Filmtipp: Die Schlacht um Algier

Zwischen Jänner und November 1957 zerschlug die französische Armee die algerische Untergrundorganisation FLN (Front de Liberation Nationale – Nationale Befreiungsfront), die ihre Basis in Algier hatte, fast vollständig. In seinem Film „Schlacht um Algier“ aus dem Jahr 1966 zeichnete der italienische Regisseur Gillo Pontecorvo diese Ereignisse nach und schuf damit eine eindringliche Darstellung eines asymmetrischen Krieges.

1954 war die FLN mit dem Ziel, die Unabhängigkeit Algeriens mit militärischen Mitteln zu erreichen, in Kairo gegründet worden; noch im selben Jahr nahm sie den bewaffneten Kampf auf. Die Hauptbasis der FLN war die Hauptstadt Algier und dort vor allem die Kasbah (Altstadt). Die Kasbah bot mit ihrer extrem dichten Besiedelung und engen, verwinkelten Gassen das optimale Rückzugsgebiet für die algerischen Kämpfer.

Trotz ihrer Niederlage in Indochina 1954 waren die Franzosen keinesfalls bereit, Algerien ebenfalls zu räumen; mit Ausnahme der Kommunisten war dies partei- und lagerübergreifender Konsens. Im Gegensatz zu den meisten anderen Überseegebieten galt Algerien nicht als Kolonie sondern als integraler Bestandteil der französischen Republik. Außerdem waren ungefähr zehn Prozent der elf Millionen Menschen zählenden Bevölkerung Algeriens Franzosen, die zu den schärfsten Gegnern einer Unabhängigkeit zählten.

Die Schlacht um die Kasbah und die „Französische Doktrin“

Ab 1956 nahmen die Aktionen der FLN in Form von Bombenanschlägen, Angriffen auf Sicherheitskräfte und die französische Zivilbevölkerung immer mehr zu. Um die Situation in Algier in den Griff zu bekommen, entsandte Paris 1957 die 10. Fallschirmjägerdivision unter General Jacques Massu. Die Fallschirmjäger gingen nach der sogenannten „Französischen Doktrin“ vor, deren Eckpunkte der Offizier Roger Trinquier in seinem Buch „Moderne Kriegsführung“ festgehalten hatte. Diese Taktik beinhaltete die Folter Verdächtiger sowie deren illegale Tötung, terroristische Akte, deren Täterschaft dem Gegner zugerechnet werden, Verhaftungen ohne Angabe von Gründen bei Nacht und andere Maßnahmen, die heute als schmutziger Krieg bezeichnet werden. Die FLN ihrerseits agierte ähnlich, sodass der Algerienkrieg zu einem der brutalsten Kolonialkriege der Zeitgeschichte wurde.

Trotz der militärischen Erfolge Frankreichs zog doch die FLN den größeren Nutzen aus der Schlacht um Algier. Als das menschenrechtswidrige Vorgehen der Armee bekannt wurde kippte die Stimmung sowohl in Frankreich als auch weltweit zu Ungunsten der Franzosen. Militärisch unbesiegt mussten sie Algerien 1962 räumen. Eine Million Franzosen flohen ins Mutterland, knapp 100.000 Algerier, die auf Seiten der Franzosen gestanden hatten, wurden massakriert.

Ein Film als Politikum…

1966 wurde „Schlacht um Algier“ bei den Filmfestspielen in Venedig uraufgeführt und erntete positive Kritiken; in Frankreich wurde die Vorführung jedoch verboten. Vor allem ehemalige Algerienfranzosen sahen sich provoziert, es kam zu Attacken auf Kinos in verschiedenen europäischen Staaten. Im Gegensatz dazu begeisterten sich vor allem linke Aktivisten für den Film, er soll auch der Lieblingsfilm des RAF-Gründers Andreas Baader gewesen sein.

… und als Lehrfilm

Auch Militärs fanden Interesse an dem Film, gilt er doch noch immer als eine der realistischsten Darstellungen eines derartigen Konfliktes. In Argentinien soll er 1960 als Lehrfilm für Kadetten der Militärschulen im Bereich der Aufstandsbekämpfung gezeigt worden sein. 2003, ein Jahr bevor der Film in den USA neu erschien, veranstaltete die Abteilung für Spezialoperationen und asymmetrische Kriegsführung im Pentagon eine private Vorführung für Angehörige des Verteidigungsministeriums. Dies sollte, vor dem Hintergrund des Guerillakrieges im Irak, die Schwierigkeiten der Aufstandsbekämpfung sowie die negativen politischen Auswirkungen schmutziger Kriegsführung verdeutlichen, so die offizielle Stellungnahme der Behörde.

Realistische Laiendarsteller

Das ursprüngliche Drehbuch von Saadi Yacef, einem ehemaligen FLN Kämpfer, wies Regisseur Pontecorvo als zu einseitig zurück. Erst nach einer Überarbeitung, die Objektivität und Realismus in den Vordergrund stellte, sagte er die Regiearbeit zu. Wegen des geringen Budgets griffen die Filmemacher größtenteils auf Laiendarsteller zurück wie Brahim Hadjadj, einen algerischen Bauern, der die Hauptrolle spielte. Die Kameraführung in den engen Gassen der Kasbah erinnert immer wieder an einen Dokumentarfilm und verleiht dem Film ein hohes Maß an Intensität. Überhaupt schafft es Pontecorvo, den Zuschauer in den Bann des Filmes zu ziehen und die Spannung aufrecht zu erhalten. Um große Historizität bemüht, zeigt „Schlacht um Algier“ das brutale Vorgehen beider Seiten, wobei dennoch eine gewisse Tendenz zugunsten der FLN spürbar ist.

Der Film ist sehenswert und sowohl historisch interessant als auch gerade unter dem Eindruck der Ereignisse im Nahen Osten aktuell.

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