UNESCO-Erbe zerstört: Hintergründe der Gewalt in Timbuktu

Die Zerstörungen in der zum Weltkulturerbe zählenden Oasenstadt Timbuktu schockierten die Länder des Westens. Radikale Islamisten hatten die Gräber islamischer Heiliger unwiederbringlich demoliert. Vorausgegangen war eine Spaltung westafrikanischen Staates Mali. Ein großer Teil des Landes war von Tuareg-Rebellen eingenommen worden, in deren Windschatten Islamisten ihre Stunden gekommen sahen. Mittlerweile herrschen in manchen Städten die strengen Gesetze der Scharia. Europa fürchtet, Mali könne zum Afghanistan Afrikas werden. Die Lage in Timbuktu und im gesamten von Mali abgespaltenen Gebiet Azawad analysiert der französische Afrika-Experte Bernard Lugan aus militärischem wie auch aus politisch-religiösem Blickwinkel.

Die militärische Lage

Im Januar 2012 haben die aus Libyen zurückströmenden Tuareg die malische Armee einfach ausgetrickst und danach die Unabhängigkeit des Azawad proklamiert. Die Islamisten der Al-Kaida und ihre regionalen Abspaltungen wollten von dieser günstigen Gelegenheit profitieren und schlossen sich der Bewegung an, wenngleich mit völlig unterschiedlichen Motiven: Sie strebten nämlich die Schaffung eines länderübergreifenden islamischen Kalifats an. Unterstützung erhielten sie dabei von einer Bewegung von Tuareg-Dissidenten, der Ansar Dine, welche zunächst vom Tuareg-Stamm der Ifora gebildet wurde, dem sich in der Folge weitere islamische Kämpfer anschlossen, die teils arabischer Herkunft waren, teils aus der Sahel-Zone stammten.

Während es wichtig gewesen wäre, die Nationale Bewegung für die Befreiung des Azawad (MNLA) zu unterstützen, die alleine vor Ort im Stande gewesen wäre, den Islamisten Widerstand zu bieten, hat es Frankreich stattdessen zugelassen, dass Letztere stärker wurden und dies bis zu einem Augenblick, wo sie aus einer Position der Stärke die Tuareg aus der Region des Flusses Niger vertreiben konnten. Heute hat Ansar Dine so weitgehend die MNLA unterwandert, dass sie ihren Einflussbereich bis zur algerischen Grenze in der Region Kidal ausbreiten konnte. Ansar Dine ist somit im Grunde keine Tuareg-Bewegung mehr, sondern eine islamistische Miliz.

Wir haben es daher heute mit zwei einander bekämpfenden Gruppierungen zu tun: den Tuareg auf der einen und den Islamisten auf der anderen Seite. Zahlenmäßig sind Letztere nur von geringer Stärke, etwa 300 bis 500 Mann, doch sie verfügen über schwere Bewaffnung, da sie die libyschen Waffenarsenale geplündert und zudem zur Beschaffung von Geldmitteln algerische sowie europäische Geiseln genommen haben.

Die politische und religiöse Lage

Die Zerstörungen seitens der islamistischen Milizen in Timbuktu zielen nicht so sehr darauf ab, die von der UNESCO als architektonische Kunstschätze erklärten Bauten der Stadt zu zerstören, sondern sind Ausdruck der bekannten fundamentalistischen Tendenz im Islam, gegen jegliche Überreste und jedes Wiederaufleben des Heidentums anzukämpfen.

Hier in Timbuktu pflegen die Menschen an den Gräbern der lokalen Heiligen (Marabuts) zu beten, um sie um Heilung oder Erfolg zu bitten. Dies wird von den Fundamentalisten als eine Art des Götzendienstes angesehen, der mit höchster Entschlossenheit ausgerottet werden muss, da Allah, der einzige Gott, alleine des Gebetes und der Anrufung würdig ist und es unzulässig ist, andere um Gnaden zu bieten, die nur Er alleine gewähren kann. Es sind daher die Gräber jener Heiligen, die zerstört werden, und nicht die Moscheen. Da sich allerdings einige der berühmtesten Gräber innerhalb von Moscheen befinden, werden oft auch diese dem Erdboden gleichgemacht.

Was kann angesichts dieser Situation, die immer mehr zu eskalieren droht, noch getan werden? Können wir es einfach zulassen, dass sich in der Sahelzone ein fundamentalistisches Kalifat entwickelt?

  1. Wie ich es schon seit Beginn der Krise immer befürwortet hatte, sollte Frankreich die Tuareg in ihrem Kampf gegen die Islamisten unterstützen.
  2. Ferner muss man Bamako davon überzeugen, das ein "einheitlicher" Staat Mali nicht mehr existiert und auch nie wieder existieren wird – er hat meines Erachtens nie wirklich existiert -, und es ist daher dringend erforderlich, eine neue konstitutionelle und territoriale Organisationsform anzustreben, die es den Tuareg ermöglichen könnte, auf ihre einseitige Unabhängigkeitserklärung im Austausch für einen sehr starken Dezentralismus zu verzichten.
  3. Eine Intervention der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (CEDEAO/ECOWAS) könnte zwar eine Wiedereinnahme von Timbuktu und Gao ermöglichen, würde aber lediglich dazu führen, dass sich die Islamisten in die Wüste zurückzögen, wo sie so gut wie nicht zu fassen sind. Etwas anderes wäre es, wenn ihnen die Tuareg ihnen mit guter Beratung von unserer Seite den Rückzug nach Norden abschnitten – womit wir wieder bei meinem ersten Vorschlag angelangt wären.

Letztlich sollten die Gräueltaten der Islamisten der Sache der Tuareg insofern dienlich sein können, als der Schlüssel zur Lösung der Probleme eindeutig nur bei den Tuareg liegt. Dazu wäre es allerdings erforderlich, dass die europäischen Politiker endlich damit aufhörten, in pathetischer Weise an veralteten Analysen zur Regionalpolitik festzuhalten, und ihre Augen gegenüber der Realität öffneten.

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