Mit fünf selektiv zitierten Zeilen erweckte die Kronen Zeitung den Eindruck, in dem Lied werde die Familie Rothschild antisemitisch beleidigt.

"Liederliche Lieder" Buchcover und Faksimile S. 33/34
So wurde Rothschild zum Schwein gemacht: Die Methoden der „Krone“ in der Liederbuch-Affäre

Die sogenannte “Liederbuch-Affäre” rund um das Buch „Liederliche Lieder“ soll von der Kronen Zeitung mittels eines selektiven Zitats konstruiert worden sein. Diesen Verdacht äußerte FPÖ-Klubobmann Herbert Kickl in seiner Rede zum „Politischen Martini“ der FPÖ Tirol am 11. November. Als Beleg zitierte er aus dem Lied „Bonifatius Kiesewetter“, aus dem die Krone einzelne Textzeilen faksimiliert und als Beleg für Antisemitismus präsentiert hatte.

Kampagne gegen Zanger und die steirische FPÖ

Die darauf einsetzende Medienberichterstattung richtete sich insbesondere gegen den FPÖ-Nationalratsabgeordneten Wolfgang Zanger, der Mitglied in der Schülerverbindung “Pennales Corps Austria zu Knittelfeld” ist, die das Buch im Jahr 2005 geschenkt bekam. Dass er das Buch besaß, führte mittlerweile sogar zu einem Auslieferungsbegehren der Staatsanwaltschaft Leoben, die Zanger als der nationalsozialistischen Wiederbetätigung verdächtig führt. Die Berichterstattung setzte wohl nicht zufällig kurz vor der der steirischen Landtagswahl am 24. November ein, bei der die FPÖ ein Spitzenergebnis von fast 27 Prozent zu verteidigen hat.

So selektiv zitierte die Kronen Zeitung

Unzensuriert liegt der Text aus dem Buch vor, anhand dessen wir die selektive Zitierung durch die Kronen Zeitung nachvollziehbar machen können. (Hervorhebungen in den folgenden Zitaten durch unzensuriert)

Im ersten Bericht zum sogenannten “Liederbuch-Skandal” in der Steiermark druckte die Kronen Zeitung ein Faksimile folgenden Inhalts:

Rothschild hat das meiste Geld.
Schließlich muss in jedem Fache
einer doch der größte sein,
und so ist auch ohne Zweifel
festgestellt das größte Schwein.

Dieses Zitat wurde von der Krone als Beleg für Antisemitismus angeführt, handelt es sich bei den Rothschilds doch um eine bekannte jüdische Bankiersfamilie:

Neben NS-Verherrlichung ist auch Antisemitismus im Buch zu finden: „Rothschild hat das meiste Geld. Schließlich muss in jedem Fache einer doch der Größte sein, und so ist auch ohne Zweifel festgestellt das größte Schwein.“ Die jüdische Bankiersfamilie Rothschild ist Gegenstand zahlreicher Karikaturen, Hetzkampagnen und Verschwörungstheorien, die von Judenfeindlichkeit geprägt sind.

Andere Medien übernehmen Antisemitismus-Vorwurf ungeprüft

Auch andere Medien übernahmen diesen Vorwurf in dem von der Krone intendierten Sinn:

Einzelne Liedtexte in dem Werk sind eindeutig nationalsozialistisch, etwa „Heil Hitler, ihr alten Germanen, ich bin der Tacitus“ sowie „Rothschild hat das meiste Geld, schließlich muss in jedem Fache einer doch der Größte sein und so ist auch ohne Zweifel festgestellt das größte Schwein“. (orf.at)

Schon am Donnerstag zitierte die Krone aus einem antisemitischen Schmähtext: “Rothschild hat das meiste Geld. Schließlich muss in jedem Fache einer doch der Größte sein, und so ist auch ohne Zweifel festgestellt das größte Schwein.” Die Familie Rothschild ist von jeher Ziel antisemitischer Verschwörungstheorien. (Der Standard)

Bonifatius Kiesewetter ist das “größte Schwein”

Tatsächlich handelt es sich dabei um einen bewusst gewählten Ausschnitt aus der „Vorgeschichte“ zu dem Lied „Bonifatius Kiesewetter“. Die ersten vier Strophen lauten komplett wie folgt:

Wohlbekannt ist Samson
als der stärkste Mann der Welt,
ebenso besteht kein Zweifel:
Rothschild hat das meiste Geld.

Schließlich muss in jedem Fache
einer doch der größte sein,
und so ist auch ohne Zweifel
festgestellt das größte Schwein.

Midas war der größte Geizhals,
Venus war die schönste Frau,
Bonifatius Kiesewetter
war die allergrößte Sau.

Jeder kennt wohl seinen Namen
Weit und breit im deutschen Land
Bonifatius Kiesewetter
ist der Schweinehund benannt.

Aus dem Zusammenhang wird deutlich, dass nicht Rothschild, sondern Bonifatius Kiesewetter „das größte Schwein“ ist, wie in den beiden folgenden Strophen („allergrößte Sau“, „Schweinehund“) zweimal betont wird.

Der Name Rothschild dient hier lediglich als Beispiel für Persönlichkeiten, die in ihrem „Fache“ die größten sind – Rothschild hinsichtlich Reichtum, Samson hinsichtlich Stärke, Midas hinsichtlich Geiz und Venus hinsichtlich Schönheit.

Wer ist Bonifatius Kiesewetter?

Zu dem Lied „Bonifazius (hier: Bonifazius) Kiesewetter“ findet sich ein umfangreicher Artikel auf Wikipedia, aus dem folgendes hervorgeht:

Bonifazius Kiesewetter (auch Bonifacius) ist eine fiktive Gestalt in zotigen Unsinnsgedichten, die zur Zeit des Deutschen Kaiserreichs entstanden. Sie ist das Alter Ego ihres Schöpfers Waldemar Dyhrenfurth. […] Waldemar Dyhrenfurth soll Mitglied der Literarischen Gesellschaft „Der Osten“, die Dritte Schlesische Dichterschule gewesen sein, einer Breslauer Vereinigung von (Hobby-)Autoren, die sich auf die großen Zeiten der schlesischen Dichtkunst beriefen (siehe auch: Schlesische Dichterschule, Zweite Schlesische Schule). Die Gesellschaft wurde 1859 gegründet und musste im Jahre 1934 unter dem Gleichschaltungsdruck der nationalsozialistischen Herrschaft ihre Aktivitäten aufgeben. Die später wie Volksliedstrophen den Originalversen hinzugedichteten Texte kann man zunächst am ehesten den Studentenliedern und der Unsinnspoesie zuordnen. Heutzutage wird man nicht wenige Rezitatoren samt nicht öffentlicher Hörergemeinde auch unter Soldaten (vermutlich aller Ränge), bei Handwerkern, Fuhrleuten und anderen Männergruppen finden.

Rothschild-Strophe aus dem 19. Jahrhundert

Die „Rothschild-Strophe“ entstammt dem Original aus dem 19. Jahrhundert und wird auf Wikipedia als Teil des „Einleitungstextes“ in ähnlicher Form zitiert, wobei explizit darauf hingewiesen wird, dass diese Einleitung „in leicht unterschiedlichen Versionen“ kursiere:

Wohlbekannt ist jedem Kinde, wer der stärkste Mann der Welt.
Ebenso ist ohne Zweifel, Rothschild hat das meiste Geld.
Und es ist auch zweifelsohne, wer das größte Schwein im Land:
Bonifazius Kiesewetter wird das Rübenschwein genannt.

Die Auswahl des fünfzeiligen Zitats aus dem Gesamttext durch die Kronen Zeitung im Bild zu dem Artikel, der von Redakteurin Sandra Schieder namentlich gezeichnet ist, erfolgte möglicherweise in der bewusst schädigenden Absicht, die Mittelschülerverbindung „Corps Austria zu Knittelfeld“ und über die dortige Mitgliedschaft des Nationalratsabgeordneten Wolfgang Zanger die FPÖ als Partei und insbesondere ihre aktuell im Landtagswahlkampf stehende Landesgruppe Steiermark in ein antisemitisches Licht zu setzen.

Auftrag an die Redakteurin lautete: Genau prüfen!

In der Annahme, dass die im „Brief an die Leser“ von Krone-Chefredakteur Klaus Herrmann geschilderte Vorgehensweise bei der Recherche der Causa auch tatsächlich umgesetzt wurde, kann wohl eher ausgeschlossen werden, dass es sich um ein journalistisches „Versehen“ handelt:

„Da gibt es im Dunstkreis der FPÖ schon wieder ein Liederbuch“, teilte die Redaktionskollegin mit und fragte: „Wie gehen wir damit um?“ Antwort: Genau prüfen, dem involvierten Politiker die Möglichkeit zur Stellungnahme bieten.

Ebenfalls wird aus diesem Brief an die Leser deutlich, dass wichtige Umstände des Liederbuches (keine Herstellung, sondern Geschenk an die Verbindung, deren Mitglied Zanger ist; kein Exemplar in den Vereinsräumlichkeiten) in der Berichterstattung zwar am Rande erwähnt werden, die wahre Absicht der Berichterstattung allerdings von Anfang an darin bestand, das Liederbuch „im Dunstkreis der FPÖ“ zu verorten.

Blödheit oder Absicht – beides entsetzlich!

Herbert Kickl zieht dennoch neben der bewusst sinnverfälschenden Zitierung auch noch eine andere Möglichkeit in Betracht:

Entweder man ist so blöd oder so ungenau, dass man diese Dinge nicht sieht, […] oder aber man macht es mit Absicht. Beides, muss ich euch sagen, ist entsetzlich. Und das ist auch der Grund, warum wir uns niemanden herausschießen lassen, der sich nichts zuschulden kommen hat lassen.

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