Bei der Brexit-Abstimmung schwang eine große Portion Deutschlandfeindlichkeit mit.

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Freundschaftsvertrag: Typisch deutsch – die “Krauts” lernen es einfach nicht

Seit 1. Februar ist Großbritannien nicht mehr Teil der Europäischen Union. Aus diesem Anlass ruft der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Deutschen Bundestag Norbert Röttgen via FAZ zu einem Freundschaftsvertrag der Bundesrepublik Deutschland mit Großbritannien auf. Man solle „möglichst bald einen deutsch-britischen Freundschaftsvertrag verabschieden, der zum Ziel hat, unsere gemeinsamen Werte zu stärken.“

Gastbeitrag von Menno Aden

Es ist politisch reichlich naiv, gerade jetzt einen Freundschaftsvertrag zwischen Deutschland und England zu fordern. Boris Johnsons Presseabteilung hat sich gewiss schon halb totgelacht und Röttgen den Artikel aus The Times um 1900 vorgelegt, wo es heißt: Typisch deutsch – die krauts lernen es einfach nicht!

Die Deutschen wollen einfach nicht einsehen, dass die Engländer mit uns nichts zu tun haben wollen. Nicht speziell mit uns Deutschen nicht, mit den Europäern auf dem so genannten Kontinent auch nicht, aber mit uns Deutschen besonders wenig. Der nach Shakespeare meistzitierte englische Autor, Samuel Johnson (1709 – 1784), hat diese Haltung mit dem großen Wort auf den Punkt gebracht:

All foreigners are fools (Ausländer sind Narren).

Das ist eine hübsche Namens- und Gesinnungsgleichheit mit Boris Johnson.

Deutsche Liebesangebote seit 150 Jahren

Deutsche Liebesangebote an England gab es seit Bismarcks Zeiten viele und danach immer inständigere. Sie wurden immer überheblicher abgefertigt. Zur Liebe kann man halt niemanden zwingen, insbesondere dann nicht, wenn der Umworbene eine reichere, feschere Braut in Aussicht hat wie im Falle Englands die USA. Graf Paul Metternich erklärte das schon 1900 in einem Schreiben an Außenminister Bülow:

Wir werden nur dann mit England eine leichte Politik haben, wenn sich zuerst in England das Bedürfnis einer Spezialverständigung mit uns fühlbar macht. (…) Von Amerika wird England sich mehr gefallen lassen als von irgendjemand anders, und gegen Amerika wird es auch in rein diplomatischen Fragen schwerer zu haben sein als gegen irgendeine andere Macht.

Kontinuität in der englischen Geschichte

Das war die Lage um 1900, so war sie, als England die Chance sah, mit den USA im Rücken und an der Seite von Frankreich und Russland Deutschland wegzudrücken, und 1914 in den Krieg eintrat. So auch wieder 1939, und so heute.

Seit 1850 besteht zwischen England und den USA ein weitgehender Gleichklang, wenn es um Europa geht. Die USA haben England zweimal aus der Bredouille geholfen: 1917, als sie nach dem Rücktritt des Zaren und dem Ausfall der Russen in den Weltkrieg eintraten und den Krieg gewinnen halfen, der die Briten sonst ihr schönes Empire gekostet hätte. Dann 1941, als Frankreich den Krieg gegen Deutschland verloren und England bei Dünkirchen die wohl größte Schlappe seiner Geschichte erlitten hatte und nun um Hilfe gegen Deutschland rief.

Und die USA werden auch in den kommenden Jahren fest an der Seite Englands stehen, und zwar mit demselben Ziel wie 1917 und 1941: Europa zu befreien oder zu retten. Von wem? Nun – von uns Deutschen.

Brexit und die politischen Hintergründe

Der Jubel der konservativen Engländer über den Vollzug des Brexit hat nur bedingt mit Wirtschaftsfragen zu tun. Die aggressiven Bekundungen des britischen Premierministers, dass man nun wieder frei, selbstbewusst und mächtig sei, richten sich ja wohl nicht gegen eine EU, in der Slowenien, Bulgarien oder Belgien ihr Stimmrecht ausüben. Es ging maßgeblich gegen die deutsche Stärke in der EU.

Am Ende des Weges soll nach „Mr. Brexit“ Nigel Farage die Zerstörung der EU stehen. Dem entspricht die Politik der USA, und zwar nicht erst unter dem jetzigen Präsidenten, welche erkennbar auf eine Schwächung und letztlich Auflösung der Europäischen Union zielt.

Deutschland aus britischer Sicht

Bei objektiver Betrachtung sieht man darin ein Muster, das wir Deutschen eigentlich kennen müssten. Die deutsche Zerrissenheit vor 1871 machte eine britische Deutschland- und Europapolitik zum Selbstläufer: Mal wurde der eine begünstigt, mal der andere und alles kam in ein Gleichgewicht, in dessen Windschatten England sich ungestört über die Hälfte der Welt aneignen konnte.

Wir Deutschen müssen anerkennen, dass die Gründung des Deutschen Reiches 1871 die Briten störte. Plötzlich waren wir die stärkste Macht auf dem Kontinent, freilich aufgrund unserer Mittellage auch die gefährdetste. Unser Liebeswerben hatte einen durchsichtigen Zweck, und England sah keinen Grund, uns etwas Gutes zu tun. Heute müssen wir sehen, dass die deutsche Wiedervereinigung von 1990 einen sehr ähnlichen Eindruck auf England machte. Margret Thatcher sagte damals: „Wer beat the Germans twice, and now they are back. “ (Wir schlugen die Deutschen zweimal, und jetzt sind sie wieder da.) England tat alles, um die Wiedervereinigung zu verhindern.

Wendejahr 1990 auch für die Briten

Bis 1990 hatten die Briten nicht allzu viel gegen EWG/EG. Sie hatten anfangs um den Beitritt schier gebettelt, waren aber von de Gaulle mehrfach zurückgewiesen worden. Anscheinend ist bisher kaum gesehen und gewürdigt worden, dass der britische Austrittswunsch erst mit der deutschen Wiedervereinigung immer deutlicher wurde und (wohl kein Zufall) mit dem wachsenden deutschen Einfluss in Europa immer lauter und dringender wurde, bis er jetzt erfüllt wurde.

England konnte in Europa nicht die erste Geige spielen, und ein Europa, in welchem die Deutschen diesen Part übernahmen, passt einfach nicht in das britische Weltbild. Also raus! Das Siegesgeheul der Brexit-Befürworter sollten wir daher sehr sorgfältig zu Kenntnis nehmen. Es ist ein Geheul, welches weitere Siege herbeirufen soll, und zwar – wie zu befürchten – letztlich über uns.

Freundschaftsvertrag zum falschen Zeitpunkt

Die Briten wollen uns einfach nicht! Sie wollten uns nie! Wie kann Röttgen, ausgerechnet jetzt, mitten in die großsprecherischen Selbstbekundungen britischer Größe hinein einen Freundschaftsvertrag zwischen Deutschland und England anbieten! Der würde, wenn wir ihn den Briten offiziell antrügen, wiederum höhnisch abgelehnt werden, und wir stünden wieder einmal so düpiert da, wie wir es vor 1914 mehrfach erlebten.

Eine Art Schlussfolgerung

Wir versuchen es aber dennoch immer wieder. Das hängt vielleicht mit Folgendem zusammen. Deutsche und Engländer sind sehr eng verwandt. Uns verbindet viel mehr als die ähnliche Sprache und das deutsche Königshaus. Unsere gegenseitigen Gefühle zueinander reichen viel, viel tiefer und sind ganz anderer Art als die Rivalität von uns beiden jeweils mit Frankreich. Das führt dazu, dass wir uns intensiver und argwöhnischer miteinander befassen und beäugen, wie es eben unter nahen Verwandten vorkommt. Das kann zu tiefer Freundschaft führen, aber auch zu dem bekannten Geschwisterneid, der in erbitterte Feindschaft ausarten kann.

Aus der Geschichte lernen

Wir Deutschen blicken schon etwas scheel auf die Engländer. Zu deren alles in allem glänzend verlaufener Geschichte steht die alles in allem eher missglückte deutsche Geschichte in einem ziemlichen Kontrast. Umgekehrt kommen aber auch immer wieder ähnliche, wenn auch anders gelagerte englische Gefühlsausbrüche uns gegenüber vor. Wie lange soll dieser Bruderzwist noch gehen? Eigentlich wäre ein Freundschaftsvertrag daher doch keine so schlechte Idee? Aber wir Deutschen sollten die Lehren der Geschichte beherzigen:

Wir werden nur dann mit England eine leichte Politik haben, wenn sich zuerst in England das Bedürfnis einer Spezialverständigung mit uns fühlbar macht. (s.o.)

Dieses Mal sollten wir die Briten kommen lassen. Vielleicht kommen sie, dann ist es gut. Vielleicht nicht, dann bleiben sie wohl (mit den Worten Lord Curzons) eine drittrangige Macht am Rande Europas oder als Pudel der USA nicht einmal das.

Menno Aden ist Rechtswissenschaftler mit den Fachschwerpunkten Internationales Recht und Wirtschaftsrecht. Von 1994 bis 1996 war er Präsident des Oberkirchenrates der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs. Er ist verfasser zahlreicher Eckartschriften.

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