In Venedig konnten Denunzianten früher ihre geheimen Anzeigen in solche „Löwenmäuler“ einwerfen. Heute geht das in Essen online übers Internet.

Foto: Berthold Werner / Wikimedia (public domain)
Blockwarte und Denunzianten unterwegs: Essen bietet Online-Formular für anonymes Petzen

Die Begriffe „Blockwart“ und „Denunziant“ erleben in Zeiten von Corona eine Wiedergeburt. Während der Blockwart, der im nationalsozialistischen Deutschland zunächst als Ansprechpartner der NSDAP galt, sich dann aber zum Hobbypolizisten wandelte, der die Mitbürger bei Verstößen gegen die Regeln maßregelte, setzt der Denunziant, bekannt vor allem aus der DDR, noch eins drauf. Er begnügt sich nicht mit Beanstandungen, er meldet Regelverstöße der Obrigkeit, auf dass diese den Delinquenten wieder einnordet.

Soziale Kontrolle funktioniert

Beiden Phänomenen begegnet man in Corona-Zeiten täglich. Ob beim Einkauf, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder in Gasthäusern: Wer keinen Mund-Nasen-Schutz oder ihn nicht vorschriftsmäßig trägt, wird innerhalb kürzester Zeit auf seinen „Fehler“ hingewiesen.

In letzter Konsequenz wird das „Vergehen“ dem Filialleiter gemeldet – und der muss, um nicht selbst in Schwierigkeiten zu kommen, reagieren.

Konsequenz einer narzisstischer werdenden Gesellschaft

In einem Gefühl der moralischen Überlegenheit und oft vielleicht sogar mit einem sadistischen Lustgewinn am Einschränken der Freiheit anderer wachen Blockwarte und Denunzianten überall. Der Spiegel beschrieb dieses Phänomen bereits im März im Zusammenhang mit Corona:

Im Zweifel ist ein Teil der Bevölkerung gern bereit, sich zum verlängerten Arm der Staatsmacht zu machen.

Amtliche Aufforderung zum Denunzieren

Und die Staatsmacht nützt diesen verlängerten Arm gerne. So auch die Stadt Essen. Sie hat sogar ein offizielles Online-Formular kreiert, wo Denunzianten anonym Corona-Regelverstöße ihrer Mitmenschen melden können.

Kritik daran wehrt das Essener Ordnungsamt mit dem Argument ab, es handle sich lediglich um die Möglichkeit, „Informationen zu kanalisieren, die das Ordnungsamt sonst telefonisch oder per E-Mail erhält“. Einen amtlichen Aufruf zur Denunziation will die schwarz regierte Stadt darin nicht sehen. Immerhin hätte sie „zu keiner Zeit das Formular beworben oder aktiv dazu aufgefordert, Verstöße zu melden.“ Ein Fortschritt also zur DDR.

Denunzieren

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