Hessenthaler-SMS: „Die roten Idioten kommen mit dem Geld nicht weiter“ – Unzensuriert

Buchautor Christian Hafenecker (li.) und Martin Graf (beide FPÖ-Abgeordnete im „Ibiza“-U-Ausschuss) bei einer Pressekonferenz.

Foto: Parlamentsdirektion / Thomas Jantzen
Hessenthaler-SMS: „Die roten Idioten kommen mit dem Geld nicht weiter“

Im Buch von Christian Hafenecker mit dem Titel „So sind wir“ wird deutlich, dass es für die Ibiza-Bande auch darum ging, mit dem Video viel Geld zu machen.

„Zivilgesellschaftliches Projekt“

Immer wieder wurde betont, dass das Video nicht aus finanziellen Gründen angefertigt worden sei, sondern als „zivilgesellschaftliches Projekt“ gedacht gewesen sei, um „rechtspopulistische Parteien“ zu stoppen. Ersteller und Eigentümer des Videos und somit auch verfügungsberechtigt waren, laut eigenen Angaben, Detektiv Julian Hessenthaler und Anwalt M.. Stets behaupteten sie, es gebe keine Auftraggeber und Hintermänner. Eine etwaige finanzielle Verwertung des Videos würde somit in ihren Händen liegen.

Verräterische Chat-Nachricht

Diverse Chat-Nachrichten Hessenthalers deuteten darauf hin, dass seine Aussage, er habe kein finanzielles Interesse gehabt, maximal eine öffentliche Behauptung ist. Am 17. November 2017, also anderthalb Jahre vor der Veröffentlichung, schrieb er in einer SMS-Nachricht:

Die roten Idioten kommen mit dem Geld nicht mehr weiter.

Vermutungen liegen nahe, dass damit die SPÖ gemeint war, welche bei der Nationalratswahl 2017, wenige Wochen zuvor, erst den Kanzlersessel verlor.

Verkaufsgespräche wenige Wochen nach dem Video-Dreh

Im Zuge des Untersuchungsausschusses stellte sich heraus, dass es auch vonseiten des Anwalts M. durchaus Interesse und auch konkrete Versuche gab, das Video zu verkaufen. Erste diesbezügliche Gespräche fanden bereits wenige Wochen nach dem Dreh statt.

In der Zigarrenlounge im Park Hyatt

Mitte August 2017 trifft Anwalt M. seinen Volksschulfreund Johannes Vetter, damals gerade Wahlkampfmanager der SPÖ unter Bundeskanzler Christian Kern, in der Zigarrenlounge im Park Hyatt in der Wiener Innenstadt. Dort erzählt der „Ibiza“-Anwalt von brisantem Bildmaterial über Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus. Er erwähnt auch, dass es sich dabei um Bewegbildmaterial handle und Geld benötigt werde, wobei kein genauer Betrag genannt worden sei.

Video um siebenstelligen Betrag angeboten

Zeitnah zu dem Treffen mit Vetter kommt es zu einem Gespräch zwischen M. und dem SPÖ-nahen PR-Berater Nikolaus Pelinka. Die beiden kennen sich aus einer gemeinsamen Tätigkeit in der Rechtsanwaltskanzlei von Gabriel Lansky zu Beginn der 2000er-Jahre. Bei dem Treffen in einem Kaffeehaus erzählt M. von belastendem Material gegen Strache und fragt Pelinka, ob er ihn mit potenziellen Käufern zusammenbringen könne oder selbst Interesse habe, das Material zu erwerben. Die Rede ist von einem siebenstelligen Betrag. M. macht dabei auch Andeutungen in Richtung einer Provision für die Vermittlungstätigkeit. Auch wenn Pelinka im Endeffekt kein Interesse an dem Material hat, erzählt er mehreren Personen davon.

Auf die Frage im U-Ausschuss, wie vielen Leuten er vom Video-Material erzählt habe, antwortete Nikolaus Pelinka:

Eins, zwei, drei, viele ist eine gute Definition. Ich würde vermuten, dass es um mehrere Dutzend Menschen geht, aber immer in verschiedenen Abstufungen.

Ex-SPÖ-Kanzler Kern wusste schon 2018 vom Video

Unter diesen Personen waren jedenfalls die SPÖ-Politiker Thomas Drozda und Christian Kern, deren Interesse Pelinka mit seinen Ausführungen weckte. Pelinka übergab Drozda Ende März oder Anfang April 2018 die Kontaktdaten des Anwalts M., was Drozda in seiner Einvernahme beim Bundeskriminalamt später als „Vermittlung“ bezeichnete.

Video weckte Interesse der SPÖ

Wie Drozda vor dem Untersuchungsausschuss aussagte, wurde mit der Information zu vermeintlich belastendem Material über Strache und die FPÖ das Interesse der SPÖ-Spitze geweckt. In Folge dessen wurde Drozda von SPÖ-Chef Kern angewiesen, sich die Sache genauer anzuschauen. Am 12. April 2018 kommt es zu einem Treffen zwischen Drozda und Anwalt M. in dessen Kanzlei. Dort unterrichtet M. den SPÖ-Politiker über die Existenz eines Videos, in dem unter anderem Korruptionsideen gesponnen würden. Darüber hinaus legt der Anwalt Fotos von vermeintlichen Geldtaschen vor. Am Tag nach dem Gespräch informiert Drozda seinen Parteiobmann Christian Kern und auch den Anwalt der SPÖ, Michael Pilz.

Angebot für die SPÖ: Sechs Millionen Euro

Am 24. April 2018 kommt es zu einem einstündigen Gespräch zwischen dem SPÖ-Anwalt Pilz und dem „Ibiza“-Drahtzieher M.. Pilz bekommt dort einige Szenen aus dem Video vorgespielt und hat somit Kenntnis über dessen Inhalte. Für den Erwerb des Materials soll M. sechs Millionen Euro verlangt haben. Noch am selben Tag berichtet Pilz Drozda über die Inhalte des Treffens.

Am 2. Mai 2018 findet ein Sechsaugengespräch zwischen Drozda, Pilz und Kern statt, wo über das Treffen bei M. gesprochen wird. An diesem Tag wird entschieden, eine offizielle Absage der SPÖ an M. per eingeschriebenen Brief zu übermitteln, welche am 9. Mai 2018 versendet wird.

Eine merkwürdige TV-Wette

Diese Erkenntnisse lassen vermuten, dass die SPÖ-Spitze, zumindest Parteichef Kern und Bundesgeschäftsführer Drozda, spätestens ab April 2018, also ein Jahr vor der Veröffentlichung des Videos, über dessen grobe Inhalte Kenntnis hatten. Einen Tag nach dem Treffen zwischen Pilz und M. wettet SPÖ-Chef Kern in einem TV-Duell mit Heinz-Christian Strache im ORF um eine Flasche Rotwein, dass er, Kern, „sicher länger Parteichef“ bleiben werde als Strache.

Die SPÖ war übrigens nicht die einzige Partei, zu der die Hersteller des „Ibiza-Videos“ Kontakt suchten, wie Christian Hafenecker in seinem Buch „So sind wir“ weitert beschreibt.

Auch Süddeutsche Zeitung bestreitet Geldzahlung

Einer der verantwortlichen Redakteure der Video-Veröffentlichung war der Redakteur der Süddeutschen Zeitung, Oliver Das Gupta. Fragen zu Hintermännern, Personen, die die Aufnahmen übergaben, und ob für das Video Geld bezahlt wurde, wollte er nicht beantworten. Das Gupta teilte unzensuriert schriftlich mit:

Wie schon telefonisch erwähnt, werde ich über redaktionelle Interna sowie die Quellen – und darauf zielen manche Ihrer Fragen – aus naheliegenden und oft kommunizierten Gründen nicht antworten. Etwa die Frage, ob wir Geld für den Erhalt des Materials gezahlt hätten, ist nun doch wirklich oft genug beantwortet worden.

Widerspruch in Hessenthalers Chat-Nachricht

Von allen Seiten wurde stets bestritten, dass für die Bereitstellung des Videomaterials und diesbezügliche Informationen Geld geflossen sei. Diese Aussagen widersprechen aber einer Chat-Nachricht des Detektivs Julian Hessenthaler an seinen Bekannten, dem er dem Vernehmen nach Geld schuldete und dem er schrieb:

Anfang März 19. Sollten v spiegel mitte jan ausgezahlt werden. Somit problemlos.

Und weiter:

Laut spiegel ist mit 3/4 feb Woche mit Geld zu rechnen.

Wie soll man diese Chat-Nachricht interpretieren, die von der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) auf dem Mobiltelefon eines der „Ibiza“-Drahtzieher gefunden und die dem „Ibiza“-Untersuchungsausschuss vorgelegt wurde?

Fortsetzung folgt: Lesen Sie am Donnerstag, wie amateurhaft Johann Gudenus auf die vermeintliche Oligarchen-Nichte hereinfiel.

Das Buch von Christian Hafenecker ist im Verlag Frank&Frei erschienen, und zum Preis von 19,90 Euro  im Frank und Frei Verlag zu bestellen.

Christian Hafenecker und Martin Graf (Buch)

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