Nach fast drei Monaten blieb der Goldene Saal im Musikverein selbst bei der Wiedereröffnung nach den Corona-Maßnahmen mit nur 100 Besuchern quasi leer.

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Unverhältnismäßigkeit der Corona-Maßnahmen: Selbst im Krieg keine so lange Schließzeit bei Kultureinrichtungen

Am Freitagabend begann in Wien wieder der Kulturbetrieb mit dem ersten Konzert sowohl im Musikverein als auch im Konzerthaus, nachdem er im März auf Anordnung der schwarz-grünen Bundesregierung unter Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) eingestellt worden war.

Viel Prominenz, wenig zahlendes Publikum

Dabei war viel Prominenz, im Musikverein die der Bundesebene, im Konzerthaus jene der Stadt Wien. Wenig anwesend war im einen wie im anderen Haus zahlendes Publikum, denn wegen der Corona-Maßnahmen bekamen jeweils nur 100 Besucher Einlass.

Im ehrwürdigen Musikverein entspricht dies fünf Prozent Auslastung. Dort spielten die Symphoniker Mozart und Beethoven im Goldenen Saal, wo sich die 100 statt üblicherweise 2.000 Zuhörer verloren. Zur Dokumentation des historischen Moments wurde das knapp einstündige Konzert ohne Pause aufgezeichnet.

Unverhältnismäßigkeit der Corona-Maßnahmen

Im Konzerthaus hielt Intendant Matthias Naske eine kurze Ansprache zur Wiedereröffnung nach 88 Tagen der Corona-Schließung. Er erinnerte, dass das 1913 eröffnete Haus zuvor nur zweimal den Betrieb eingestellt hatte. Das waren zehn Tage im Februar 1934, als es zum „Bürgerkrieg“, einem bewaffneten Aufstand des linken SPÖ-Flügels kam, und 26 Tage am Ende des Zweiten Weltkrieges 1945.

Naske sagte nicht mehr, aber der Vergleich, den er heranzog, spricht für sich. Selbst im Krieg, als Wien schwer zerstört und hart umkämpft war, war das Haus fast durchgehend in Betrieb. Aber wegen des Coronavirus wurde es dreimal so lange lahmgelegt. Die Zahlen sagen alles über die Unverhältnismäßigkeit aus.

Absurdität der Regierungsmaßnahmen

Abschließend mahnte Naske, nach dem Konzert beim Verlassen von Saal und Haus wieder die Gesichtsmaske anzulegen, griff in die Hosentasche und sagte:

Ach, das ist das Brillenputztuch.

Ironie in Corona-Zeiten. Die Absurdität der Regierungsmaßnahmen wurde vom Konzerthaus plakativ vorgeführt. Beim Betreten des Hauses und bis zum Sitzplatz herrschte Maskenpflicht. Wer aber ins Buffet ging, der war davon befreit. Im Buffet trägt keiner eine Maske, doch kaum verlässt der Besucher den Bereich, gilt Maskenpflicht.

Staatsoper startet am Montag

Am Montag startet zu guter Letzt auch die Wiener Staatsoper ihr Ersatzprogramm für den Juni. „Die Lust an der Musik überwiegt die Angst“, sagte Direktor Dominique Meyer in Anbetracht der Tatsache, dass alle 14 Konzerte binnen 30 Minuten ausverkauft waren. Nicht einmal in Kriegszeiten dürfte es so schwer gewesen sein, an Staatsopernkarten zu kommen. Ob da nicht mehr der Protest die von der Regierung herbeigeredete Angst überwog.

Musikverein

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