Wegen eines alten Liederbuches, das er vor Jahren geschenkt bekam, steht der Knittelfelder FPÖ-Nationalratsabgeordnete Wolfgang Zanger nun unter Beschuss – Erinnerungen an die Kampagne gegen Udo Landbauer werden wach.

FPÖ
Steirische „Liederbuch-Affäre“ wird zum Wahlkampf-Bumerang für die ÖVP

Steht in Österreich eine Wahl an, bekommt man mit schöner Regelmäßigkeit ein Déjà-vu-Erlebnis: Wenige Tage oder Wochen vor dem Urnengang wird versucht, der FPÖ einen „Skandal“ umzuhängen. Auch wenn es sich dabei in der Regel um Rohrkrepierer handelt, die sich bei näherer Betrachtung nach der Wahl in Luft auflösen – man denke nur an die „Liederbuch-Affäre“ rund um den niederösterreichischen Landtagswahl-Spitzenkandidaten Udo Landbauer voriges Jahr – haben sie doch Auswirkungen auf das Wahlverhalten. Das haben etwa die jüngste Nationalratswahl und die Landtagswahl in Vorarlberg gezeigt, wo durch – bis heute nicht bewiesene – Spesen-Vorwürfe an HC Strache und dessen Frau Neidkomplexe in der Bevölkerung geschürt wurden – und die FPÖ trotz guter Inhalte und guter Arbeit in der türkis-blauen Regierung zehn Prozent ihrer Wähler verlor.

Pünktlich vor der Wahl kommt der nächste FPÖ-„Skandal“

So verwunderte es auch niemanden, dass in den üblichen System-Medien am gestrigen Mittwoch, drei Wochen vor der Landtagswahl in der Steiermark (24. November), neuerlich ein FPÖ-„Skandal“ herbeigeschrieben wurde – wenn auch mit wenig Phantasie: Eine weitere „Liederbuch-Affäre“ soll den steirischen FPÖ-Nationalratsabgeordneten Wolfgang Zanger zum Rücktritt zwingen, da er ein altes Liederbuch aus seiner Studentenverbindung „Pennales Corps Austria zu Knittelfeld“ mit „NS-verherrlichenden“ Texten besitzen soll – was Zanger gar nicht abstreitet. Das Buch habe er vor Jahren als Geschenk erhalten, geniere sich auch nicht dafür, empfinde aber „keine inhaltliche Nähe“ zu den geschmacklosen Texten. Konkret geht es um das satirisch gemeinte Lied „Es lagen die alten Germanen“, in dem es unter anderem heißt:

„Heil dir, du Bruder der Achse!“

Da trat in ihre Mitte, der Römer mit deutschem Gruß, Heil Hitler, ihr alten Germanen, ich bin der Tacitus. Da hoben die alten Germanen zum Gruß die rechte Hand. Heil dir, du Bruder der Achse, du bist uns anverwandt!

An vorderster Front der Empörten fand sich sogleich die ÖVP in Gestalt des steirischen Noch-Landeshauptmannes Hermann Schützenhöfer, der von Zanger „unmissverständliche Handlungen“ (also wohl einen Rücktritt) verlangte, „bevor die Steiermark in ein schlechtes Licht gerückt“ werde. Was ein verstaubtes Liederbuch im privaten Bücherregal eines Abgeordneten mit „der Steiermark“ zu tun haben soll, erklärte der Landesvater nicht.

„Germanen-Lied“ auch in katholischen MKV-Liederbüchern

Doch die Nazi-Hetzer waren sich ihrer Sache wohl zu sicher und hatten schlecht recherchiert: Prompt tauchten am heutigen Donnerstag die gleichen Textzeilen, die der FPÖ am Kopf fallen sollten, in gleich zwei Liederbüchern des MKV („Mittelschüler-Kartell-Verband katholischer farbentragender Studentenkorporationen Österreichs“) auf. Der MKV und seine vielen angegliederten Verbindungen gelten als eine Art Kaderschmiede der ÖVP, kaum ein hoher ÖVP-Politiker, der dort nicht in irgendeiner Form Mitglied ist – und natürlich auch Landeshauptmann Schützenhöfer, gleich in zwei MKV-Verbindungen. Nun hat er die „steirische (oder gar bundespolitische) Dimension“ der Affäre, weil der MKV ist tatsächlich ein Spiegelbild hoher, österreichischer Politik.

Wer in der ÖVP hat aller mitgesungen?

Seitens der FPÖ fragt man sich nämlich jetzt nicht ganz ohne Häme, wer von den schwarzen Granden aller bei den „alten Germanen“ mitgesungen hat. In einer Aussendung heißt es wörtlich:

An die ÖVP sind daher folgende Fragen zu richten: Ist den zahlreichen MKV-Angehörigen unter den Parteimitgliedern und -funktionären dieses Lied bekannt? Haben sie dieses Lied gesungen? Haben sie dagegen protestiert? Und wenn ja, welche Konsequenzen wurden aus diesem Protest gezogen? Und wird ÖVP-Generalsekretär Karl Nehammer jetzt Sebastian Kurz auffordern, in der ÖVP „endlich aufzuräumen“? Es wird doch nicht mit zweierlei Maß gemessen werden…

Schützenhöfer ist „nur Ehrenmitglied“ beim MKV

In einer Stellungnahme gegenüber der Gratis-Postille oe24 versucht das Büro Schützenhöfer mehr schlecht als recht, sich herauszureden: Man könne den Fall nicht mit jenem der FPÖ vergleichen (warum nicht?) – der Landeshauptmann sei den Verbindungen (er ist seit 2007 Ehrenmitglied der katholischen Schülerverbindung K.Ö.St.V. Markomannia-Eppenstein Graz und seit 2010 der K.Ö.M.L. Normannia-Graz, die beide im MKV sind) nur Ehrenmitglied und dort nie aktiv gewesen. Beim MKV wiederum versichert man, das Lied werde dort nicht mehr gesungen – und in den Neuauflagen der Liederbücher seit 2015 sei es gar nicht mehr enthalten.

„Plumpes Manöver, um FPÖ zu schaden“

FPÖ-Generalsekretär Harald Vilimsky zieht ein nüchternes Resümee: „Dieses Manöver ist mehr als durchsichtig, plump und nur darauf ausgerichtet, der FPÖ einen politischen Schaden zuzufügen – wissend, dass weder die FPÖ noch ihre Politik damit auch nur irgendetwas zu tun haben.“ Die Ablehnung von Antisemitismus und Verurteilung der NS-Ideologie sei heute allerbreitester politischer Konsens in Österreich. „Dies infrage zu stellen und mit diesen sensiblen Themen Wahlkampf zu betreiben, ist mehr als schäbig“, so Vilimsky.

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat, unterstützen Sie bitte das Projekt unzensuriert mit einer Spende. Per paypal (Kreditkarte) oder mit einer Überweisung auf AT58 1420 0200 1086 3865 (BIC: EASYATW1), ltd. Unzensuriert

  Dieses Video könnte Sie auch interessieren:
Copy link