„Manche Journalisten sehen sich als politische Akteure“ – Audio-Interview mit Christoph Kotanko und Martina Salomon

Unzensuriert.at nimmt immer wieder eine medienkritische Position ein und hat zuletzt intensiv über die ORF-Inszenierung mit Nazi-Statisten auf einer Strache-Veranstaltung berichtet, aber auch über mediale Entgleisungen im Bundespräsidenten-Wahlkampf. Die Podiumsdiskussion des Friedrich-Funder-Instituts zum Thema „Was dürfen Medien?“ haben wir daher genutzt, um zwei führenden Journalisten des Landes einige kritische Fragen zu stellen, die bei der Veranstaltung wenig oder gar nicht besprochen wurden.

Kurier-Chefredakteur Christoph Kotanko und die Leiterin der Innenpolitik der Zeitung „Die Presse“, Martina Salomon, standen Rede und Antwort. Kotanko äußerte sich durchaus kritisch zu Inseraten von Parteien und staatsnahen Betrieben – Stichwort „Meinungskauf“ -, appelliert dabei allerdings an die Verantwortung der Inserenten. Ein frommer Wunsch freilich, denn diese bezwecken damit ja offensichtlich, dass sich die Berichterstattung zu ihren Gunsten wendet. Eine finanzielle – und damit auch politische – Abhängigkeit der Medien von der Presseförderung stellen sowohl Kotanko als auch Martina Salomon in Abrede.

Eine oft geäußerte Kritik betrifft den fehlenden Qualitätsjournalismus in Österreich – bedingt durch eine kleinere Leser- und damit Käuferschar und natürlich auch geringere Werbeinnahmen, als sie etwa deutsche Zeitungen verbuchen dürfen. Der österreichische Journalist Martin Lichtmesz, der in Deutschland arbeitet, formulierte es unlängst sehr drastisch: „Es gibt schlechthin keine Qualitätspresse in Österreich, weit und breit keine FAZ, keine SZ, ja nicht mal eine Frankfurter Rundschau oder taz.  Wir sprechen von einem Land, in dem man ein seichtes Linksliberalen-Blättchen wie den Standard für ,intellektuell hält, weil einem das die näselnde Stimme von Oscar Bronner zwölftausendmal in der Radiowerbung erzählt hat“. Ein Vorwurf, den weder Salomon noch Kotanko gelten lassen wollen.

Im Journalisten-Report II attestierten Medienwissenschafter den österreichischen Journalisten einen Hang zum Meinungs- und Kampagnenjournalismus und den überdurchschnittlichen Willen zur Einflussnahme auf die politische Agenda. Bemerkenswert ist auch, dass sich 34 Prozent der Journalisten als den Grünen nahestehend bezeichneten – also der kleinsten im Parlament vertretenen Partei. Darauf angesprochen, kritisiert Kotanko die übermäßige Einmischung mancher Journalisten in die Politik, hält das aber für kein österreichisches Spezifikum. Es gebe Journalisten, die „glauben, dass sie Akteure des Geschehens sein sollen und nicht Beobachter und Kommentatoren“.

Einig sind sich Salomon und Kotanko in der Bewertung des geplanten Terrorismuspräventionsgesetzes. Es könne nicht sein, dass bei Tierschützern und Väterrechtlern Terrorismusgefahr heraufbeschworen werden soll, sagt Salomon. Für Kotanko setzt das Gesetzesvorhaben einen Trend aus den USA fort. Die Meinungs- und Pressefreiheit sollte unter dem Deckmantel der Terrorismusbekämpfung nicht untergraben werden.

Das Gespräch mit Martina Salomon und Christoph Kotanko führte Alexander Höferl.

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