In Südtirol gab es weit mehr als doppelt so viele Corona-Tote als nördlich des Brenners. Dafür gibt es Gründe.

Foto: Fars News Agency / wikimedia.org (CC BY 4.0)
Corona-Debakel in Südtirol: Die Zugehörigkeit zu Italien mit dem Leben bezahlt?

Seit bald eineinhalb Jahren hält das Coronavirus die Menschen in Atem. Aus den zur Verfügung stehenden Daten lassen sich aber auch noch andere Schlüsse ziehen, so aus den Angaben über die “Corona-Toten”.

Tirol-Vergleich nach 15 Monaten Corona

So gibt es im historischen Tirol, also Nord- und Osttirol, Südtirol und Trentino, Unterschiede, die nicht signifikant, sondern eklatant sind.

In Südtirol gab es weit mehr als doppelt so viele Corona-Tote als in Nord- und Osttirol, im Trentino fast dreimal so viele. In allen drei Gebieten ereignete sich der Höhepunkt der Corona-Sterblichkeit im Herbst 2020.

Viren kennen keine Staatsgrenzen

Da Viren keine Staatsgrenzen kennen, sind die Gründe für das erschreckende Gefälle zwischen den beiden Tiroler Landesteilen anderswo zu suchen. Es liegt auch nicht an unterschiedlichen Zählweisen. Diese entsprechen in beiden Ländern den WHO-Richtlinien vom April 2020, weshalb sowohl in Nord-, als auch in Südtirol viele symptomlose Todesfälle in Alten- und Pflegeheimen eingerechnet sind.

Was aber unterscheidet Graun im Vinschgau von der Nachbargemeinde Nauders, die jeweils ersten Gemeinden jenseits der österreichisch-italienischen Staatsgrenze, die Tirol entzweit? Die Corona-Krise hat die von manchen für überwunden geglaubte Brennergrenze mit Nägeln in die Sargdeckel geschlagen. Wer trägt die politische Verantwortung für das Südtiroler Corona-Debakel?

Kein Sozialgefälle

Die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse in den beiden Landesteilen sind identisch und bieten keinen Ansatz für eine Antwort. Was also unterscheidet Süd- und Nordtirol? Südtirols Zugehörigkeit zum italienischen Staat.

Die exorbitant hohen Zahlen der Corona-Toten stellen dem Südtiroler Gesundheitswesen ein vernichtendes Zeugnis aus. Wie ist das möglich? Es kam seinen Grenzen nahe, war aber nie überlastet. Die Corona-Maßnahmen der italienischen Regierung waren noch radikaler als jene der österreichischen. Und dennoch kommen auf zwei Tote im nördlichen Landesteil sechs Tote in Südtirol. Und noch etwas: Im Bundesland Tirol gab es im berücksichtigten Zeitraum ein Fünftel weniger Corona-Tote als österreichweit.

Intensivbettenvergleich

Südtirol hat weniger Intensivbetten. Ein Defizit, das nicht fatal war, aber fast. In Südtirol standen am Beginn der Corona-Krise 35 Intensivbetten zur Verfügung (ein Bett je 15.000 Einwohner), in Nord- und Osttirol aber 152 (ein Bett je 5.000 Einwohner), also dreimal so viele.

In Nord- und Osttirol wurden die Intensivbetten im März 2020 auf 222 erhöht, in Südtirol auf höchstens 60. Um die tatsächliche Zahl der Südtiroler Intensivbetten kam es zu einer öffentlichen Debatte, da der zuständige Gesundheitslandesrat Thomas Widmann (SVP) 100 Intensivbetten behauptete, was der Intensivmediziner Werner Beikircher als Phantasiezahl „fern jeder Realität“ bezeichnete.

Leere Betten hier, hart an der Kapazitätsgrenze da

Tatsache ist, dass im Intensivbereich die Südtiroler Kapazitäten hart an ihre Grenzen kamen, während in Nord- und Osttirol die Hälfte der Betten leer blieb. Nord- und Osttirol konnte sich inmitten der Corona-Krise sogar den Abbau von Intensivbetten von 222 auf 187 leisten (minus 16 Prozent). So konnten Intensivpatienten aus Südtirol nach Innsbruck und Lienz verlegt werden.

Rotstift der italienischen Regierung

Der Rotstift der italienischen Regierung im Gesundheitswesen, der in den vergangenen Jahren angesetzt worden war, hat in der Corona-Krise seine dunklen Schatten geworfen.

Aber auch die Südtiroler Volkspartei (SVP), Schwesterpartei der ÖVP, hat gegen den entschiedenen Protest der Bevölkerung Teile der Sparmaßnahmen unterstützt. Das Ergebnis ist eine zunehmende Zentralisierung der Gesundheitsversorgung in Bozen. Die italienischen Interessen sind dort konzentriert, weshalb es dieser Seite recht sein konnte.

Italienische Sparpläne teuer bezahlt

In der SVP hingegen gingen Pläne für eines jener unsäglichen Prestigeprojekt um: das Landeskrankenhaus Bozen zur Universitätsklinik zu machen. Die Menschen haben die italienischen Sparpläne (und wohl auch die SVP-Prestigepläne) teuer bezahlt. Manche in der Corona-Krise vielleicht mit ihrem Leben.

Intensivstation

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