Ob die „ÖVP-Ibiza-Mails“ real oder eine Fälschung sind, ist durch neue Fakten immer schwieriger zu entscheiden.

Bild: pixabay/GDJ
ÖVP-Ibiza-Mails: „Wir brauchen aber eine perfekte Strategie dazu“

Am Montag dieser Woche hatte die ÖVP kurzfristig und überraschend zu einer Pressekonferenz eingeladen. Thema: ein Fälschungsskandal und die damit verbundenen rechtlichen Schritte seitens der Volkspartei. In dieser wurde in einem aktiven Schritt darüber informiert, dass einem Medium – wie sich später herausstellte die Aufdeckerplattform eu-infothek – ein vermeintlicher Email-Verkehr zwischen Sebastian Kurz und Gernot Blümel vorliegt, mit Inhalten zur Causa Prima, dem „Ibiza-Video“. Laut ÖVP eine Fälschung. Details über den Inhalt wurden nicht bekannt gegeben.

Inhalt des Emails

Gestern, Freitag, veröffentlichte eu-infothek ein Email mit extrem brisantem Inhalt. 

Hallo,

zu Thema 1: Ich geb nach der Rückkehr aus Brüssel Bescheid.

Zu Thema 2: Wir haben mehrstündiges Videomaterial, das jeder Überprüfung standhält. Strache+Gudenus. Da sind alle anderen obsolet. Wir brauchen aber eine perfekte Strategie dazu.

Unzensuriert berichtete bereits darüber. Heute analysieren wir den Inhalt dieses Mails. Wenn es eine Fälschung ist, dann hat sich der Fälscher viel Mühe gemacht. Der Satz „Ich geb nach der Rückkehr aus Brüssel Bescheid“ passt genau zur offensichtlich vorzeitigen Abreise des damaligen Europaministers Gernot Blümel aus Brüssel, am 27. Februar 2018, dem angeblichen Datum des Emails. Festgehalten von Oliver Grimm, Brüssel-Korrespondent der Tageszeitung Die Presse. In einem tweet um 12.23 Uhr dieses Tages mokiert er sich über die vorzeitige Abreise Blümels:

Europaminister Gernot Blümerl reist ohne Pressekonferenz vom Rat in Brüssel aus „Zeitgründen“ ab.

Da sind alle anderen obsolet

Auch beim zweiten Thema gab sich der Ersteller des angeblich gefälschten Mails große Mühe. Er schreibt, dass alle anderen obsolet wären. Was sich offensichtlich auf andere Videos beziehen muss. Wieso soll ein Fälscher andere Videos ins Spiel bringen? Oder gibt es die tatsächlich?

Peter Pilz veröffentlichte bereits Ende Mai auf twitter ein Telefonprotokoll aus dem Jahre 2015:

SMS-Verkehr mit BVT-Mann

Da geht es um einen SMS-Verkehr zwischen einem Mann des österreichischen Nachrichtendiensts BVT und dem damaligen stellvertretenden Kabinettschef von Sebastian Kurz, Axel Melchior, der heute Bundesgeschäftsführer der türkisen ÖVP ist. Der BVT-Mann bietet ihm offensichtlich Filmmaterial an.

Unzensuriert hat am 30. Mai Melchior und die ÖVP um Stellungnahme ersucht und keine Antwort erhalten. Mit dem angeblich gefälschten Email erscheint das aber in einem neuen Licht. Unsere Anfrage vom Mai:

Ist dieser SMS-Verkehr – vermutlich mit Bernhard P. vom BMI-BVT – mit Ihnen geführt worden?
Um welche „neuen Filme“ ging es da?
Seit wann ist Ihnen das Strache/Gudenus-„Ibiza-Video“ bekannt?
Seit wann kennen Sie den Anwalt Ramin Mirfakhrai?
Hat Ihnen Ramin Mirfakhrai jemals Film- oder Bildmaterial zum Kauf angeboten oder hat sie der Anwalt jemals informiert, dass er „belastendes“ Material über Politiker hat?
Seit wann kennen Sie Julian Hessenthaler?
Wurde Hessenthaler jemals mit einem Auftrag von Ihnen bzw. der ÖVP bedacht?

Vielleicht bekommen wir nun eine Antwort, damit die These der ÖVP, bei diesen Mails handle es sich um Fälschungen, nicht in Zweifel gezogen werden kann.

Perfekte Strategie

Ein Mailfälscher versetzt sich in die Lage von Gernot Blümel, wie er gerade vom Ibiza-Video in Kenntnis gesetzt wurde. Welche Reaktion würde man ihm am glaubhaftesten unterstellen? Eigentlich totale Panik. Denn im Februar 2018 hat die türkis-blaue Koalition gerade Fahrt aufgenommen und alle Proponenten lobten sie in den höchsten Tönen. Was wäre also die normale Reaktion?  Völlige Coolness und das Nachdenken übe eine perfekte Strategie (zum eigenen Nutzen)? Wäre stattdessen nicht der Satz „wir haben ein riesengroßes Problem“ der wahrscheinlichere? 

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