Journalisten als Laiendarsteller in der KHG-Show

Österreichs Medien sind recht unzufrieden mit der Leistung des parlamentarischen Untersuchungsausschusses. Dass Ex-Finanzminister Karl-Heinz Grasser trotz umfangreicher Vorwürfe nach wie vor recht gute Figur macht, schmeckt ihnen gar nicht. Doch die größte KHG-Show fand zweifellos gestern in der ZiB-2 statt. Und das lag nicht an „schlecht vorbereiteten Abgeordneten“, sondern am angeblich besten und härtesten ORF-Interviewer, Armin Wolf.

Geschlagene 16 Minuten wurde Grasser im Hauptabendprogramm befragt. Dabei landete Wolf nicht einmal einen einzigen Treffer. Bei den heiklen Punkten – jenen, zu denen sich Grasser im Ausschuss der Aussage entschlagen hatte – hakte der Moderator nicht nach und ließ Grasser daher wieder entwischen.

Was wohl Wolfgang Fellner, wortgewaltiger Herausgeber der Tageszeitung Österreich, dazu sagen würde? Der war nämlich heute wieder in seinem Element:

Der U-Ausschuss des Parlaments hat gestern auch bei der zweiten Einvernahme von Karl-Heinz Grasser eine fürchterliche Schlappe erlitten. Der bestens geföhnte Ex-Minister und sein Trauzeuge Meischi haben den schlecht vorbereiteten Volksvertretern wieder einmal das Blaue vom Himmel erzählt. [.]Die Abgeordneten arbeiten – im Polit-Hickhack – gegeneinander. Die Verdächtigen lachen die Aufklärer aus. Wenn dieser Ausschuss nicht bald konsequenter und professioneller arbeitet, schadet er der Republik mehr, als er ihr nützt.

Selbst ist Fellner  eine Seite davor – nämlich auf dem Titelblatt – dem blendenden Ablenker Grasser voll auf den Leim gegangen. „Grasser attackiert Parlament“ dokumentierte Österreich in fetten Lettern den Angriff des Ex-Finanzministers auf die Abgeordneten, die dessen ehemaligem Kabinettschef Heinrich Traumüller die bisher wichtigsten Aussagen in der BUWOG-Causa entlockt hatten – worauf dieser laut Medienberichten psychisch belastet war und von seiner Familie für einige Stunden als abgängig gemeldet wurde.

Dass die Medien – sowohl Österreich als auch der ORF – den U-Ausschuss selbst gerne zur billigen Show verkommen lassen, ist freilich weniger ein Medienthema. Warum auch? Dem Publikum gefällt’s. Der ORF-Kunde Florian Klenk, stellvertretender Chefredakteur des Falter, zeigte sich heute via Twitter begeistert vom Wolf’schen Grasser-Interview und frohlockte: „Exzellenzes interview von @ArminWolf mit #grasser in der zib 2. Mehr geht nicht“.

Braucht die ÖVP Grasser wieder?

Vielleicht ist der Plan aber auch ganz ein anderer: In der ÖVP soll sich bereits Widerstand gegen den seit rund einem Jahr im Amt befindlichen Obmann regen, dem mangelndes Charisma vorgeworfen wird. Ganz ehrlich: So viel Strahlkraft wie Spindelegger schafft Grasser selbst noch mit zwanzig anhängigen Verfahren. Und das mit dem neuen ÖVP-Verhaltenskodex bekommt er sicher auch hin – wenn ihn Armin Wolf lange genug „supersauber“ interviewt.

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