Die Leicht-Version der legendären 1200er-Stelvio: Mit der V85 gelang Moto Guzzi bereits im Vorjahr der große Wurf, heuer wurde sie als Super-Reise-Enduro mit allerlei Extras aufgerüstet.

Foto: curricom.at
Sommerzeit ist (Motor-)Radelzeit: Moto Guzzis neue Super-Enduro in Wüsten-Ausstattung

Auf den ersten Blick aus größerer Distanz denkt man sich: wau, eine neue Moto Guzzi Stelvio! Tatsächlich hatte die legendäre große 1200er-Super-Enduro vor zehn Jahren rein äußerlich einiges gemein mit der V85 TT. Doch aus der Nähe betrachtet ist bei der Neuen alles ein wenig zierlicher – immerhin hatte die Stelvio rund 50 Kilo mehr. Aber auch mit ihren „zierlichen“ 250 Kilo ist die V85 – heuer als „TT Travel“ mit geräumigen Koffern, großem Windschild, Zusatzscheinwerfern und anderen Extras – schon ein gewichtiges Radel (TT steht für „Tutto Terreno“ = jedes Gelände).

Die Guzzi-Ingenieure wollen damit vor allem Abenteuer-Reiselustige begeistern (neue Sandfarbe „Sabbia Namib“). Die Maschine eignet sich aber auch für so ziemlich alle anderen Lebenslagen – die sperrigen Koffer lassen sich ja für Stadtverkehr oder Gatschhupferei mit nur wenigen Handgriffen ablegen.

Hohes Ross mit Charakter

Zum Glück gibt es drei Sitzbank-Höhen, denn selbst mit der niedrigsten Version kommt der Unzensuriert-Testpilot mit beiden Haxen nur halbwegs am Boden. Als alter Stelvio-Dauertester ist er es aber gewohnt, notfalls einfach nur mit dem rechten Fuß zu stehen. Der linke bleibt oben am Fußraster, so kann man schneller den Gang hineinklopfen und Gas geben.

Apropos: Das typische Guzzi-Schlingern (wie man es auch von den großen Boxer-BMW kennt) ist beim ersten Gasgeben im Leerlauf gleich wieder da. Guzzi-Neulinge sollten sich darüber nicht schrecken – stabiler kann eine Maschine gar nicht sein, und nach wenigen Kilometern gewöhnt man sich an die Eigenarten des Stahl-Rosses. Motorräder haben eben einen Charakter, wie Pferde.

Rundblick mit Kniewärmer

Die Gänge flutschen genauso satt hinein wie bei allen Guzzi, und die schön gleichmäßig von unten ansetzende Beschleunigung geht einher mit dem typisch tiefen Guzzi-Wummern. Bei ganz neuen Modellen riegelt der Motor bei 4.800 Touren ab (Einfahren!), was sich aber nach dem 1.000-Kilometer-Service bald ändert.

Die aufrechte Sitzposition bietet auf dem ohnehin hohen Krad einen exzellenten Rundblick im Straßenverkehr. Der Sitz selbst ist eher hart, die Federung dafür umso weicher. Der gegenüber dem Basis-Modell gewaltig größere Touring-Windschild schützt nicht nur vor dem Fahrtwind: In Kombination mit den V-Zylindern und den Handschützern vor den Lenker-Griffen wird man bei Regen kaum nass. Und bei kühlem Wetter bieten die heißen Guzzi-Querzylinder dazu noch einen optimalen Kniewärmer.

In die Koffer passt selbst eine Grill-Party

Neben serienmäßigem ABS und Traktionskontrolle bietet die V85 drei Fahrmodi – Straße, Regen und Gelände, was auch völlig ausreicht. Die metallverstärkten Koffer schauen nicht nur gut aus, sondern bieten mit ihren 27,5 bzw. 37 Litern Stauraum Platz für jede Menge Gepäck. Alleine in den größeren Koffer passen unter anderem zwei Vollvisier-Helme. Und wer das Radel, wie der Autor, auch zum Einkaufen nutzt, bekommt locker eine Kiste Bier (in Sechser-Packs) samt ausreichend fester Zusatz-Nahrung hinein.

Die völlig digitalen Armaturen können den ungeschulten Lenker schon überfordern – allein drei verschiedene Tank-Inhaltsangaben verwirren, wenn man auf die Schnelle wissen will, wie viel wirklich noch drin ist. Doch keine Panik:  Der riesige Tank fasst großzügige 23 Liter, mit denen man mehr als 400 Kilometer (!) weit kommt. Auch das sorgt anfangs für Verwirrung.

Bitte eine standesgemäße Hupe!

Ein echtes Manko ist die Hupe, die sich die Guzzi-Bauer anscheinend bei den Piaggio-Kollegen aus der Vespa ausgeborgt haben. Man geniert sich fast, das dünnstimmige Piepserl zu betätigen, wenn einem ein lahmer Angeber-SUV oder ein Mistkübelwagen den Weg versperrt. Ein zweites Minus ist die harte Krümmung des Auspuffs nach oben unmittelbar hinter dem linken Fußraster. Wer gern eher mit den Zehen am Raster steht, bleibt mit der Ferse leicht am heißen Auspuff picken.

Leider keine Dienstreise in die Wüste

Fazit: Ein wunderbares, gehobenes Mittelklasse-Motorrad, mit dem man im Stadtverkehr viel Spaß hat, das aber von Motorleistung und Ausstattung her auch für Urlaubsreisen selbst zu zweit alle Stückeln spielt. Und sollte einmal eine Schotter- oder Mugelpiste daherkommen, ist man mit der V85 auch dort der Chef. Wie das Gerät sich in der Wüste verhält, konnte der Unzensuriert-Tester nicht recherchieren, da Guzzi-Generalimporteur Faber, der uns das Testfahrzeug zur Verfügung stellte, keine Dienstreise nach Marokko bezahlen wollte. Wir bedanken uns trotzdem.

Der Preis der V85 TT Travel ist mit knapp 15.000 Euro zwar stolz – aber im Vergleich mit BMW in der gleichen Klasse ziemlich ebenbürtig. Qualität hat ihren Preis – und da können die Ingenieure aus Mandello del Lario in der Lombardei (seit 1921) mit den Kollegen aus Bayern durchaus mithalten.

Technische Daten Moto Guzzi V85 TT Travel

850 ccm Hubraum

V2-Zylinder Viertakter

80 PS

229 Kilo (vollgetankt und ohne Extras wie Koffer etc.)

6-Gang-Getriebe

83 Zentimeter Sitzhöhe

14.999 Euro Kaufpreis (inkl. Nova & Mwst. und Extras)

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