Schwere Ermittlungsfehler im Fall Kampusch | Unzensuriert.at

Schwere Ermittlungsfehler im Fall Kampusch

Schwere Ermittlungsfehler im Fall Natascha Kampusch wurden in dem heute vom Unterausschuss für Innere Angelegenheiten vorgelegten Abschlussbericht festgestellt. Der Beschluss über den Bericht wurde einstimmig von allem Parlamentsparteien gefasst und kommt zum Schluss, dass sowohl Kriminalpolizei als auch Justizbehörden über viele Jahre hinweg oberflächlich und unzureichend ermittelt haben. Von der Entführung der Natascha Kampusch über den angeblichen Selbstmord Wolfgang Prikopils bis hin zur Rolle von Prikopil-Freund Ernst H. sind laut Bericht viele Sachverhalte nicht ausreichend untersucht worden. Dazu haben die Ermittler völlig falsche Schlüsse aus dem Ermittlungsstand gezogen.

Die Mitglieder des Ausschusses - Otto Pendl (SPÖ), Werner Amon (ÖVP), Dagmar Berlakowitsch-Jenewein (FPÖ), Peter Pilz (Grüne) und  Peter Westenthaler (BZÖ) - waren sich einig. Folgende Fragen wurden mit einem klaren "Nein" beantwortet:

  1. Sind die Ermittler von Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei ihrer Aufgabe mit der notwendigen Sorgfalt und Professionalität nachkommen?
  2. Ist den wesentlichen Fragen, die sich im Laufe der Ermittlungen ergeben haben, ausreichend nachgegangen worden?

Ermittlungsfehler bis zur Flucht von Kampusch

Schwere Ermittlungsfehler ortet der Bericht bei den Ermittlungen von Untersuchungsrichter und Staatsanwaltschaft. So seien in besonders geringem Ausmaß Vernehmungen durch die Justizbehörden vorgenommen worden. Zahlreiche Aussagen vor den Polizeibehörden wurden nur in Berichtsform und nicht als Wortprotokoll aufgezeichnet. Hinweise eines Polizei-Hundeführers wurden nicht aufgegriffen. Darüber hinaus wurde im Jahr 2002 trotzt Weisung des Bundeskriminalamtes keinerlei Evaluierung der bis dahin stattgefundenen Ermittlungen durch die eingesetzte Sonderkommission vorgenommen.

Einzeltätertheorie der Ermittler weiterhin umstritten

Die Aussagen der Tatzeugin Ischtar A.und ihre Hinweise auf eine zweite Tatperson wurden nicht aufgegriffen. Widersprüche zwischen dem Opfer Kampusch und der Zeugin zum Tathergang wurden bis heute nicht aufgeklärt und hinterfragt. Damit wurden Zweifel an der Einzeltätertheorie bestätigt. Laut Bericht wurde sogar Druck auf die Zeugin durch einvernehmende Beamte ausgeübt. Das Verhalten Prikopils unmittelbar nach der Entführung, die wesentlich später erfolgte Fertigstellung des Verlieses sowie die Vermögensverhältnisse und Verbindungen zu dritten Personen wie etwa Ernst H wurden ebenfalls durch die ermittelnden Behörden nicht entsprechend untersucht.

Mangelhafte Ermittlungen nach Kampusch-Flucht

Zum Tod Prikopils und dem Zeitfenster zwischen Kampuschs Flucht und Versiegelung der Täterbehausung ergeben sich ebenfalls wesentliche Fragen, die ungeklärt sind. Auch hier wurde der Person Ernst H. sowie dessen Verhalten und Äußerungen eine auffallend mangelhafte Aufmerksamkeit entgegengebracht. Weitere ungeklärte Zusammenhänge im Umfeld von Prikopil und Ernst H runden das Bild der Ermittlungsmängel ab. Ins Bild passt auch die Feststellung schwerer Defizite in der laufenden Zusammenarbeit zwischen Justiz und Polizei. 

Einstimmiger Wunsch nach neuerlichen Evaluierungen

Als Konsequenz des Abschlussberichtes fordern alle fünf Parlamentsparteien neuerliche Evaluierungen der bisherigen Ermittlungsergebnisse durch externe Experten, etwa des deutschen Kriminalamtes oder des FBI. Dazu sollen mittels eines einstimmigen Beschlusses das Innen- und Justizministerium veranlasst werden. Darüber hinaus wollen die Fraktionen eine parlamentarische Kontrolle der Justizbehörden einrichten, die abgeschlossene Gerichts- und Ermittlungsverfahren überprüfen soll.

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