Das Gespenst der syrischen Chemiewaffen – Unzensuriert
Das Gespenst der syrischen Chemiewaffen

Die Machtkämpfe in Syrien lösen auch etliche geopolitische Konsequenzen aus. Eine mögliche Konsequenz hat in den letzten Tagen für große mediale Aufmerksamkeit gesorgt:Das Assad-Regime könnte die Kontrolle über die von ihm gehorteten chemischen Waffen verlieren. In einem Interview, welches am 30. Juli auf CNN ausgestrahlt wurde, erklärte US-Verteidigungsminister Leon Panetta, es wäre "eine Katastrophe, wenn diese chemischen Waffen in die falschen Hände fielen – etwa in die Hände der Hisbollah oder anderer Extremisten." Für die US-Webseite Startfor.com analysiert Scott Stewart das Gefahrenpotential, das von syrischen Chemiewaffen ausgeht.

Mit "anderen Extremisten" meinte Panetta die Dschihadisten lokaler und transnationaler Herkunft, wie etwa die Mitglieder der Gruppe Dschabhat al-Nusra, die gemeinsam mit anderen oppositionellen Kräften gegen das syrische Regime kämpfen. Er bezog sich aber auch auf die vielen militanten palästinensischen Gruppen wie die Hamas und die Volksfront für die Befreiung Palästinas-Generalkommando, die schon geraume Zeit in Syrien präsent waren und bis vor kurzem vom Assad-Regime Unterstützung erhielten.

Die Befürchtung besteht darin, dass die Dschihadisten in den Besitz chemischer Waffen kommen und diese für terroristische Anschläge gegen den Westen nutzen könnten. Israel ist auch besorgt, dass solche Waffen von palästinensischen Gruppen für terroristische Angriffe innerhalb Israels oder von der Hisbollah im konventionellen militärischen Kampf gegen die Israelis eingesetzt werden könnten. Wiewohl Sicherheitsbedenken bezüglich dieser Waffen ein legitimes Anliegen darstellen, muss man allerdings auch wissen, dass es eine Reihe von technischen und praktischen Einschränkungen gibt, die selbst dann, wenn eine militante Gruppe in der Lage wäre, sich in den Besitz dieser Waffen setzen, deren Einsatz schwierig machen würde.

Militanter Einsatz chemischer Waffen

Militante Gruppen zeigen schon seit langem eine gewisse Faszination für chemischen Waffen. Einer der größten nicht-staatlichen Hersteller von chemischen und biologischen Waffen war die Organisation Aum Shinrikyo Japan. Die Gruppe verfügte über eine große Produktionsanlage in einem Industriepark, wo sie Tausende Liter ineffektiver biologischer Kampfstoffe produzierte. Nach dem Scheitern ihres biologischen Programm verlagerte die Gruppe ihren Schwerpunkt auf die Herstellung chemischer Waffen und führte eine Reihe von Anschlägen mit chemischen Kampfstoffen wie Blausäure, Phosgen, VX, Sarin und anderen Nervengiften.

Auch die Dschihadisten hatten bereits einmal in früheren Jahren Interesse an chemischen Waffen gezeigt. Die Untersuchung des Anschlags gegen das World Trade Center im Jahre 1993 ergab, dass der Bombenbastler Abdul Basit (alias Ramzi Yousef) seinem selbstgebastelten, in einem Fahrzeug untergebrachten Sprengkörper, welcher in der Tiefgarage des World Trade Center zur Explosion gebracht wurde, Natriumcyanid beigefügt hatte. Das Cyanid wurde durch die riesige Explosion entweder verbraucht oder so weit verstreut, dass seine Wirkungen zum Zeitpunkt des Angriffs gar nicht bemerkt wurden. Die Verwendung von Cyanid wurde erst entdeckt, nachdem die Ermittler eine Liste der vom Mitverschwörer Nidal Ayyad bestellten Chemikalien gefunden hatten und Basit nach dessen Verhaftung diesbezüglich vernahmen.

Im Jahre 2001 beschrieb Ahmed Ressam in seiner Aussage während des Prozesses um den Millennium-Bombenanschlag die Ausbildung, welche er in einem Lager der Al-Kaida in Deronta (Afghanistan) erhalten hatte. Dazu gehörte auch der Bau eines Gerätes für Cyanwasserstoff. Ressam erklärte, dass die Mitglieder der Gruppe damit trainiert hätten, mit dem Gas einen Hund, der in einer kleinen Kiste eingesperrt war, zu töten.

Auch Al-Kaida experimentierte mit Chemie-Waffen

Videos, welche von US-Truppen nach dem Einmarsch in Afghanistan gefunden wurden, stützten die Aussage Ressams; weitere Beweise waren beschlagnahmte Al-Kaida-Schulungsunterlagen, in denen Rezepte für biologische Gifte und Chemikalien, darunter Blausäure, enthalten waren. Die in Afghanistan aufgefundenen Dokumente waren Anlass für einen CIA-Bericht über chemische und biologische Waffen der Al-Kaida, der Ende 2004 veröffentlicht wurde und für großes Aufsehen sorgte.

Es gab auch noch weitere Beispiele. Im Februar 2002 verhafteten die italienischen Behörden mehrere Marokkaner, die im Besitz von etwa 4 kg Ferrocyankalium waren und angeblich planten, die US-Botschaft in Rom anzugreifen.

Im Juni 2006 brachte das Time Magazine die Geschichte von einem angeblich geplanten Al-Kaida-Angriff gegen U-Bahnen in den Vereinigten Staaten mittels improvisierter Sprengladungen, die Blausäure-Gas erzeugen sollten. Der Plan wurde dem Vernehmen nach verworfen, weil die Al-Kaida-Führung von der Effizienz der Sprengladungen nicht überzeugt war.

Im Jahr 2007 brachten Dschihad-Kämpfer mehrfach große improvisierte Sprengladungen, welche mit Chlorgas angereichert und auf Fahrzeugen untergebracht waren, gegen Ziele im Irak zum Einsatz. Allerdings hatten bei diesen Angriffen die Sprengstoffe weit mehr Todesopfer zur Folge als das Gas. Die  irakischen Dschihadisten gelangten daher zur Ansicht, dass eine Anreicherung ihrer Sprengsätze mit Chlor nicht sinnvoll sei, und beendeten ihr Experiment mit der chemischen Kriegsführung, um weiterhin improvisierte Sprengladungen auf Fahrzeugen, jedoch ohne chemische Kicker, zum Einsatz zu bringen.

Auch aus dem Irak gab es mehrere glaubwürdige Berichte von militanten Gruppen, die bei Angriffen gegen die Koalitionstruppen  chemische Artilleriegeschosse in selbstgebastelten Sprengkörpern einsetzten; auch diese Angriffe scheinen hingegen weitgehend unwirksam gewesen zu sein.

Einsatz von chemischer Munition ist problematisch

Der Einsatz von chemischer Munition auf dem Schlachtfeld ist in mehrfacher Hinsicht problematisch. Die erste Herausforderung ist eine ausreichende Konzentration des chemischen Wirkstoffes, um dadurch eine Wirkung auf die angegriffenen Truppen zu erzielen. Um größere Konzentrationen des Wirkstoffes zu erreichen, werden Angriffe mit chemischen Kampfstoffen in der Regel durch massiven Artilleriebeschuss mit chemischen Granaten durchgeführt. Die sowjetische Militärdoktrin für chemische Waffen beruhte in hohem Maße auf Waffensystemen wie BM-21 Raketenwerferbatterien, die große Mengen an Munition in den Zielbereich verschießen können. Dabei ist es jedoch sehr schwierig, die durch das massive Sperrfeuer erzeugte Gaswolke zu steuern. Es gab Fälle sowohl im Ersten Weltkrieg wie auch im Iran-Irak-Krieg, in denen die Wolken von chemischen Kampfstoffen sich fatal auf die eigenen Truppen auswirkten, nachdem der Wind sich gewendet hatte.

Eine Problematik beim Einsatz chemischer Waffen für terroristische Anschläge ist, wie aus den oben beschriebenen Fällen ersichtlich ist, die Abgabe bzw. Einbringung einer tödlichen Dosis. So hatten die Mitglieder von Aum Shinrikyo bei ihrem Angriff auf das Tokioter U-Bahn-System am Morgen des 20. März 1995 elf mit Sarin gefüllt Plastiktüten auf fünf verschiedene U-Bahn-Züge verteilt und das Gas durch Punktuation der Tüten zum Ausströmen gebracht. Trotz der um diese Tageszeit auf den Zügen und in den Tokioter U-Bahn-Stationen anwesenden großen Menschenmassen hatten die Anschläge "nur" 12 Todesopfer zur Folge; hingegen traten durch das Einatmen von Sarin bei tausenden Pendlern zum Teil sehr schwere Krankheitssymptome auf.

Senfgas und Nervengase in syrischen Beständen

Das syrische Regime soll in seinen Beständen an chemischen Waffen sowohl über Senfgas wie auch über die Nervengase Tabun, Sarin und VX verfügen. Senfgas, das Blasenbildung auslöst, ist unter diesen Verbindungen noch der am wenigsten gefährliche Kampfstoff. Im Ersten Weltkrieg lag die Todesrate bei den Soldaten, die Senfgas ausgesetzt waren, unter 5 Prozent. Tabun und Sarin werden üblicherweise in flüchtig-flüssiger Form eingesetzt, verdampfen dann und bilden ein Gas. Sobald sie Gasform erlangt haben, verflüchtigen sich diese Kampfstoffe relativ rasch. Andererseits hat ein viskoses Nervengift wie XV die Eigenschaft, in den Bereich, wo es eingebracht wird, länger zu verweilen, womit es der feindlichen Truppe unmöglich gemacht werden soll, diesen Bereich zu besetzen oder ihn zu durchdringen. VX hält zwar länger an, ist aber weniger geeignet, um Angriffe mit einer großen Zahl an Opfern zu führen, da die Tröpfchen des flüssigen Kampfstoffes in Kontakt mit dem Opfer kommen müssen; dies ist bei anderen Kampfstoffen, die verdampfen und eine große Wolke bilden, nicht der Fall.

Doch es gibt auch noch andere Schwierigkeiten mit chemischem Kampfstoffen. Nach 9/11 hat sich aufgrund der Verbesserungen bei den Maßnahmen zur Gefahrenabwehr und entsprechenden geheimdienstlichen Programmen herausgestellt, dass für die Dschihadisten Angriffe im Westen selbst mit lokal hergestellten Sprengstoffen sehr schwierig wurden. Es gab zahlreiche Fälle, in denen die Angriffspläne entweder scheiterten, wie der von Faisal Shahzad geplanteAnschlag auf den Times Square im Mai 2010, oder rechtzeitig entdeckt und vereitelt wurden, wie der von Najibullah Zazi geplante Anschlag auf das New Yorker U-Bahn-System im September 2009.

Aufgrund der verbesserten Sicherheitsmaßnahmen ist es für Dschihadisten sehr schwierig geworden, chemische Kampfstoffe in die USA oder nach Europa zu schmuggeln, auch wenn sie vielleicht in der Lage wären, sich solche zu verschaffen. Die oben erwähnten chemischen Artilleriegeschosse, welche in Verbindung mit improvisierten Sprengsätzen im Irak zum Einsatz kamen, wurden zum Beispiel nicht ins das Land hereingeschmuggelt, sondern im Lande selber hergestellt.

Kontrollen erschweren den Transport in den Westen

Die Dschihadisten stehen somit nicht nur vor dem taktischen Problem eines effektiven Einsatzes der Kampfstoffe während eines Angriffes, sondern auch vor dem logistischen Problem des Transports, um diese in ein westliches Land zu verbringen. Dieses Transportproblem wird sich in dem Maße weiter vergrößern, als das allgemeine Bewusstsein für die Bedrohung steigt. Eine Möglichkeit, das logistisches Problem umgehen, wäre es, Kampfstoffe gegen ein 'weiches' Ziel in der Zielregion zum Einsatz zu bringen. Solche Ziele könnten Hotels, touristische Sehenswürdigkeiten, Ankunftshallen von Flughäfen oder sogar westliche Flugzeuge sein, die von weniger gut gesicherten Flughäfen aus starten.

Eine weitere Option für Dschihadisten oder militante Palästinenser wäre es zu versuchen, die chemischen Kampfstoffe nach Israel zu schmuggeln, um sie dort bei einem Terrorangriff zum Einsatz zu bringen. Doch auch hier haben nach den Selbstmordanschlägen der Vergangenheit die in den letzten Jahren getroffenen erhöhten Sicherheitsmaßnahmen es militanten Gruppen sehr schwierig gemacht, Waffen nach Israel zu schmuggeln. Dasselbe gilt natürlich auch für chemische Kampfstoffe – vor allem seitdem die Grenzsicherung auf Grund des erhöhten Zustroms von Waffen aus Libyen in den Gaza-Streifen neuerlich verstärkt wurde.

Militante Gruppen könnten natürlich versuchen, dieser logistischen Herausforderung dadurch zu entgegnen, dass sie einen oder mehrere Sprengköpfe mittels Raketen nach Israel schießen. Militanter Raketenbeschuss hat aber die Tendenz, wie dies bei konventionellen Raketen-Sprengköpfen ebenfalls der Fall ist, sehr unpräzise zu sein, so dass es unwahrscheinlich ist, dass solche chemischen Sprengköpfen ein lohnenswertes Ziel überhaupt erreichen. Selbst wenn eine Rakete in einem besiedelten Gebiet gelandet werden könnte, wäre es unwahrscheinlich, dass es aufgrund des Problems mit der Schaffung einer tödlichen Konzentration des Kampfstoffes zu vielen Todesopfern käme – obwohl sicherlich mit einer Massenpanik gerechnet werden muss.

Israel droht im Falle von Chemie-Angriffen mit massiver Vergeltung

Der Einsatz von chemischen Waffen würde auch ohne Zweifel starke Vergeltungsschläge von israelischer Seite auslösen, um vor weiteren Angriffen abzuschrecken. Diese Drohung mit massiver Vergeltung hat Syrien immer davon abgehalten, chemische Waffen gegen Israel einzusetzen oder verbündeten militanten Gruppen einen solchen Einsatz zu ermöglichen.

Die Hisbollah wäre sicherlich diejenige militante Organisation in der Region, welche die chemische Munition der Syrer am effektivsten nutzen könnte. Die Gruppe verfügt über einen großen Bestand an Artillerie-Raketen, die das für einen erfolgreichen Angriff mit chemischen Waffen erforderliche Sperrfeuer erzeugen könnten. Seit vielen Monaten gehen in der Region Gerüchte um, dass libysche Rebellen einige Bestände an chemischer Munition an Hisbollah und Hamas verkauft hätten. Diese Gerüchte wurden hingegen bis dato nicht bestätigt, während andere Berichte, wonach tragbare Flugabwehrsysteme und andere libysche Waffen auf dem Landweg über Sinai in den Gazastreifen geschmuggelt worden wären, sehr wohl bestätigt wurden.

Hisbollah droht die internationale Ächtung

Doch selbst wenn die Hisbollah Bestände von chemischer Munition aus Syrien oder Libyen in ihren Besitz gebracht hätte, würde sie mit dem Einsatz solcher Munition sehr viel riskieren. Erstens müsste sie der oben erwähnten massiven Vergeltung aus Israel rechnen. Während Israel sich bei den Angriffen auf die Hisbollah-Führung und deren Infrastruktur während des Krieges im August 2006 noch eine gewisse Zurückhaltung auferlegt hatte, ist es unwahrscheinlich, dass dies bei einer Reaktion auf einen Angriff mit chemischen Waffen auf die israelischen Streitkräfte oder auf einen Bevölkerungsballungsraum ebenfalls der Fall sein würde. Die allgemeine Ächtung chemischer Waffen hätte zur Folge, dass man den Israelis international einen gerechten Grund für massive Vergeltung zubilligen würde. Zweitens würde die Hisbollah durch einen solchen Angriff schweren internationalen Rufschaden erleiden. Als Organisation hat die Hisbollah seit vielen Jahren daran gearbeitet, sich als legitime politische Partei im Libanon zu etablieren und in Europa und anderswo ihren Ruf als terroristische Organisation loszuwerden. Ein Angriff mit chemischen Waffen würde zu schwerer internationaler Verurteilung führen und wäre somit zum gegenwärtigen Zeitpunkt keinesfalls im Interesse der Hisbollah.

Schlussfolgernd kann gesagt werden, dass die Sicherstellung der chemischen Munition der Syrer zwar ein vorrangiges Ziel darstellt, dass aber andererseits, selbst wenn einige dieser chemischen Waffen in die falschen Hände gerieten, taktische und praktische Beschränkungen existieren, welche militante Gruppen daran hindern würden, ein solches Albtraum-Szenario auszulösen, wie es vielfach in den Medien diskutiert wurde.

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