Allein im Wiener Krankenhaus Nord fehlen laut Ärztekammer 100 Ärzte und zahlreiche weitere Fachkräfte. Verantwortlich: die katastrophale Planung des KAV.

Bwag / wikimedia.org (CC-BY-SA-4.0)
Ärztekammer-Rundschreiben macht Rendi-Wagners Forderung nach Termin-Limits für Operationen zur Lachnummer

Die jüngsten in den Medien kolportierten Vorschläge von SPÖ-Chefin und Ärztin Pamela Rendi-Wagner über die Einführung von Wartezeit-Limits bei Operationen oder beim Arzt scheinen nicht mir ihren eigenen Kollegen abgesprochen zu sein. Anders ist es nicht zu erklären, dass in einem aktuellen Rundschreiben der Ärztekammer Wien an alle angestellten Ärztinnen und Ärzte über katastrophale Arbeitsbedingungen aufgrund ausufernder Personalknappheit, mangelnder Postennachbesetzung, ungerechter Diensträder und desolater Ausrüstung in den Spitälern des Wiener Krankenanstaltenverbundes (KAV) geklagt wird. Und nicht nur das: Die Stadt Wien sei laut Ärztekammer offensichtlich auch nicht bereit, die bedrohlichen Zustände zu ändern, immer weniger Ärzte würden für den KAV arbeiten wollen.

Das Schreiben, datiert mit 2. September, bezieht sich zunächst auf die Missstände im Krankenhaus Nord. Wie der Wiener Ärztekammerpräsident Wolfgang Weismüller erst vor wenigen Tagen im ORF-Radio erklärt hatte, würden dort aufgrund falscher Dienstzeiten-Berechnungen an die 70 Planstellen und 100 Ärzte fehlen. Mitarbeiter würden auch im Pflegebereich, in der Administration und in der EDV fehlen, was wiederum das geplante „papierlose Krankenhaus“ in das Gegenteil verwandle – Krankengeschichten müssten nun digital und auf Papier festgehalten werden.

„Ansonsten kracht das System mangels Fachkräften zusammen“

Die Ärztekammer legt in ihrem aktuellen Schreiben noch ein Schäuferl nach. Wörtlich heißt es dort:

Die ersten Berichte über Probleme im Betrieb des Krankenhauses Nord und die damit einhergehende Realitätsverweigerung der Stadt Wien lassen in der Ärztekammer derzeit alle Alarmglocken schrillen: „Es gibt deutlich zu wenig Ärztinnen und Ärzte, manche Fächer können nicht ausreichend besetzt werden“, warnen Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres und Wolfgang Weismüller, Vizepräsident und Obmann der Kurie angestellte Ärzte der Ärztekammer für Wien.

„Zuerst hat die Stadt Wien jahrelang dementiert, dass die Kosten deutlich steigen würden. Dann wurde so lange wie möglich dementiert, dass sich der Bau verzögert. Nun ist der Betrieb gestartet, und die Verantwortlichen bestreiten seit Wochen etwaige Personalprobleme und Kapazitätsengpässe“, so Szekeres.

Nun sei „das Dilemma da, die Stadt Wien muss endlich den Personalstopp beenden, ansonsten kracht das System mangels Ärztinnen und Ärzten sowie Fachkräften zusammen“. Die betroffene Ärzteschaft sowie die Ärztekammer hätten oft genug vorgewarnt und mehrfach darauf hingewiesen, doch dies werde von der Politik stets als „Alarmismus“ abgetan.

„Stadt ist grundsätzlich nicht bereit, hier Abhilfe zu schaffen“

Doch die Probleme gehen weit über das Krankenhaus Nord (nach neuem Duktus eigentlich „Klinik Floridsdorf“) hinaus, wie es im Schreiben der Ärztekammer weiter heißt:

Die Probleme betreffen aber nicht nur das Krankenhaus Nord, sondern auch andere Spitäler in Wien, „die teilweise in desolatem Zustand sind“, ergänzt Weismüller. Die jüngste Ankündigung großer Sanierungsarbeiten seitens der Stadt Wien mit einem Etat von zwei Milliarden Euro erwecken eher Skepsis bei Weismüller, der hier „ein bloßes Ablenkungsmanöver“ ortet.

Das Problem liegt für Szekeres viel tiefer: „Die Stadt ist grundsätzlich nicht bereit, mehr Planposten zu schaffen, die Diensträder gerecht zu gestalten und das Krankenanstalten-Arbeitszeitgesetz einzuhalten.“ Die Personalknappheit werde sich in den nächsten drei Jahren noch verschärfen, denn die Baby-Boomer-Generation gehe bald in Pension und es gebe zu wenig qualifizierten Nachwuchs.

Ärzte im KAV lassen sich gerne von anderen Spitälern abwerben

Besonders hart ins Gericht geht die Ärztekammer mit dem KAV, der wörtlich als zunehmend „unattraktiver Arbeitgeber“ bezeichnet wird:

Verschärft wird das Problem durch den Umstand, dass der Wiener Krankenanstaltenverbund nicht gerade als attraktiver Dienstgeber gilt, sodass sich viele Ärztinnen und Ärzte von anderen Spitälern an- und abwerben lassen. Weismüller: „Es ist nicht nur die Bezahlung allein, es sind das Arbeitsumfeld, die Diensteinteilung und die mangelnde Wertschätzung, die die Wiener Gemeindespitäler unattraktiv macht.“

Das sogenannte „Tüpfelchen auf dem i“ ist dann für Szekeres das permanente Ärzte-Schlechtmachen seitens der Politik, was die Kooperation auf allen Ebenen erschwere. Auch die Verzahnung zwischen niedergelassenem Bereich und den Spitälern gehe nicht wirklich weiter.

„Die Taktik des KAV wird nicht aufgehen: Zuerst dementieren, dann kontern und schlussendlich Stück für Stück mit der Wahrheit herausrücken“, betonen Szekeres und Weismüller. „Das lassen sich auf Dauer weder die Ärzteschaft noch die Pflegekräfte und schlussendlich auch nicht die Patientinnen und Patienten gefallen.“

Wartezeiten auf Operationen in Wien bis zu einem halben Jahr

Wie Rendi-Wagner unter solchen Bedingungen die Wartezeiten auf Operationen mit maximal 90 Tagen, beim Facharzt und in Ambulanzen auf 14 und beim Hausarzt auf zwei Tage limitieren will, bleibt angesichts der oben geschilderten Zustände ein Rätsel und kann wohl nur mit Wahlkampf-Phantasien erklärt werden.

FPÖ-Sozialsprecherin Dagmar Belakowitsch, selbst Medizinerin, zeigt sich denn auch empört über die „skurrilen Forderungen“ der SPÖ-Chefin: „Das verblüffende daran ist wohl, dass im roten Wien laut der OP-Liste des KAV durchschnittlich 118 Tage zu warten sind. Die Dauer variiert freilich vom Minimum an 60 bis zum Maximum von 173 (!) Tagen, also fast einem halben Jahr“, so Belakowitsch.

„SPÖ will Kassen-Vertragsärzte nach kommunistischem Vorbild drangsalieren“

„An diesem Beispiel sieht man, dass die SPÖ, dort wo sie regiert und Verantwortung trägt, in der Gesundheits- und Sozialpolitik nichts richtig macht, denn hier hätte man schon längst regulierend eingreifen können – hat man aber nicht. Stattdessen träumt man davon, wie man Kassen-Vertragsärzte nach kommunistischem Vorbild drangsalieren kann. Denn anders kann man es nicht beschreiben, wenn diesen ihr Terminplan vorgeschrieben werden soll“, betonte Belakowitsch.

„Um die Fehler der sozialistischen Gesundheitspolitik an den Fingern aufzählen zu wollen, müsste man mittlerweile so viele Arme wie ein Octopus haben. Fast täglich wird ein neuer Missstand aufgedeckt und das rote Pfründesystem wird immer sichtbarer – alles auf Kosten der Patienten“, so die Wiener Spitzenkandidatin der FPÖ.

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