Kanzleramt zahlt Standard-Redakteur 1000 Euro pro Tag

Als Veranstalter von Bierseminaren ist Conrad Seidl landauf, landab wohlgelitten. Dass sich Seidl – im Brotberuf Redakteur des Standard, der sich selbst das Prädikat „Österreichs unabhängige Tageszeitung“ gibt – auch als Lohnschreiber des roten Bundeskanzleramtes (BKA) verdingt, scheint dagegen aus mehreren Gründen bemerkenswert. Seidl gestaltete die Broschüre anlässlich „15 Jahre Regionalmanagement in Österreich“. Dabei hat das BKA nicht nur einen eigenen Bundespressedienst mit Redakteuren, sondern auch die Wiener Zeitung im hundertprozentigen Eigentum. Doch das Amt, das seit 2008 von Werner Faymann und seinem Medien-Spezialisten Josef Ostermayer (beide SPÖ) geführt wird, greift lieber auf einen Redakteur eines „befreundeten“ Mediums zurück. Und lässt sich die Arbeit auch ein stolzes Honorar kosten, wie eine parlamentarische Anfrage von FPÖ-Klubobmann HC Strache zeigt.

Preis für Seidl „jedenfalls gerechtfertigt“

28.800 Euro spendierten Werner Faymann und sein Bundeskanzleramt für die Jubelbroschüre „Die Kraft der Regionen“, die 2010 anlässlich des 15. Jahrestages der Einrichtung des Regionalmanagements in Österreich gestaltet wurde. Dies macht stolze 379 Euro pro Seite für Conrad Seidl, der gegenüber Unzensuriert.at darauf Wert legt, dass das Honorar „24.000 Euro plus Umsatzsteuer“ ausmachte. Ermittelt hat er dieses Pauschalhonorar im Schätzverfahren. 24 Tage veranschlagte er und „das hat dann auch in etwa gepasst“. Der Seitenpreis sei jedenfalls gerechtfertigt, so Seidl, denn: „Wenn ich eingeladen werde, einen Gastkommentar (oft im Umfang von nur einer Viertelseite) zu schreiben, wird dieser typischerweise auch mit 300 Euro plus Mehrwertsteuer honoriert – wobei ich aber bei einem Gastkommentar keinen Aufwand für Recherchereisen etc. habe.“

Bezahlt hat jedenfalls der österreichische Steuerzahler. Dafür bekam er einen Art Wordrap, der sich schon in den Kapitelüberschriften des Werkes wiederfindet. Eingeleitet wird die Broschüre durch ein seicht geratenes Vorwort des Bundeskanzlers. Ansonsten herrscht auf 76 Seiten die Schmalspurprosa. Überschriften wie „Da draußen wächst etwas“, „Nüsse knacken“, „Der Stein des Anstoßes“, „Über den Tälerrand geschaut“ oder „Zum Fressen gern“ geben einen Eindruck von der Tiefe der Textierung. Eine kleine  Kostprobe soll nicht vorenthalten werden und zeigt, dass sich Seidl ganz in seinem Element wiedergefunden hat:

Geruch und Geschmack des Käses – sie variieren mit dem Alter des Laibes – sind eine solide Basis, sie bilden sozusagen denn Kern der Marke. (Die Kraft der Regionen, Seite 37)

Arbeitgeber wurde nicht informiert

Zwar nahm er sich auf Grund der zeitlichen Belastung für die Erstellung der Broschüre beim Standard Urlaub, melden musste er die Nebentätigkeit seinem Arbeitgeber jedoch nicht. Denn Seidl erkennt auch kein Spannungsverhältnis zu seiner Tätigkeit als politischer Journalist:

Wenn Sie die Broschüre lesen, dann werden Sie feststellen, dass es darin auch nicht um das BKA geht, sondern um die Tätigkeit des Regionalmanagements. Dass das BKA diese Tätigkeit – ebenso wie die einzelnen Bundesländer das tun – fördert, ist erfreulich und meines Wissens politisch unumstritten. Strikte politische Neutralität war auch eine der Vorgaben des RMÖ, für mich aber ohnehin eine Selbstverständlichkeit.

Fragt sich nur, wessen Tätigkeit mit 1000 Euro pro Tag stärker gefördert wurde: die des Regionalmanagements oder die des Redakteurs. Ein lohnender Urlaub war es für Seidl allemal.

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