Joachim Gauck wirbt in einem Interview mit dem Focus für mehr Toleranz gegenüber Konservativen und warnt vor übertriebener „Political Correctness“.

ACBahn / Wikimedia (CC BY-SA 3.0)
Alt-Bundespräsident Joachim Gauck: Linksliberale müssen Toleranz lernen

In der aktuellen Ausgabe des Focus hat Alt-Bundespräsident Joachim Gauck der Wochenzeitung ein bemerkenswertes Interview gegeben. Der gebürtige Rostocker und Namenspatron der sogenannten „Gauck-Behörde“, der im Jahr 2012 als Wunschkandidat von Grünen und Sozialdemokraten zum Bundespräsidenten gewählt wurde, hatte sich erst im Juni für eine „erweiterte Toleranz“ gegenüber der politischen Rechten und Konservativen ausgesprochen und schon damals viele seiner rot-grünen Freunde verärgert.

Gauck: Nicht alles rechts der Mitte ist gefährlich

Im aktuellen interview schlägt der parteilose Theologe nun in dieselbe Kerbe: Er empfinde es als sehr „bedrohlich“, dass „linksliberale Kreise“ pauschal alles ablehnen und als „Gefahr für die Demokratie“ sehen würden, was im politischen Meinungsspektrum weiter rechts stehe als die Unions-Parteien, so der 79-Jährige:

Auch linksliberale Meinungsführer müssen lernen, zu tolerieren, dass Teile unserer Gesellschaft anders ticken, anders denken, anders sprechen, auch wenn dies bei liberalen Eliten Kopfschütteln, Ratlosigkeit und Ablehnung hervorruft […] Altmodische, konservative oder gar reaktionäre Menschen sind nun einmal ein nicht zu übersehender Teil unserer Gesellschaft. Das wird vermutlich so bleiben. Und das erfordert echte Toleranz. […] Aber nicht alles, was wir nicht akzeptieren, ist deshalb gleich verfassungsfeindlich.

Auch wenn Toleranz „echte Toleranz eine Zumutung“ sei und man auch in einer offenen Gesellschaft nicht alles ertragen könne, müssten die linksliberalen Eliten – und damit auch der mediale Mainstream – lernen, auch mit anderen Ansichten und Meinungen klarzukommen.

Politisch korrekte Sprache ist „betreutes Sprechen“

Auch die „Political Correctness“ sieht der Bundespräsident a.D. kritisch, da sie nicht nur den Inhalt des Diskurses einschränken und behindern, sondern auch schnell absurde Ausmaße annehmen könne – wie man es etwa bei Regelungen zur „geschlechtergerechten Sprache“ erkennen kann:

Wenn man die deutsche Sprache unbedingt einer erhofften gesellschaftlichen Entwicklung anpassen will, kann das schnell zu Übertreibungen führen, die von großen Teilen der Bevölkerung abgelehnt werden […] Ich nenne diesen „Neusprech“ auch „betreutes Sprechen“.

Beim Thema Migration fordert Gauck, der früher eher selbst als „Linksliberaler“ eingeschätzt wurde, einen offenen Dialog ohne Denk- und Sprechverbote. Zum Thema Migration sei aus Angst vor negativen Konsequenzen ein „fürsorgliches Schweigen ausgebrochen“. Für Gauck ist es wichtig, auch heikle politische Fragen offen anzusprechen; Tue man dies nicht, so würden diese Themen an den demokratischen Rändern zu „Hauptthemen“, während sie in der Mitte zu „Randthemen“ verkommen würden.

Es kann nicht sein, dass man aus lauter Angst vor dem Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit oder des Rassismus kritische Themen nicht mehr ansprechen darf.

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