Buchtipp: Man kann auch zweimal sterben

Helmut Elsner gilt im BAWAG-Krimi als der „Einzeltäter“. Er saß vier Jahre und vier Monate in Österreich in Haft, ehe er auf Grund seines schlechten Gesundheitszustandes nach Hause durfte. Die gegen ihn wegen Untreue und Betrugs durch den Obersten Gerichtshof bestätigten 9,5 Jahre waren das härteste Urteil im BAWAG-Verfahren, doch auch Elsners Nachfolger Johann Zwettler erwischte es mit fünf Jahren wegen Untreue und Bilanzfälschung schwer. Zwettler saß keinen Tag hinter Gittern, er ist haftunfähig. Dass er das ist, daran hat der Prozess großen Anteil, meint Buchautor Herbert-Ernst Neusiedler. In „Man kann auch zweimal sterben“ stellt er seinen Freund Johann Zwettler vor, den Arbeiterbuben aus Wien-Jedlesee, der sein Leben der Gewerkschaftsbank gewidmet hat und am Ende unschuldig verurteilt wurde, wie Neusiedler mit dem Buch belegen will.

Das Buch ist mehr als eine Verteidigung, es ist auch eine Anklageschrift – gegen Politik, Justiz und Medien im Allgemeinen und gegen einzelne Akteure im Besonderen. Denn der BAWAG-Skandal ist für Neusiedler kein Skandal der BAWAG „und nicht einer der Herren Elsner oder Zwettler. Es war ein Skandal der Politik, einer intellektuell überforderten ÖGB-Leitung und einer unprofessionellen Bankführung nach Zwettlers Abgang. Und es war und ist ein Skandal der österreichischen Justiz.“ (S. 28).

Anklage des Autors gegen Politik, Justiz und Medien

Die Liste der vom Autor Angeklagten ist lang und umfasst neben dem üblich verdächtigen Spekulanten Wolfgang Flöttl, den Neusiedler ähnlich wie Elsners Frau Ruth in ihrem Buch als Haupttäter betrachtet, aus dem Kreis der BAWAG auch Zwettlers Nachfolger, den heutigen Notenbank-Gouverneur Ewald Nowotny. Aus der Politik tadelt Neusiedler den damaligen SPÖ-Vorsitzenden und späteren Kanzler Alfred Gusenbauer sowie den heutigen Sozialminister Rudolf Hundstorfer, damals Nachfolger des gestrauchelten ÖGB-Präsidenten Verzetnitsch. Und Wolfgang Schüssel, der den „roten“ Skandal schamlos ausnutzte, um mit seinen Regierungskollegen Grasser und Gorbach BAWAG-Sparbücher zu eröffnen. Aus den Reihen der Justiz müssten die Staatsanwälte Ronald Schön und Georg Krakow auf die Anklagebank. Schön wurde wegen Befangenheit vom Verfahren abgezogen. Wie der Autor darlegt, führte Krakow sein Werk jedoch unbeirrt fort. Schließlich wird auch der einstige „König der Aufdecker“, Alfred Worm, posthum zur Verantwortung gezogen, der im Magazin NEWS den Stein journalistisch mit Hilfe anonym gebliebener Informanten ins Rollen gebracht hatte.

Handelt es sich hierbei zu einem guten Teil um moralische Vorwürfe, so hat das Buch auch Handfestes zu bieten. Wolfgang Flöttl soll 1994 bei der abrupten Beendigung der ersten Tranche der sogenannten „Karibik-Geschäfte“ nach der Kritik durch die Nationalbank enorme Verluste – die Rede ist von mindestens 200 Millionen Dollar – erlitten haben. Sowohl Elsner als auch Zwettler würden vermuten, so der Buchautor, dass er diese Verluste „mit den späteren von ihm so genannten Verlustgeschäften mehrfach kompensiert hat“. (S. 110) Dass sich die BAWAG ein zweites Mal in Flöttls Spekulationsgeschäfte einließ, lag demnach an der drohenden Konsum-Pleite und den daraus zu erwartenden Auswirkungen auf die nächste Bilanz. „Da muss der Sohn (Wolfgang Flöttl ist der Sohn des einstigen BAWAG-Generals Walter Flöttl, Anm.) wieder mit uns Geschäfte machen und eine Kompensation zum jetzigen Stand herbeiführen“, soll Elsner damals gesagt haben, wie Zwettler aus seinen Erinnerungen schildert. Der Sohn wand sich, erklärte sich jedoch rasch bereit. „Rückwirkend ist mir klar, dass er das Geschäft nötiger hatte als die BAWAG“, notiert Zwettler. (S. 126f).

Der Pirat ging frei, Kapitän und Steuermann wurden verurteilt

Für Neusiedler ist die entscheidende Frage im BAWAG-Krimi jene nach dem Verbleib der von Flöttl angeblich verspekulierten Beträge. Für das Gericht unter der Leitung der späteren Justizministerin Bandion-Ortner hingegen war das Nebensache. Der Autor attestiert ihr mangelnde Kompetenz und einen falschen Fokus, denn: „Das BAWAG-Schiff lief trotz der Lecks, die der Pirat Flöttl ihm geschlagen hatte, auf Kurs. […] Doch ein Gericht, besetzt mit Nichtschwimmern und Landratten, verurteilte den Kapitän Elsner und seinen Steuermann Zwettler für den Schaden, der ihnen zugefügt worden war. Der Pirat hingegen wurde milde behandelt, zuletzt sogar vom OGH freigesprochen.“ (S. 161).

Die BAWAG selbst kommt in dem Buch sehr gut weg und wird als äußerst erfolgreiches Institut dargestellt, das der Konkurrenz jahrzehntelang meist mindestens einen Schritt voraus war und so auch die stetigen Begehrlichkeiten aus der SPÖ und dem Gewerkschaftsbund verkraften konnte. Die Sittenbilder, die hier mancherorts gezeichnet werden, sind dennoch bemerkenswert. So wurde die BAWAG zum Eigentümer der maroden Steyrermühl-Druckerei, um zumindest für einige Jahre das Überleben des SPÖ-Organs Arbeiterzeitung zu sichern. Das SPÖ-eigene Reisebüro RUEFA wurde von der BAWAG durch den Kauf vor dem Konkurs gerettet und letztlich wieder flott gemacht. Und auch bei der Insolvenz des Konsum führte die BAWAG als größte Gläubigerbank Regie, stieg dank guter Sicherheiten jedoch besser aus als manch anderer Gläubiger.

Im Unzensuriert-Laden erhältlich

„Man kann auch zweimal sterben – Die BAWAG, ein Gericht und die Hintergründe“ von Herbert-Ernst Neusiedler ist im April 2012 im Medienverlag erschienen und kann zu einem Preis von € 19,80 im Unzensuriert-Laden bezogen werden.

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