Buben von Einwanderern können am wenigsten sinnerfassend lesen.

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Nicht sinnerfassend lesen: Einwanderer-Buben als größte Risikogruppe

Wer bereits in der Volksschule nicht ausreichend lesen lernt, der holt diese Defizite in der weiterführenden Schule nicht auf. Ganz im Gegenteil. Der Anteil der Schüler, die die Sekundarstufe I besuchen – also die fünfte Schulstufe – und die nicht die entsprechenden Bildungsstandards beim Lesen erreichen, hat weiter zugenommen. Als Risikogruppe zählen vor allem Kinder von Ausländern, wobei Buben schlechter abschneiden als Mädchen. Wien ist im Bundesländervergleich Schlusslicht. Für die aktuelle Bundesregierung und ihren umstrittenen Bildungsminister Heinz Fassmann (ÖVP) ist das die nächste große Baustelle.

Schlecht lesen heißt weniger Chancen am Arbeitsmarkt

Denn wer schlecht liest, neigt auch dazu, am Arbeitsmarkt abzurutschen. Personen mit niedriger Lesekompetenz arbeiteten verstärkt in Bereichen, die geringe Qualifikationen erforderten, wie etwa in angelernten Berufen oder Hilfstätigkeiten. Diese waren zum einen eher gering entlohnt, zum anderen boten sie weniger Möglichkeiten zur Weiterbildung und Kompetenzsteigerung. Rund 39 Prozent der Personen mit niedriger Lesekompetenz befanden sich im untersten Fünftel der Einkommensverteilung. Sowohl ÖVP als auch SPÖ trugen mit ihren Maßnahmen nicht zur Besserung bei.

Schüler der NMS haben die größten Probleme

Es sind einige von vielen Feststellungen, die der Rechnungshof in einem 122 Seiten umfassenden Bericht festgehalten hat. Unzensuriert hat den Bericht genauer unter die Lupe genommen.

Der Rechnungshof hielt fest, dass am Ende der Volksschule österreichweit 13 Prozent der Schülerinnen und Schüler die Bildungsstandards in Lesen nicht erreichten; diese Kinder hatten Mühe mit den einfachsten Leseaufgaben. Diese Gruppe wuchs bis zum Ende der Sekundarstufe I (achte Schulstufe) weiter an, wo 17 Prozent der Jugendlichen die Standards nicht erreichten. In der achten Schulstufe zeigten sich die Lesedefizite am stärksten an den Neuen Mittelschulen (NMS). 24 Prozent der Jugendlichen hatten große Schwierigkeiten beim sinnerfassenden Lesen.

Österreich verliert im PIRLS-Vergleich an Boden

Der Rechnungshof hat auch überprüft, wie Österreichs Schüler im internationalen Vergleich abschneiden. PIRLS („Progress in International Reading Literacy Study“) ist eine der Testungen, die international vergleichbare Daten über Lesekompetenzen und Einstellungen zum Lesen von Schülern der vierten Schulstufe liefert. Österreich nimmt seit dem Jahr 2006 an der PIRLS-Studie teil und somit bisher dreimal (2006, 2011 und 2016). 2006 erreichte Österreich 538 Punkte, 2011 gab es einen Absturz auf 529 Punkte, während 2016 541 Punkte erreicht wurden. Der Rechnungshof meint, dass Österreich faktisch an Boden verloren haben. Denn im Durchschnitt legten alle teilnehmenden Länder im besagten Zeitraum um 15 Punkte zu.

Im Bundesländervergleich erreichten die Schüler in Salzburg die höchste Punktzahl (530), die deutlich über dem österreichweiten Durchschnitt von 523 Punkten lag. Niederösterreich rangierte mit 527 Punkten an dritter Stelle. Das Bundesland mit dem niedrigsten Lesemittelwert hatte 514 Punkte, nämlich Wien.

Leseschwäche nimmt nach der Volksschule zu

Seit dem Schuljahr 2011/12 werden in Österreich flächendeckend in Unterstufe der Allgemeinbildenden Höheren Schule (AHS) und NMS in den Pflichtgegenständen Deutsch, (erste) Lebende Fremdsprache (Englisch) und Mathematik sowie ab dem Schuljahr 2012/13 in der vierte Schulstufe (Volksschule) in den Pflichtgegenständen Deutsch/Lesen/Schreiben und Mathematik periodische Standardüberprüfungen durchgeführt.

Die Bildungsstandardüberprüfung Deutsch in der vierten Schulstufe im Schuljahr 2014/15 ergab, dass 56 Prozent der Schülerinnen und Schüler am Ende der Volksschule über ein sicheres Leseverständnis verfügten. Sie erreichten die Bildungsstandards. Sechs Prozent der Schüler übertrafen diese Anforderungen, 25 Prozent der Kinder erreichten die Standards teilweise. 13 Prozent der Schülerinnen und Schüler erreichten die Standards nicht einmal teilweise; diese Kinder hatten Mühe mit den einfachsten Leseaufgaben.

Die Bildungsstandardüberprüfung Deutsch in der achten Schulstufe im Schuljahr 2015/16 ergab für alle Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I (AHS-Unterstufe und NMS) folgendes Bild: 49 Prozent der Schülerinnen und Schüler verfügten am Ende der Sekundarstufe I über ein sicheres Leseverständnis altersadäquater literarischer Texte und Gebrauchstexte. Sie erreichten die Bildungsstandards. Sieben Prozent übertrafen diese Anforderungen.  28 Prozent der Jugendlichen erreichten die Standards teilweise. Das heißt, sie verstanden kurze Texte geringer inhaltlicher, struktureller und sprachlicher Komplexität.  17 Prozent der Schülerinnen und Schüler erreichten die Standards nicht einmal teilweise. Sie hatten Mühe mit den einfachsten Leseaufgaben zu altersadäquaten, aber wenig komplexen Texten.

AHS besser als NMS

Bei separater Analyse der Schülerinnen und Schüler der AHS-Unterstufe und der NMS zeigt sich: An den NMS hatten 24 Prozent der Jugendlichen große Schwierigkeiten beim sinnerfassenden Lesen beziehungsweise erreichten die Bildungsstandards nicht einmal teilweise, weitere 35 Prozent kamen nur mit kurzen Texten geringer Komplexität zurecht und 41 Prozent erreichten die Standards oder übertrafen sie. An den AHS-Unterstufen erreichten mehr als zwei Drittel (68 PRozent) die Bildungsstandards in Lesen, weitere 15 Prozent übertrafen sie. Allerdings gab es an den AHS-Unterstufen auch Schülerinnen und Schüler, die die Bildungsstandards nicht (zwei Prozent) beziehungsweise teilweise (15 Prozent) erreichten.

In allen Bundesländern schnitt die AHS-Unterstufe besser ab als die NMS. Für den Rechnungshof belegen die hohen Anteile der Schülerinnen und Schüler mit geringer Lesekompetenz die unabdingbare Notwendigkeit und Wichtigkeit von Maßnahmen zur Erhöhung der Lesekompetenz, insbesondere in der Sekundarstufe I.

Ausländer-Kinder schlechter als Inländer

Kinder ohne Migrationshintergrund schnitten im Durchschnitt deutlich besser ab als Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund. Trendanalysen wiesen in PIRLS 2016 darauf hin, dass im Zehn-Jahres-Vergleich die Lesekompetenz der einheimischen Kinder signifikant gestiegen und jene von Einwandererkindern etwa gleichgeblieben war. Diese Entwicklung vergrößerte die Leistungskluft (fast zwei Lernjahre) zwischen Kindern mit und ohne Migrationshintergrund.

Wie die verschiedenen Studien zeigten, wird Bildung in Österreich in einem hohen Ausmaß vererbt. Der Bildungshintergrund der Familie hat somit starken Einfluss auf den Schulerfolg und die Bildungslaufbahn der Kinder. Schülerinnen und Schüler, deren Eltern eine niedrige Formalqualifikation haben, sind in den Risikogruppen überrepräsentiert. Anders gesagt: Haben Eltern eine schlechte Bildung, eignen sich deren Kinder Bildung ebenfalls nur schlecht an.

SPÖ stoppte Rahmenleseplan

Der Rechnungshof-Bericht zeigt auf, dass die politischen Verantwortlichen teilweise überfordert waren. Da wusste die linke Hand oft nicht, was die rechte Hand wollte. Es gebe keine zentralen Ansprechpartner, etwa in diversen Bundesländern. Der „Grundsatzerlass Leseerziehung“ sei in seiner Form formuliert, dass er nicht von allen Pädagogen praktisch angewendet werden könne.

Skurril ist außerdem, dass das Bildungsministerium einst eingeführte Maßnahmen wieder einstampfte. So etwa wurde von der damaligen SPÖ-Ministerin Gabriele Heinisch-Hosek im Jahr 2014 der „Österreichische Rahmenleseplan“ ins Leben gerufen, der eine umfassende nationale Strategie zur Leseförderung als „Werkzeug zur Qualitätssicherung“ schaffen sollte. Nach einem Ministerwechsel zu SPÖ-Ministerin Sonja Hammerschmid im Mai 2016 wurde das Projekt gestoppt. Ein Werkvertrag mit dem beauftragten Buchklub musste sogar storniert werden.

Kürzung der Schulstunden brachte keine Besserung

Kritik übt der Rechnungshof außerdem an der Wochenstundenentlastungs– und Rechtsbereinigungsverordnung 2003, die zu folgenden Stundenkürzungen ab dem Schuljahr 2003/04 führte:

Lehrplan Volksschule um zwei Wochenstunden (von 92 auf 90 Wochenstunden)

Lehrplan der damaligen Hauptschule (nunmehrige NMS) um sieben Wochenstunden (von 127 auf 120 Wochenstunden) und

Lehrplan AHS-Unterstufe um sechs Wochenstunden (von 126 auf 120 Wochenstunden)

Das Ministerium meinte, in der Volksschule seien die Stundenkürzungen im Ausmaß von zwei Wochenstunden zulasten des Gegenstands Leibesübungen gegangen. In der ehemaligen Hauptschule habe es keine Stundenkürzungen in den Pflichtgegenständen Deutsch, Mathematik und Erste Lebende Fremdsprache gegeben. Die Stundenkürzungen seien hingegen – je nach standortspezifischer Schwerpunktsetzung – zulasten der nicht differenzierten Pflichtgegenstände (zum Beispiel Geografie und Wirtschaftskunde, Geometrisches Zeichnen, Biologie und Umweltkunde, Physik) gegangen. Eine Evaluation im Zusammenhang mit der Leseförderung an Schulen sei daher nicht zielführend.

Rechnungshof kritisiert Ministerium

Für den Rechnungshof war die Stellungnahme nicht nachvollziehbar. Er konterte: Das gesamte Wochenstundenausmaß für den Gegenstand Leibesübungen betrug in der Volksschule vor und nach der Wochenstundenentlastungs– und Rechtsbereinigungsverordnung 2003 zehn Wochenstunden, wenn sich auch die Verteilung auf die einzelnen Schulstufen geändert hatte. In der Sekundarstufe I sind nach Ansicht des Rechnungshof auch die nicht differenzierten Pflichtgegenstände (Geografie und Wirtschaftskunde, Geometrisches Zeichnen, Biologie und Umweltkunde, Physik) unter anderem wegen des fächerübergreifenden Unterrichtsprinzips Leseerziehung für die Lesekompetenz der Schülerinnen und Schüler von Bedeutung, weil sie zu einer Festigung der Lesefertigkeiten beitragen.

Stundenkürzungen überdenken

Der Rechnungshof empfahl daher die Stundenkürzungen zu überdenken. Die Ergebnisse aus den internationalen Testungen ließen zumindest nicht den Schluss von verbesserten Schülerleistungen zu. Das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung sollte strukturiertere und mit anderen Initiativen abgestimmte Maßnahmen zur Erhöhung der Qualität des Leseunterrichts setzen, um die Lesekompetenz der österreichischen Schüler nachhaltig zu steigern. Die Lehrpläne sollten die wesentlichen Bildungsziele konkret beschreiben und vorgeben, welche fachlichen und überfachlichen Kompetenzen die Schüler erwerben müssen. Ebenso sollten die Lehrpläne über Kompetenzbeschreibungen beziehungsweise Kompetenzniveaus mit der Leistungsbeurteilung verbunden werden.

Verstehen Schüler überhaupt ausreichend Deutsch?

Alles in allem wird im Rechnungshofbericht kaum darauf eingegangen, ob Schüler, die vom Kindergarten in die Volksschule wechseln, überhaupt der deutschen Sprache ausreichend mächtig sind. Der Bericht beschäftigt sich lediglich damit, ob Schüler ausreichend lesen und schreiben können. Und vielleicht sollte die Frage erlaubt sein, warum Schüler, die schon in einer Sprache nicht sinnerfassend lesen und schreiben können, dann auch noch am Englisch- oder Französischunterricht teilnehmen dürfen.

Kritik von FPÖ

Für die FPÖ sind sowohl die SPÖ als auch die ÖVP für die Missstände hauptverantwortlich. FPÖ-Unterrichtssprecher Nationalratsabgeordneter Hermann Brückl sieht einen hohen Verbesserungsbedarf bei der Leseförderung in den Schulen:

In unserer Regierungsbeteiligung haben wir mit der gezielten Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund begonnen – die großen Leistungsdifferenzen zwischen diesen Schülern und Kindern deutscher Muttersprache auszugleichen. Gute Sprachkenntnisse, wie auch sinnerfassendes Lesen sind nämlich die elementaren Voraussetzungen, um dem Unterricht in allen Gegenständen folgen zu können.

Deutschförderklassen

Brückl appelliert daran, dass die schwarz-grüne Regierung den in der türkis-blauen Koalition eingeschlagenen Weg im Bildungsbereich – wie etwa mit den Deutschförderklassen, den standardisierten Deutschtests oder der Wiedereinführung der klassischen Schulnoten und der Leistungsgruppen – nicht zu verlassen.

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