Was machen Medien, obwohl sie es nicht dürfen?

Vier Journalisten und ein Medienanwalt gingen im Wiener Radiocafe einer spannenden Frage nach: "Was dürfen Medien?". Klingt nach freiwilliger Selbstkontrolle just am internationalen Tag der Pressefreiheit. Doch Anwalt Gottfried Korn machte schnell klar, das Thema müsse eigentlich anders lauten, nämlich: "Was machen Medien, obwohl sie es nicht dürfen?"

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Was dürfen Medien? Korn, Kotanko, Salomon, Petz und Wörgetter (von links).

Angeführt vom Juristen drehte sich die Diskussion die längste Zeit um rechtliche Fragen und sparte die politische Komponente weitgehend aus. Hermann Petz von der Moser Holding (u.a. Tiroler Tageszeitung), Christoph Kotanko vom Kurier, Sylvia Wörgetter von den Salzburger Nachrichten und Martina Salomon von der Presse waren sich einig, dass das Privatleben von Politikern Tabu sein müsse. Eine Regel, die freilich nach dem Unfalltod Jörg Haiders vielfach ignoriert wurde, was zu teils empfindlichen Strafen führte, wie Korn zu berichten wusste. Die Tageszeitung ÖSTERREICH fasste für einen einzigen Artikel die Rekordbuße von 50.000 Euro aus, weil es – so die Urteilsbegründung – gerichtsnotorisch sei, dass die Zeitung immer wieder gegen das Mediengesetz verstoße.

Verletzung der Privatspäre: Bei Haider ja, bei Rosenkranz nein

Die intensive Berichterstattung über das Privatleben von Bundspräsidentschaftskandidatin erschien dem Juristen erstaunlicherweise unbedenklich – auch die steckbriefartige Veröffentlichung der Fotos ihrer zehn Kinder durch ÖSTERREICH.

Sylvia Wörgetter begrüßte die rechtlichen Schranken ausdrücklich, etwa aus Gründen des Opferschutzes, aber auch als Selbstregulativ im rauen Konkurrenzkampf mit anderen Zeitungen. In der politischen Berichterstattung wünschte sie sich hingegen mehr Freiheiten der Beurteilung, vor allem in Kommentaren. Der Konter des Medienanwalts Korn: "Bei Kommentaren werden Sie ohnehin jeden Prozess gewinnen."

Als "Leitmedien" gelten den Kollegen die "Zeit im Bild" im ORF, die Kronen Zeitung "mit aufsehenerregenden Geschichten" (Kotanko) und die deutsche "Bild", sofern sie österreichbezogene Themen bringt. Was dort gesendet oder geschrieben stehe, daran könnten auch die anderen nicht vorbei.

Bezahlte Demonstranten in Griechenland "gehen nicht"

Der scheidende Kurier-Chefredakteur Kotanko erklärte anschaulich, was Medien nicht dürfen: Wenn seine Kollegin, die jetzt nach Griechenland gereist ist, ihn anrufe, dass von den angekündigten Demonstrationen noch wenig zu sehen sei, gleichzeitig aber erkläre, sie habe zehn Demonstranten gefunden, denen sie ein Taggeld zahlen werde, damit sie ordentlich Stimmung machen, und die Geschichte somit plangemäß erscheinen könne – "Dann geht das nicht", stellte Kotanko unmissverständlich fest. Somit dürfte die Frage "Was dürfen Medien?" – siehe bezahlte Nazi-Statisten in Wiener Neustadt – von Redaktion zu Redaktion anders beurteilt werden.

Unzensuriert.at war mit den Ergebnissen der Diskussion nicht ganz zufrieden und stellte daher noch einige Fragen an zwei Journalisten. Was Martina Salomon und Christoph Kotanko zu Medienförderung, Qualitätsjournalismus, politischen Kampagnen in den Medien und der Gefahr für die Pressefreiheit durch das geplante Anti-Terrorgesetz sagen, lesen Sie hier.

Bildquelle: Friedrich-Funder-Institut

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