Muttertag verpasst – so ein Glück!

Um die ORF-Diskussionssendung im Zentrum mache ich einen großen Bogen. Das liegt an der Gastgeberin, an der Mehrheit der Gäste, an den beigezogenen Experten. Mitleid habe ich nur mit dem auf Kommando applaudierenden Studiopublikum, wenngleich ich nicht verstehe, warum man sich einen Sonntagabend so vermiesen will. Vermutlich liegt es an Verwandtschaft oder sonstigen Loyalitäten gegenüber eingeladenen Gästen. Meistens sehe ich mir den Tatort-Krimi extra erst um 21.45 Uhr auf einem dieser ARD-Nebenkanäle an, um ja nicht in die Versuchung zu kommen, in diese Sendung reinzuzappen.

Kommentar von Unzensurix

Eva Dichand

Eva Dichand

Eva Dichand beim World Economic Forum in Davos. Zu Hause geben
einander derweil die "Nannys" die Klinke in die Hand.
Foto: Milenko Badzic/First Look/pictur

So hielt ich es auch am Muttertag, wurde dann jedoch durch einen Kommentar im Standard aufmerksam, das heißt eher durch die darunter befindlichen, teils sehr pointiert geschriebenen Lesermeinungen. Also ging ich in die TV-Thek und wagte den Versuch. Er blieb unvollkommen, aber immerhin 20 Minuten habe ich durchgehalten.

Dass die Sendung überhaupt so lange erträglich war, lag am großartigen Auftritt, den gleich zu Beginn eine Mutter von vier plus zwei „dazugewonnenen“ (Thurnher-Diktion „angeheirateten“) Kindern hinlegte. Mit einer Engelsgeduld, die fast nur Mehrkindmütter aufbringen können, ließ sie der Moderatorin saudumme Frage abprallen, ob es denn nicht egoistisch sei („Also da geht es jetzt vor allem einmal um das, was Sie gerne möchten“), dass sie bei den Kindern zu Hause bleibe anstatt zum Beispiel arbeiten zu gehen (oder zumindest zum Frisör oder ins Kaffeehaus).

Aus dem weiteren Diskussionsverlauf war folgendes zu gewinnen:

  1. Barbara Rosenkranz (FPÖ) und Sabine Oberhauser (SPÖ) brachten recht gut die Leitlinien rechter und linker Familienpolitik zum Ausdruck. Beide machten den Eindruck souveräner Mütter, die diese Aufgabe – mit mehr oder weniger Beruf nebenbei – mit Freude erfüllen
  2. Die Moderatorin und Autorin Eva Herman war gerade damit beschäftigt, einen schlecht formulierten und daher falsch verstandenen Satz zu relativieren, wonach „Rabenmütter“ diejenigen seien, die „arbeiten gehen und die Kinder weggeben“. Diese Pauschalierung ist schon auf Grund der finanziellen Lage vieler junger Familien nicht aufrecht zu erhalten und war wohl auch nicht so gemeint.
  3. Die Diskussionsrunde wurde von zwei weiteren Damen aus der Medienbranche komplettiert. Heute-Geschäftsführerin Eva Dichand war ganz glücklich, dass ihr Mann und Krone-Chefredakteur es sich leisten konnte, ihr zur Beaufsichtigung der drei Kinder zwei „Nannys“ zu bezahlen, selbstverständlich ausgebildete Pädagoginnen, eine Englisch und eine Deutsch sprechend. Welche davon das Mittagsmahl zubereiten darf, das Frau Dichand trotz Fulltimejob gemeinsam mit dem Nachwuchs in den eigenen Gemächern einzunehmen pflegt, blieb offen. Vielleicht gibt’s dafür noch zusätzliches Hauspersonal.
    Zwar nur als eine „ganz normale Schreibkraft“ bei der deutschen Zeit bezeichnete sich Jutta Hoffritz. Trotzdem war sie mächtig stolz darauf, ihr Kind den angeblichen Trends des „Baby-Yoga“ und „Early English“ entzogen zu haben, weshalb sie sich selbst als „Rabenmutter“ bezeichnet, darüber aber flugs ein Buch schrieb, vermutlich um sich gegen drohende Kritik aus der Kollegenschaft zu immunisieren, die den Fehler beging, den eigenen Nachwuchs tatsächlich zum Baby-Yoga anzumelden. Die Kurse dieser – Zitat Hoffritz – „Mütterbeschäftigungsindustrie“ gab’s vermutlich vergünstigt für Zeit-Leser und für Redakteure noch einmal mit Sonderrabatt obendrauf.

Schon bisher gab es Anzeichen dafür, dass Journalisten in einer Parallelrealität leben. Vielleicht ist es aber sogar ein anderer Stern in einer ganz fremden Galaxie. Ich bin ja nur Sohn und Vater, aber was müssen sich die Mütter bei dieser Sendung gedacht haben?

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