Ärztemangel ist amtlich, Lösungen fehlen weiter – Unzensuriert
Ärztemangel ist amtlich, Lösungen fehlen weiter

Schon seit Jahren ist bekannt, dass Österreich ein Ärztemangel droht. Dies lässt sich einfach daran erkennen, dass in den nächsten zehn Jahren die Hälfte der Hausärzte in Pension gehen wird und nicht annähernd ebenso viele Jungärzte nachrücken werden. Auch ist es für viele Medizin-Absolventen wegen angenehmerer Arbeitszeiten oder höherer Entlohnung attraktiver, im Ausland den Beruf auszuüben. Die vom Ministerium angekündigte "Studie zum Ärztebedarf bis 2030" ist nun – nach fast zwei Jahren Wartezeit – endlich da. Einen Lösungsvorschlag hat der Minister für Gesundheit, Alois Stöger, jedoch nicht.

Es scheint, als wäre die lang ersehnte Studie nur eine Dauerausrede gewesen, um mit den Lösungsinitiativen zuzuwarten. Tatsächlich nützte die Regierung das fehlende Ergebnis als Vorwand, noch keine konkreten Maßnahmen zur Verbesserung der Ärzteausbildung setzen zu müssen. "Nachdem sie Jahre an einer Studie herumgepfuscht haben, wissen nun auch die verantwortlichen Regierungspolitiker, was die Bevölkerung bereits seit Jahren durch lange Wartezeiten, keine Termine, immer kürzeren Arztkontakt und in manchen Regionen lange Anfahrtswege spürt: Wir haben in Österreich zu wenig Ärzte. Und so wie sich die Regierungspolitik verhält, werden es bald noch viel weniger sein", kündigt FPÖ-Ärztesprecher Andreas Karlsböck an.

Müssen 70-jährige das Gesundheitssystem retten?

Freiheitliche Politiker haben das Problem schon längst erkannt. Wissenschaftssprecher Martin Graf und Gesundheitssprecherin Dagmar Belakowitsch-Jenewein luden bereits im November 2011 zu einer Podiumsdiskussion ins Parlament, um gemeinsam Lösungsvorschläge zu finden. Dabei wurde klar, dass akuter Handlungsbedarf besteht. Mit Ausnahme des vom Ministerium entsandten Sektionschefs Auer, der zumindest zahlenmäßig kein Problem sehen wollte, erkannten alle Teilnehmer den Ernst der Lage und orteten Handlungsbedarf. Der damalige Präsident der Österreichischen Ärztekammer, Walter Dorner, drückte es so aus: "Im Jahr 2020 wird man sich vor den 70-jährigen Ärzten niederknien, damit sie in den Ordinationen bleiben." Dies ist zwar schmeichelhaft für die Mediziner, mit einer tadellosen medizinischen Versorgung für die Bürger hat es allerdings wenig zu tun. Ärztesprecher Karlsböck mahnt nach Vorliegen der Studie erneut zur Eile:  "Wir benötigen jetzt schnelle und effiziente Maßnahmen. Es muss Schluss sein mit Kommissionen und Arbeitsgruppen, die in Diskussionen alles zerreden und die Probleme am Ende nur aussitzen wollen. Die Schwachstellen sind klar benannt, die Lösungsmodelle ebenfalls. Im Sinne der Gesundheit der Menschen fordere ich den zuständigen Minister auf, endlich Aktivitäten zu zeigen oder den Weg frei zu machen für einen besser motivierten Nachfolger."

Ungehörter Appell des Ärztekammer-Präsidenten

Österreichs Ärztebildungssystem krankt an mehreren Punkten. Die Ausbildung sowie die Arbeitsbedingungen sind im Ausland wesentlich besser. Hierzulande muss man oft jahrelang auf einen Turnusplatz warten, während in den Nachbarländern Schweiz und Deutschland Uni-Absolventen mit offenen Armen aufgenommen werden. Dort kann man die Ausbildung in wesentlich kürzerer Zeit absolvieren. Sogar als fertige Fachärzte flüchten viele ins Ausland, da dort bessere Arbeitsbedingungen herrschen und angenehmere Arbeitszeiten üblich sind, nicht außer Acht zu lassen ist auch das wesentlich höhere Gehalt in vielen Ländern. Daher sei eine Verbesserung der Arbeitsverhältnisse für Mediziner unabdingbar, fordert der neue Ärztekammer-Präsident Artur Wechselberger anlässlich der Präsentation der Studie. Das betreffe erstens die Sicherstellung der verpflichtenden einjährigen Lehrpraxis sowie den sinnvollen Einsatz von Turnusärzten. Zweitens müsse das Arbeitszeitengesetz eingehalten werden, und flexible Arbeitszeitmodelle für niedergelassene Ärzte im Rahmen von Gruppenpraxen seien wichtig. Die für Ärzte so wichtige Work-Life-Balance sei Basisvoraussetzung, gekoppelt mit gerechter Entlohnung sei sie für die Berufsentscheidung von Jungmedizinern entscheidend. "Es kann nicht sein, dass ein Spitalsarzt, der nach langer universitärer Ausbildung die Verantwortung für Leben und Tod trägt, nur durch enorme Überstunden einen halbwegs angemessenen Verdienst erreicht. Oder dass eine Allgemeinmedizinerin mit Gebietskrankenkassen-Vertrag heute so viel verdient wie vor fünfzehn Jahre, dabei aber immer mehr Ältere und chronisch Kranke versorgt, die umfassende Betreuung brauchen", kritisiert Wechselberger die herrschenden Zustände scharf. Die Mitpräsentatoren der Studie – Gesundheitsminister Stöger (SPÖ) und sein für Wissenschaft zuständiger Regierungskollege Töchterle (ÖVP) – waren ihm wenig Unterstützung und beschränkten sich weitgehend darauf, das bestehende System schönzureden.

Was hat Stöger in den letzten Jahren gemacht?

Die um Jahre verspätete Studie zeigt keine unerwarteten neue Aspekte auf. "Wenn der Gesundheitsminister heute erkennt, dass es in Österreich einen Fachärztemangel gibt, stelle ich mir die Frage, was Stöger in den letzten Jahren gemacht hat", kommentiert FPÖ-Gesundheitssprecherin Dagmar Belakowitsch-Jenewein. Auch sie sucht in den zuständigen Ministerien vergeblich nach Lösungsansätzen, bietet aber selbst einige: "Weg mit den kontraproduktiven Zugangsbeschränkungen zum Medizinstudium! Endlich ausreichende Ausbildungsplätze für Medizinabsolventen schaffen, deren Qualität diesen Namen auch verdient! Jungärzte nicht mit stundenlangen Schreibarbeiten und Verwaltungsaufgaben beschäftigen, sondern sie das nötige Wissen durch die Arbeit mit den Patienten lehren!"

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