Neun Striche: Das Paradoxon der chinesischen Seestrategie

Im vergangenen Jahrzehnt hat sich das Südchinesische Meer zu einem der am meisten umstrittenen Krisenherde in Ostasien entwickelt. China, Vietnam, die Philippinen, Malaysia, Brunei und Taiwan beanspruchen jeweils ihre Souveränität über Teile oder die Gesamtheit des Meeresgebiets, und ihre einander überlappenden Ansprüche haben in den vergangenen Jahren bereits mehrfach zu diplomatischen und sogar militärischen Auseinandersetzungen geführt. Erst vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass China die Entsendung von Truppen in eine erst vor kurzem gegründete und nun zur Präfektur erhobene Stadt namens Sansha plant, die auf einer Insel der Paracel-Gruppe liegt. Die übrigen Mitglieder der südostasiatischen Staatengruppe ASEAN betrachten dies als Bedrohung. Unzensuriert.at veröffentlicht die Übersetzung einer Analyse von Rodger Baker und Zhixing Zhang für die geopolitische Webseite stratfor.com.

Das Südchinesische Meer umfasst mehrere Insel-Ketten, ist reich an Mineral- und Energieressourcen und verzeichnet in seinen Gewässern fast ein Drittel der weltweiten Seeschifffahrt, was seinen strategischen Wert für die Anrainerstaaten anschaulich unterstreicht. Für China bedeutet die Kontrolle über das Südchinesische Meer jedoch noch viel mehr und zeigt zugleich auch ein Dilemma der Außenpolitik Pekings auf: nämlich die Geltendmachung historischer maritimer Gebietsansprüche unter gleichzeitiger Beibehaltung einer nicht-konfrontativen Außenpolitik, wie sie Deng Xiaoping in den 1980er Jahren festgelegt hatte.

China hatte seine aktuellen Gebietsansprüche auf das Meer erstmals in den letzten Tagen des chinesischen Bürgerkriegs erhoben. Da die meisten der anderen Anrainerstaaten in den folgenden Jahrzehnten mit ihren eigenen Unabhängigkeitsbewegungen vollauf beschäftigt waren, war es für China ein leichtes, diesen Anspruch für sich zu sichern. Nach und nach hatten dann allerdings auch die anderen Staaten ihre Seestreitkräfte aufgebaut und es entstanden neue Kräfteverhältnisse, was auch dazu führte, dass die Gewässer von den Anrainern intensiver erforscht und patrouilliert wurden. Nachdem auch die chinesische Öffentlichkeit auf jegliche echte oder vermeintliche territoriale Zugeständnisse von Seiten Pekings empfindlich reagiert, ist heute Dengs 'stillschweigender' Ansatz keine Option mehr.

Die Entstehung der maritimen Doktrin Chinas

China ist eine riesige Kontinentalmacht, verfügt aber auch über eine lange Küste, die sich vom Japanischen Meer im Nordosten bis zum Golf von Tonkin im Süden erstreckt. Trotz dieser langen Küste hat sich China fast immer zum Landesinneren hin orientiert und nur sporadische Bemühungen in der Seeschifffahrt unternommen, letzteres auch nur dann, wenn es am Festland keine Unruhen gab.

Traditionell wurde China, einmal abgesehen von Fällen gelegentlicher Piraterie, niemals vom Meer her bedroht; Bedrohungen für China stellten hingegen innere Auseinandersetzungen und die Einfälle von Nomaden im Norden und Westen des Landes dar. Chinas geographische Gegebenheiten führten zur Herausbildung einer familienbezogenen und abgekapselten Agrarwirtschaft mit einer stark hierarchisch geprägten Machtstruktur, welche jedoch von Kriegsherren und infolge regionaler Teilungen ständig in Frage gestellt wurde. Ein großer Teil des chinesischen Handels mit der übrigen Welt erfolgte auf dem Landweg oder wurde über ausgewählte Handelsorte an der Küste von Arabern und anderen ausländischen Händlern abgewickelt. Die Chinesen setzten im allgemeinen lieber auf die Stabilität ihrer eigenen Bevölkerung und ihrer Landgrenzen und vernachlässigten dabei den Ausbau des Seehandels, zumal man befürchtete, dass anhaltender Kontakt mit dem Ausland mehr Probleme als Nutzen bringen könnte.

Zwei Faktoren trugen dazu bei, dass China dennoch Experimente zur See unternahm: zum einen die Verschiebung der Kriegsführung aus dem Norden in den Süden Chinas und zum anderen länger anhaltende Perioden relativer Stabilität. Während der Song-Dynastie (960 – 1279) war das Gegenstück zu den berittenen Armeen der nördlichen Ebenen eine große Binnenflotte, welche die südlichen Fluss- und Sumpfgebiete beherrschte. Die militärische Kontrolle der Flüsse erstreckte sich auch auf die Küstengebiete, was dazu führte, dass die von den Song-Herrschern geförderte Küstenschifffahrt und der chinesische Seehandel die ausländischen Händler entlang der Küste verdrängte. Während der Yuan-Dynastie (1271 – 1368), also unter der mongolischen Herrschaft, war China immer noch bewusst auf das Binnenland hin orientiert; immerhin kam es im späten 13. Jahrhundert zu mindestens zwei großen See-Expeditionen – gegen Japan und Java -, die sich jedoch beide letztlich als erfolglos erwiesen. Diese Fehlschläge führten letztlich dazu, dass sich China wieder vom Meer weg wandte. Das letzte große maritime Abenteuer fand in der frühen Ming-Dynastie (1368 – 1644) statt, als der chinesische Forscher Zheng He, ein Moslem, seine berühmten sieben Reisen bis hin nach Afrika unternahm; auch damals kam es allerdings nicht zu einer dauerhaften Etablierung der chinesischen Macht im Ausland.

Die Schatzflotte von Zheng He wurde versenkt, als sich die Ming mit steigenden Problemen im eigenen Land konfrontiert sahen. Dazu gehörte auch die Piraterie vor der Küste, die ihrerseits dazu beitrug, dass sich China erneut vom Meer abwandte. Etwa zur gleichen Zeit, als Magellan am Beginn des 16. Jahrhunderts seine Welterforschung begann, nahmen die Chinesen erneut ihre isolationistische Politik auf, schränkten Handel und Kommunikation nach außen ein und setzten damit dem maritimen Abenteuer ein Ende. Chinas Hauptaugenmerk galt dem Küstenschutz und nicht dem Ausbau einer Seemacht. Erst die Ankunft europäischer Kanonenboote im 19. Jahrhundert führte dann endgültig zur Erschütterung der traditionellen chinesischen Seestrategie und zwangen die chinesischen Behörden dazu, ein auf westlicher Technologie basierendes Marineprogramm in Angriff zu nehmen.

Aber auch dieses Programm ließ sich nur schwierig in das weiter gefasste strategische Denken Chinas integrieren. Der Mangel an maritimen Bewusstsein hat sicherlich mit zu dem Entschluss der Regierung der Qing-Dynastie beigetragen, im Jahr 1858 den entscheidenden Hafen Haishenwai [???, mandschurisch: Kijimi-wai, russisch: ???????????/Wladiwostok] an der Mündung des Tumen-Flusses an Russland abzutreten, wodurch China seinen Zugang zum Japanischen Meer vom Nordosten her verlor. Weniger als 40 Jahre später wurde die chinesische Marine, obwohl sie eine der größten Regionalflotten stellte, von der erst neu entstandenen japanischen Marine zerschlagen. Wieder konzentrierten sich die Chinesen fast ein Jahrhundert lang fast ausschließlich auf das Festland; ihre Seestreitkräfte dienten fortan praktisch nur dem Küstenschutz. Erst mit den 1990er Jahren änderte sich diese Politik nach und nach in dem Maße, in dem Chinas wirtschaftliche Verflechtung mit der Welt ausgebaut wurde. Zur Sicherung seiner wirtschaftlichen Stärke und zu deren Umsetzung in stärkeren globalen Einfluss war nunmehr auch die Entwicklung einer aktiv vorangetriebenen Seestrategie erforderlich.

Die Interpretation der „Neun-Striche-Linie“

Um Chinas heutige Seestrategie und seine territorialen Dispute mit den Nachbarn zu verstehen, muss man wissen, worum es bei der sogenannten „Neun-Strich-Linie“ geht, die im Grunde nichts anderes ist als eine lose Grenzlinie zur Absteckung der maritimen Gebietsansprüche Chinas im Südchinesischen Meer.

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat, unterstützen Sie bitte das Projekt unzensuriert mit einer Spende. Per paypal (Kreditkarte) oder mit einer Überweisung auf AT58 1420 0200 1086 3865 (BIC: EASYATW1), ltd. Unzensuriert

  Dieses Video könnte Sie auch interessieren:
Copy link