Türken-Zeitung Hürriyet interessiert sich für Deutsche Burschenschaft

Ali Özkan, obwohl "spezialisiert auf 'nazifizierte' Studentenverbindungen" und "unmittelbar betroffen von den NSU-Morden", blieb einsilbig. Beim Burschenschafterprozess am Landgericht Bonn unterstützte der Hamburger Scheidungsanwalt den angeklagten SPD-Burschen Christian J. Becker durch kaum mehr als seine schiere physische Präsenz. Becker – Burschenschafter, Sprecher einer Ein-Mann-Initiative "gegen Nazis" und Hamburger PR-Berater – hatte sich kurzerhand einen zweiten Rechtsbeistand engagiert, um vor der Kammer bestehen zu können. Es ging in Bonn um die Frage, ob Beckers pauschale Behauptungen, die er seit Monaten gegen Mitglieder seiner eigenen Burschenschaft und Mitglieder des Verbandes Deutsche Burschenschaft (DB) twittert oder lanciert, unwahre Tatsachenbehauptungen (wie der Kläger Norbert Weidner, Amtsträger der DB befand) oder "Wertungen" darstellten.

„Enthüllungen“ fallen auf fruchtbaren Medien-Boden

Das Gericht entschied in einem unspektakulären Prozess teilweise zu Gunsten des Angeklagten. Seine pauschalen Vorwürfe, deren Wahrheitsgehalt nicht erörtert wurde, seien "Wertungen". Es gelte Meinungsfreiheit. Außerordentlich war das Echo der Medien, Becker selbst hatte sie angefüttert. "Männerbündler vor Gericht" titelte die TAZ hämisch – aber mit Gespür für die Brisanz, die im "Burschenprozess" lag. Er eignete sich hervorragend für eine weitere mediale Pauschalverurteilung, da nunmehr ein angeblicher "Insider" zu Enthüllungen bereit war. Seit Wochen schreibt Top-Zuträger Christian J. Becker über eine "rechtsextreme Geheimorganisation", die Terrorzelle "NSU", "sexuelle Gewalt homosexueller Burschen", "Säbelduelle im Nebel", "Mensurschlachtfeste" und den ersten deutschen Bundespräsidenten Theodor Heuss. Die Medien übernahmen die weniger bizarren Anwürfe und machten entsprechende Stories daraus. Den Job für die TAZ erledigte gewohnt routiniert der Antifa-Journalist und linkslinke Medienprofi Andreas Speit. Er muss in den "Enthüllungen" und Twitter-Tiraden aus Hamburg eine wahre Goldgrube erblickt haben.

Der unmittelbare Zugang des PR-Beraters zu ausgewählten Medien mit linker bzw. linkslinker Neigung, die prompt die Positionen des Hamburgers verlautbarten und ihn über Wochen quasi zum "Kämpfer gegen Rechts" aufbauten, stach von Beginn seines "Kampfes" heraus und machte selbst der "Burschenszene" nicht nahestehende Beobachter stutzig. An dieser Stelle lohnt es sich erneut auf den Hamburger Scheidungsanwalt Özkan zurück zu kommen. Denn im Vorfeld des Prozesses tauchte prompt ein Bericht in der Europa-Ausgabe des türkischen Mediums Hürriyet auf, der sich dem Bonner Burschenschafterprozess pointiert widmete – von Beckers-Burschen-Blog als internationales Medien-Echo präsentiert.

Hürriyet als türkisch-nationalistische Unterstützung

Özkan kündigte gegenüber Hürriyet an, mit seinem Engagement "gerade jetzt Licht auf ein ernstes Problem in Deutschlands Studentenschaft werfen zu wollen" und "werde in jedem Falle Sieger sein". Natürlich klingt bei derartigen Einlassungen immer die Zwickauer Terrorzelle "NSU" an, deren unheimliche Nähe zum Verfassungsschutz mittlerweile parlamentarische Untersuchungssauschüsse in Sachsen und auf Bundesebene beschäftigen.

Die Hürriyet, die O-Töne Özkans verwertete und sein Konterfei mit Robe in eine bedrohlich wirkende Collage mit Springerstiefeln einbaute, ist eine Macht: Ihre Auflage in der Türkei beträgt ca. 500.000, die Europa-Ausgabe ca. 40.000, die Online-Ausgabe für "Avrupa" dürfte tausende Mal pro Tag angeklickt werden. Wer sich näher mit der Hürriyet beschäftigt, wird auf eine Besonderheit der türkischen Medienlandschaft aufmerksam: Ein Großteil der Tageszeitungen mit hoher Auflage ist "nationalistisch", "konservativ-rechts" oder "national-islamistisch" ausgerichtet (Bundeszentrale für politische Bildung). Die Hürriyet, die ganz selbstverständlich den Wahlspruch "Die Türkei den Türken" führt und einen hohen Stellenwert in den türkischen Communities in Westeuropa besitzt, stellt keine Ausnahme dar. Zwar hadert sie in der Regel mit Erdogans Frömmeleien und den Bestrebungen, die Türkei islamistisch umzubauen, dennoch deckt sich ihr Tenor mit dem neo-nationalistischen Programm des mit absoluter Mehrheit regierenden Chefs der islamistischen AKP-Partei. Selbst der kaum der Skepsis gegenüber den türkischen Communities und ihrem Medienkonsum verdächtigen Süddeutschen Zeitung gilt sie als "nationalistisch geprägt".

Deutschland als Feindbild, Burschenschaft erst recht

Der Leitspruch ist also Leitlinie. Sie äußerte sich jüngst darin, dass das Massenblatt Erdogans knallharte Politik gegen den "Unrechtsstaat" Israel mit nationalistischen Parolen unterstützte. An Feindbildern mangelt es Hürriyet nicht: Israel, die Armenier und andere "Feinde des Türkentums" stehen in der Dauerkritik, die nicht mit giftiger Polemik und Herabsetzungen spart. In Europa und der Bundesrepublik ist es die "Dauer-Diskriminierung" der Türken und der 2,6 Millionen türkischstämmigen Bewohner, ihre "elende Situation in der Fremde", die allerdings auch schon als das "westtürkische Gebiet" firmierte, die das Blatt journalistisch umtreibt.

In ihrer nationalistischen Meinungsmache, die laut der Süddeutschen dem "Diktat der Auflage" unterworfen ist, kann jeder Einwanderungskritiker, jeder Konservative, jeder "Rechte" sehr schnell zum "Nazi" werden. Vor diesem Hintergrund passte der Prozess gegen "rechtsextreme Burschenschafter", in dem ein Landsmann zupackend türkische Interessen gleich mit vertreten wollte, ins Konzept. Das Interesse der Hürriyet an den Vorgängen in der DB als "Nazi-Organisation", zielgerichtet angeschoben, dürfte andauern. Deutschland, Burschenschafter, "Nazi-Prozesse" – dieser verwegene Dreiklang generiert nach türkischer Redaktions-Logik instinktsicher und wie gewohnt Auflage. So gesehen nimmt es nicht Wunder, dass Bild-Chef Kai Diekmann, der im Beirat der Hürriyet sitzt, zum 60. Geburtstag (2008) "Alles Gute von Bild" wünschte. Diekmann ist übrigens Burschenschafter, seine Burschenschaft gehört wie die Norbert Weidners der konservativen Burschenschaftlichen Gemeinschaft innerhalb der DB an. Der spezialisierte Anwalt und Korporationskenner Özkan weiß das aber sicher bereits.

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