Die Lügen der Bankenaufsicht

Ich hatte schon in mehreren meiner Artikel darauf hingewiesen, dass sich die Banken und ihre Aufsichtsbehörden eines besonderen Jargons bedienen, um uns – und vielleicht auch sich selber – weiszumachen, dass sie alle Risiken unter Kontrolle haben, die sie eingegangen sind. Ich halte derartige Konzepte, die den Anspruch auf mathematische Genauigkeit erheben, für gefährlich dumm, denn sie sind im Grunde nicht viel mehr als abstruse Schutzbehauptungen.

Kommentar von David Malone, übersetzt aus dem Englischen

Ich habe auch den besonders technisch klingenden Begriff Risk Weighted Assets [risikogewichtete Aktiva] behandelt. Eine Bank bezeichnet so jenen Betrag, den sie sich als Rendite aus von ihr ausgegebenen Darlehen erwartet, multipliziert mit einem Risikofaktor für allfällige Gewinnausfälle, wenn Darlehen teilweise oder zur Gänze nicht zurückbezahlt werden. An sich ist dieser Risikofaktor gar nichts besonders Kompliziertes, aber er ist wichtig um zu erkennen, wie solide eine Bank ist. Die offensichtliche Frage dabei ist natürlich, wer diesen Risikofaktor festlegt.

Banken legen ihr Risiko selbst fest

Die Antwort darauf ist ganz einfach: jener Teil der europäischen Basel-II-Bankenregulierung, der als Internal Ratings Based System (IRB) bezeichnet wird, gestattet es den Banken selbst, vorbehaltlich natürlich einer "Billigung" seitens der jeweiligen Bankaufsichtsbehörde, über die Höhe des Risikos ihrer Aktiva und die Größe der Gefahr eines Verlustes zu entscheiden. Ich zitiere aus meinem seinerzeitigen Artikel und aus diesen Bestimmungen:

Sie [die Bankinstitute] definieren ihr eigenes Risiko nach eigenem Modell […] vorbehaltlich der Genehmigung.
Alle Bankinstitute, die auf Basis des IRB arbeiten, können die Ausfallwahrscheinlichkeit ihrer Kreditnehmer ermitteln, diejenigen, die auf Basis des erweiterten IRB arbeiten, können auf Fall-zu-Fall-Basis eigene Schätzungen der Verlustquote und der Risikosituation bei Ausfall anstellen.
Also es gibt sogar ein erweitertes IRB-System! Natürlich werden die dabei verwendeten Modelle nicht offen gelegt und unterliegen daher auch nicht der Kontrolle durch externe Experten. Welches Modell würde wohl eine Bank wählen, wenn ihre Experten zwei mögliche Modelle entwickeln, eines mit einer höheren und eines mit einer niedrigeren Gesamtrisikogewichtung? Und wenn eine andere Bank ein Modell entwickelt, dessen Risikogewichtung noch ein klein wenig besser abschneidet, so würde doch ein subtiler Druck entstehen, es der unbestrittenen Brillanz des Mitbewerbermodells gleich zu tun? Entscheiden Sie selber…

Financial Times bestätigt Risikovertuschung

Als ich das schrieb, war ich nur einer jener verärgerten Leute aus dem gemeinen Volk. Doch unlängst berichtete sogar die Financial Times:

Ängste über die Kapitalausstattung der Banken steigen
Die Sorge wächst, dass die Banken in Europa und anderswo in Bälde neuen strengeren Eigenkapitalanforderungen unterworfen werden müssen, wenn sie an ihren internen Modellen herumbasteln, um ihr Betriebsrisiko kleiner erscheinen zu lassen.

Und weiter:

Zu viele Banken versuchen mittlerweile, die erforderlichen Kennzahlen durch eine so genannte "Optimierung von risikogewichteten Aktiva" zu erreichen. In einigen Fällen bedeutet das, riskante Aktiva zu verkaufen oder abzubauen, aber in anderen Fällen wird einfach nur die Berechnungsmethode für die Risikogewichtung geändert, um auf diese Weise einen geringeren Kapitalbedarf zu erzielen.

Der FT-Artikel berichtet auch davon, dass im Jahr 2010 die Lloyds Bank ihre Risikogewichtung für verschiedene ausländische Aktiva reduziert hatte und auf diese Weise herausfand, dass sie plötzlich 16 Milliarden Pfund weniger Kapitalbedarf dafür hatte. Wie angenehm! Die Commerzbank tat das gleiche nach der Fusion mit Dresdner Bank, Santander ebenso, und auch Spaniens zweitgrößte Bank BBVA sieht in den gegenwärtigen Turbulenzen in Spanien kein Hindernis für die Verringerung der Risikogewichtung für Ihre Aktiva.

Aufsichtsbehörden sollen Modelle prüfen – aber wie?

Die Banken haben nichts anderes zu tun, als ihr hauseigenes Computer-Modell zu entwickeln, mit dem sie ihre Aktiva und ihre Risiken bewerten. Wie ein bestelltes Orakel sagt ihnen dann das Modell, dass die Bank viel solventer sei und ihre Aktiva viel weniger Risiko trügen, als jeder zunächst vermutet hatte. Natürlich bin ich mit meiner Beschreibung schrecklich einseitig. Ich habe kein Wort darüber gesagt, dass diese Risiko-Modelle und die sich daraus für die Banken ergebenden Resultate nicht nur von den nationalen Bankaufsichtsbehörden, sondern auch durch die European Banking Association (EBA) überwacht werden. Der FT-Artikel schließt nämlich folgendermaßen:

Die Aufsichtsbehörden in Großbritannien und anderswo haben angekündigt, dass sie die von den Banken vorgelegte Pläne genau prüfen werden, mit denen diese die neuen Eigenkapitalvorschriften erreichen wollen, wobei gegen jene, die sich unlauterer Methoden bedienen, mit aller Strenge vorgegangen werden soll.

Natürlich muss man auch daran denken, dass die EBA gemeinsam mit den nationalen Bankaufsichtsbehörden erst im vergangenen Jahr einen zweiten Bank-Stresstest für 90 europäische Banken durchgeführt hat, worüber die EBA in ihrem Abschlussbericht wie folgt berichtete:

Was die von den Banken eingegangenen Risken (ihr "Engagement") und ihre Kapitalzusammensetzung betrifft, so weist der im Jahr 2011 EU-weit durchgeführte Stresstest ein beispielloses Maß an Transparenz auf, was es Investoren, Analysten und anderen Marktteilnehmern ermöglicht, zu einer fundierten Bewertung der Widerstandsfähigkeit des Bankensektors in der EU zu gelangen. (S.3)

"Ein beispielloses Maß an Transparenz". Wie konnte ich das nur übersehen! Aber es kommt noch besser:

Die Ergebnisse wurden durch die Aufsichtsinstanzen der Herkunftsländer genauestens überprüft und danach einem Begutachtungs- und Qualitätssicherungsprozess durch EBA-Mitarbeiter gemeinsam mit Expertenteams aus den nationalen Aufsichtsbehörden, der Europäische Zentralbank (EZB) und des European Systemic Risk Board (ESRB) unterzogen. (S.2)

"Genauestens überprüft" und "einem Begutachtungs- und Qualitätssicherungsprozess" durch "Expertenteams" unterzogen und das an Orten, von denen wir gewöhnlich Sterbliche im Leben noch nie die etwas gehört haben. Stimmen wir eine Lobeshymne auf sie an! Es folgt dann noch ein Nachsatz:

Allerdings ist die EBA auf die Qualitätsbewertung seitens der nationalen Behörden und auf die internen Prozesse der Banken angewiesen, um solche Bereiche wie Ertragsentwicklung, Qualität der Aktiva, Ergebnisse der Modelle und Umfang ihrer Auswirkungen auf Aktiva und Passiva zu beurteilen. (S.2)

Auf die "internen Prozesse der Banken" verlässt man sich also bei der Beurteilung "solcher Bereiche" wie – als wären dies nur ein paar periphere Details – "Qualität der Aktiva", "Ergebnisse der Modelle" und "Umfang ihrer Auswirkungen auf Aktiva und Passiva". Mit anderen Worten: man "verlässt" sich auf die Banken selbst bei allen Angaben, die in irgendeiner Weise von substantieller Natur sind. Die Banken bewerten sich selbst und das einzige, was von all diesen Experten der EBA und anderer illustrierter Behörden genauestens geprüft wurde, war wahrscheinlich das luxuriöse Diner anlässlich ihres Zusammentreffens.

Bankia galt nach Stresstest als fit

Oder bin ich da etwa unfair? Lassen Sie mich sehen. Zu welchen Schlussfolgerungen sind diese Experten denn gelangt? Beispielsweise wurde von keiner einzigen spanischen Bank verlangt, dass sie zusätzliches Kapital über die bereits zuvor festgelegte Größenordnung hinaus aufnehmen müsse. Alle diese Banken waren in Ordnung. Nicht nur in Ordnung nach damaligen Kriterien, sondern auch nach dem widrigsten Szenario auf Basis des neuen Tests. Bankia war einer jener Banken, die von allen Experten als fit betrachtet wurde. Was ist aus dieser Prognose geworden? Zuerst war noch alles in Ordnung und die Bank erzielte sogar noch Gewinne. Aber dann war sie plötzlich pleite und musste vom Steuerzahler mit 3 Milliarden Euro "gerettet" werden. Dieser Betrag hat sich später verdoppelt. Dann neuerlich verdoppelt. Mittlerweile weiß man es schon nicht mehr so genau.

Was ist denn aus all der Risikogewichtung geworden? Lag man damit so daneben? Ein wenig zu weit von der Realität entfernt? Nein, Bankia ist die hässliche Realität, die übergeblieben ist, nachdem alle Experten-Computermodelle und pompöse Zusicherungen der Risikogewichtung sich erledigt hatten. Sie wird nicht die letzte Bank sein. Warum sollte jemand glauben, dass die Aufsicht der EBA über andere Banken, ihre Modelle und ihre risikogewichteten Lügen besser wäre, als es im Falle der Bankia der Fall war?

Finanzadel lügt gemeinsam

Es gab keine Transparenz. Es gab keine Ehrlichkeit. Keine Integrität. Keine Ehre. Was wir hier vor uns haben, ist ein Finanzadel, der gemeinsam lügt und sich gegen uns verstört, um weiterhin auf unsere Kosten ein prasserhaftes Leben führen zu können.
 

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