Meinungsumfragen – futuristische Kaffeesudleserei

Wahlprognosen zu kaufen ist billiger als Plakate zu drucken. Plakate zu drucken wiederum einfacher als Bürgerbetreuung zu machen. Nach diesem bewährten Strickmuster läuft beinahe jeder Wahlkampf an. Seit bewiesen ist, dass viele Menschen ihr Stimmverhalten an Prognosen und Umfragewerten orientieren, ist die Verlockung groß, sich einfach gute Werte zu kaufen anstatt mühevoll gute Arbeit zu machen. Gut sind die Werte erfahrungsgemäß dann, wenn aus einem wohlkalkulierten Tief sich zum Wahltermin hin der Aufwärtstrend immer mehr verstärkt.

Auch außerhalb der Hauptwahlzeiten wird mit Meinungsumfragen Stimmung gemacht. Oftmals versucht die Medienlandschaft künstliche Sensationen in Folge gekaufter Umfrageergebnisse unterschiedlicher Institute herbeizuführen. So geschehen in den aktuell veröffentlichen Prognosen dreier Printmedien.

Wären am Sonntag Nationalratswahlen, käme die SPÖ laut dem Meinungsforschungsinstitut Karmasin auf 33 Prozent, die ÖVP auf 32 Prozent. Für die FPÖ würden 18 Prozent der Österreicher stimmen, für die Grünen 13 Prozent und für das BZÖ 2 Prozent. In der Kanzlerfrage würden die Chef der beiden Regierungsparteien gleichauf liegen (beide 23 Prozent), verkündete das Nachrichtenmagazin „profil“.  

Die Tageszeitung „Österreich“ veröffentlichte zeitgleich eine Umfrage des Gallup-Institutes, wobei die SPÖ auf 31 Prozent und die ÖVP auf 30 Prozent kommen würde. Die Freiheitlichen lägen bei 22 Prozent, Grüne bei 13 und das BZÖ bei 2 Prozent. Bei der Kanzlerfrage ergibt sich überhaupt ein völlig anderes Bild. Faymann soll erstmals seit Juni 2009 wieder vorne liegen (38%), Vizekanzler Pröll käme auf 37 Prozent.

Und auch der Standard schloss sich dem fröhlichen Meinungsmache-Wettbewerb an und präsentierte eine Market-Umfrage. Da würde die SPÖ nur 27 Prozent erreichen und damit wahrscheinlich hinter der ÖVP liegen, die 29 Prozent zu erwarten hätte. Die Freiheitlichen kämen auf 23 Prozent, die Grünen auf 12, das BZÖ sogar auf 5 Prozent. Bei der Kanzlerfrage unterscheidet sich die Market-Umfrage noch deutlicher gegenüber den anderen beiden. Für Werner Faymann würden 38 Prozent votieren, für Josef Pröll nur 33 Prozent.

So unterschiedlich die einzelnen Ergebnisse sind, die allesamt angeblich aufgrund repräsentativer Stichproben in der österreichischen Bevölkerung zustande gekommen sind, so unterschiedlich sind auch die „Begleitkommentare“ der durch die Presseförderung und Inseratenkampagnen gefügig gehaltenen Medienlandschaft. Daraus eine seriöse Berichterstattung abzuleiten, gleicht einer futuristischen Kaffeesudleserei.

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