ZDF rudert zurück: Nach Kritik an Praktikanten-Ausbeutung wird Posting gelöscht – Unzensuriert

Gerade im Journalismus werden viele un- oder schlechtbezahlte Praktika angeboten – und konsumiert. (Redaktion einer überregionalen Tageszeitung.)

Foto: Rolf Roletschek / Wikimedia (CC BY-SA 3.0)
ZDF rudert zurück: Nach Kritik an Praktikanten-Ausbeutung wird Posting gelöscht

Als vor mehr als 150 Jahren die soziale Frage in den Fokus der Politik rückte, galt die Prämisse, dass jeder Mensch von seiner Arbeit anständig leben können sollte. Besonders die sozialdemokratischen Parteien setzten sich für die arbeitende Bevölkerung ein, auf dass sie ihren Anteil am Erfolg bekomme.

ZDF lobt sich für Ausbeutung

Wie weit man nach 100 Jahren Regierungsbeteiligung diverser Linksparteien von diesem Anspruch entfernt ist, beweist ein Posting des ZDF im Job- und Vernetzungsportal Linkedin vom vergangenen Wochenende:

Endlich! Dafür haben wir echt lange gekämpft! Ab 1. Juli 2021 werden alle Praktika beim ZDF im Inland – unabhängig ob es sich um Pflicht- oder freiwillige Praktika handelt und unabhängig von einer Mindestdauer – mit 350 Euro pro Monat vergütet. (…) Das ZDF zielt darauf ab, als Ausbildungunternehmen attraktiv zu bleiben und jungen Menschen das Sammeln von Erfahrungen und eine Mitarbeit im ZDF unabhängig von ihrer finanziellen Situation, ihrem sozialen Status und ihrem kulturellen Hintergrund zu ermöglichen.“

Welle der Empörung schlägt zurück

350 Euro pro Monat für eine Vollzeittätigkeit! Nachdem Empörung darüber laut wurde, wurde das Posting gelöscht. Seit den 1990er Jahren gibt es Kritik an der Situation der „Generation Praktikum“, die un(ter)bezahlten Tätigkeiten in ungesicherten beruflichen Verhältnissen nachgehen müsse, um überhaupt eine Chance für den Berufseinstieg zu bekommen.

2017 arbeiteten eine halbe Million bezahlte und unbezahlte Praktikanten in der Bundesrepublik Deutschland, laut Statistik Austria im Jahr 2016 sogar 336.000 im zehnmal kleineren Österreich.

Mainstream macht die Mauer

Bezeichnend, dass viele dieser prekären Arbeitsverhältnisse besonders im Journalismus zu finden sind. Bezeichnend, dass darüber kaum berichtet wird. Und auch bezeichnend, dass die konservative, also grundsätzlich wirtschaftsfreundliche Tageszeitung Die Presse noch vor ein paar Jahren titelte:

Die Generation Praktikum gibt’s nicht.

Und nun pfuschte gerade das ZDF in die schöne heile Welt hinein und glaubte auch noch, sich für die Minderbezahlung, die schon eine Verbesserung zu den bisherigen Arbeitsbedingungen darstellt, feiern lassen zu können. Doch zu Fall brachte nicht die Politik das Treiben, sondern die Bürger in den Sozialen Medien. Weder CDU, SPD noch eine sonstige linke Partei interessiert sich offenbar für die prekären Arbeitsbedingungen.

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