Moderation im Schleier: Ägyptisches Staatsfernsehen passt sich Muslimbruderschaft an

Es gibt zwei Länder namens Ägypten. In dem einen sei mit dem "Arabischen Frühling" ein "ungeheurer demokratischer Aufbruch" zu spüren, der mittelfristig zu einer Annäherung an die europäischen Demokratien führen werde. Die regierende "Freiheits- und Gerechtigkeitspartei" (FGP, der politische Arm der Muslimbruderschaft) sei eine zwar islamisch ausgerichtete, aber im Großen und Ganzen der Demokratie verpflichtete Partei, die sich "für alle Ägypter", einschließlich Säkulare und Christen, einsetze. Dieses Ägypten ist im Wesentlichen ein Konstrukt der auflagenstarken linksliberalen "Leitmedien" und ihren Online-Ausgaben. Das verkrampfte Bemühen, unter keinen Umständen als "islamophob" (und damit konsequenterweise als einwanderungskritisch) zu gelten, dürfte hier im wahrsten Sinne des Wortes federführend sein. Die Muslimbruderschaft braucht aus dieser Richtung nur stark gedämpfte Kritik zu fürchten.

In jenem Ägypten, das durch eine eher realistische Betrachtung der Lage an Konturen gewinnt, befindet sich der politische Islam – tatsächlich durch weitgehend demokratische Wahlen legitimiert – auf dem Vormarsch. Gerade die Zusammensetzung des Parlaments, in dem Abgeordnete der noch radikaleren Salafistenpartei "Al-Nour" abseits der Muslimbrüder ganz selbstverständlich Platz genommen haben, ist gravierender Beleg. Aber auch das Klima in der ägyptischen Gesellschaft verändert sich: Religiöse Minderheiten wie die christlichen Kopten leiden unter Schikanen und Herabsetzungen, sie prägen mittlerweile ihren Alltag. Der politische Islam zieht klare Grenzen.

Schleier vor der Kamera war 50 Jahre lang tabu

Ein anderes Gebiet, auf dem sich eine schleichende Islamisierung bemerkbar macht, ist das Kultur- und Medienleben. Im staatlichen ägyptischen Fernsehen, dessen Programm den Zuschauer ohnehin mit religiösen Darbietungen – von kitschigen islamistischen Geschichtsverdrehungen bis zur Koranauslegung – ausreichend versorgt, kam es deshalb zu einer kleinen (islamischen) Revolution – die jedoch nur konsequent ist. Die Fernsehmoderatorin Fatma Nabil erledigte jüngst ihre Arbeit im staatlichen "Kanal 1" im Hidschab, einer Teilverschleierung. Die Zäsur, die hier augenscheinlich wird, lässt sich nur noch mit Mühe bagatellisieren: Seit Gründung des Staatsfernsehens 1960 war die Verschleierung vor der Kamera tabu, insbesondere in der Ära des gestürzten Machthabers Hosni Mubaraks war sie undenkbar. Der Autokrat hatte die Islamisten an den Rand gedrängt, ihre Spielräume in Politik und Gesellschaft stark beschnitten. Er befand sich zumindest mit dieser Politik in der Tradition der großen ägyptischen Staatslenker und Modernisierer Gamal Abdel Nasser (1918 – 1970) und Anwar as-Sadat (1918 – 1981). Staatspräsident Sadat handelte den Frieden mit Israel aus. Er wurde deshalb Opfer eines Attentats, die Täter: radikale Islamisten, die ihre Tat biblisch verklärten. Man habe mit dem westlich orientierten Sadat "den Pharao" getötet.

Ähnlich krude Deutungen dürften angesichts der neuen Medienpolitik nun völlig selbstverständlich in die ägyptischen Wohnzimmer ausgestrahlt werden. Denn seit der Muslimbruder Salah Abd al-Maqsud als Informationsminister für sie verantwortlich ist, verändern sich nicht nur die Formate, sondern auch die Kleidung der weiblichen Repräsentanten: Dem Zuschauer soll kein säkulares, sondern ein – nach Lesart der Muslimbrüder – frommes bzw. vom politischen Islam geprägtes Ägypten vermittelt werden. Al-Maqsud legte prompt nach: Weitere Ansagerinnen des Staatsfernsehens sollten dem Beispiel Nabils folgen und damit den Trend, den das ägyptische Privatfernsehen seit der Regierung der Muslimbrüder gesetzt hat, aufgreifen: "Wir sollten uns schämen, dass auf arabischen und sogar internationalen Fernsehkanälen Kopfschleier zu sehen sind, nicht aber in Ägypten”, so Maqsud im ägyptischen Fernsehen.

Muslimbrüder: Harte Agenda hinter weicher Fassade

Der Tabubruch gewinnt noch an Aussagekraft wenn man die Hintergründe beleuchtet: Fatma Nabil kehrte vom Sender der Muslimbruderschaft ("Misr25") zu "Kanal 1" zurück. Den Staatskanal musste die Schleierträgerin aufgrund der unter Mubarak verpflichtenden Kleidungsvorschriften verlassen. Dass Parteien versuchen, ihre Anhänger zwecks Einflussnahme in den staatlichen Medienanstalten zu etablieren bzw. von ihnen "versorgen" zu lassen, ist keine ägyptische Spezialität, sondern auch im Westen politisches Alltagsgeschäft. Jedoch handelt es sich bei der eng mit der 1928 gegründeten Muslimbrüderschaft verflochtenen FGP, keineswegs um eine "normale" politische Partei. Sie unterstützt nach Kräften die angestrebte politisch-kulturelle Hegemonie der Muslimbrüder, die in ihrem Wahlspruch den Koran als "einzige Verfassung" bezeichnen, den "Tod im Dschihad als nobelster Wunsch".

Diese Militanz ist aktuell einem weicheren Image gewichen, die Agenda jedoch bleibt. Ein Blick auf die Geschichte der "Mutter aller islamistischen Organisationen", zeigt, dass die älteste radikal islamistische Gruppierung der Moderne für viele noch radikalere Nachfolgeorganisationen ein Vorbild darstellte. Aus ihren Reihen ging unter anderem der Dschihadist Aiman Al-Zawahiri hervor, der zum Umfeld der Sadat-Attentäter gehörte und heute einer der Stellvertreter des 2011 getöteten "Sheiks" Osama Bin Laden ist. Er hält sich vermutlich mit zahlreichen Al-Kaida-Kämpfern aus Ägypten im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet auf.

Für Informationsminister Al-Maqsud ist die Rückkehr einer dezidierten Anhängerin der Muslimbrüder lediglich eine "Stärkung des Gerechtigkeitsprinzips in den Medien", so die staatliche Nachrichtenagentur MENA. Angesichts der gesellschaftlichen Veränderungen darf bezweifelt werden, ob sich fromme wie säkulare Mitarbeiter der ägyptischen Medien in Zukunft gleichermaßen auf die "neue Freiheit" unter Maqsud berufen können.

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