entscheidend für die Pressekampagne waren neueste Techniken, die eine aktuelle Berichterstattung ermöglichten. Besonders wichtig war die rasche Nachrichtenübermittlung. Zu Beginn des Krieges 1853 benötigte eine Meldung fünf Tage von der Krim nach London, im Winter 1854 waren es nur noch zwei Tage, Ende April – die Briten hatten inzwischen ein Unterwassertelegraphenkabel zur Krim gelegt – erreichten die Nachrichten binnen Stunden die britische Hauptstadt. Damit wurde fast der heutige Standard erreicht und die Presse konnte bereits am nächsten Tag über die Ereignisse des Vortages berichten.

Der Krimkrieg war auch der erste Krieg, der photographisch festgehalten wurde. Auf Grund der langen Belichtungszeiten waren jedoch fast ausschließlich gestellte Bilder möglich. Im Auftrag der britischen Regierung dokumentierte der Photograph Roger Fenton den Krieg, wobei er sich im Gegensatz zu Russell an die Vorgaben des Militärs hielt und keine gefallenen Briten ablichtete.

Die Presse stürzt die Regierung

Lord Raglan

Lord Raglan

Der britische Oberbefehlshaber auf der Krim Lord Raglan
in einer Photographie von Roger Fenton
Foto: Roger Fenton / Wikimedia

Von Anfang an war das Interesse der britischen Öffentlichkeit am Krimkrieg besonders hoch, die Zeitungen erhielten unzählige Leserbriefe. Die Berichte erschütterten die Öffentlichkeit und hatten zwei Effekte. Einerseits stieg das Ansehen der einfachen Soldaten, viele Bürger begannen sich mit Sammlungen und ähnlichem zu engagieren; diese Bewegung fand im privaten Krankenschwesternkorps der Florence Nightingale ihren Höhepunkt. Andererseits stieg der Druck auf die Regierung, dem sich auch vermehrt die parlamentarische Opposition anschloss. Nachdem mehrere hohe Offiziere abgelöst worden waren, trat schließlich der Premierminister, Lord Aberdeen, zurück. Sein Nachfolger wurde Lord Palmerston, der es in großem Ausmaß verstanden hatte, die Presse für sich einzunehmen, und als Kandidat des patriotischen Mittelstandes galt. Überhaupt fiel die kritische Berichterstattung mit dem zunehmenden Machtanspruch des Mittelstandes in Großbritannien zusammen und beförderte diesen in starkem Ausmaß.

Die Macht der Nachrichten hält bis heute an

Wie wenig Napoleons Weisheit über die Macht der Medien an Aktualität eingebüßt hat, beweist der Medienkrieg in Syrien. Für jede Regierung nach dem Krimkrieg ist die Berichterstattung von besonderem Interesse, will sie ihre Bevölkerung für einen Krieg mobilisieren und – im schlimmsten Fall – nicht gestürzt werden. Lord Aberdeen hatte als Erster diese Medienmacht zu spüren bekommen, sein Nachfolger wusste sie für sich einzusetzen.

Auch für den Feind kann die Berichterstattung von großem Interesse sein, wie sich auch im Krimkrieg zeigte. Zar Alexander II. verfolgte mit großem Interesse die Berichte über die sinkende Kampfmoral der britischen Soldaten und ließ diese an seine Truppen weiterleiten.

Außer den direkt involvierten Mächten erweckte die ausführliche Berichterstattung auch das Interesse Außenstehender an dem Krieg. In den USA lag die Sympathie auf Seite der Russen, sie sahen eher die Briten als Despoten an und Russland galt als unterlegen im Kampf gegen Frankreich und Großbritannien. Samuel Colt bot an Waffen zu entsenden, amerikanische Freiwillige meldeten sich nach Russland und eine US – Militärdelegation beriet die russische Armee.

Der Krimkrieg war so insgesamt ein wichtiger – wenngleich kaum beachteter – Schritt auf dem Weg in das Medienzeitalter.

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