Lettland – Das Land der Ordensritter und der Lieder

Flagge LettlandWährend Litauen Jahrhunderte lang eng mit Polen verbunden war, so teilte Lettland fast ebenso lang ein Schicksal mit Ostpreußen. Kurland und Livland waren neben Ostpreußen die Kerngebiete des Deutschen Ritterordens. Bis heute ist Lettland stark von den Einflüssen aus Nord- und Ostdeutschland geprägt; bis zum Zweiten Weltkrieg war Lettland das größte Zentrum der Deutschbalten. Die während der Sowjetzeit gekappten Verbindungen zwischen Lettland und Deutschland sind inzwischen auf vielen Ebenen wieder aufgenommen worden. Neben regem kulturellem Austausch ist Deutschland auch der wichtigste Handelspartner Lettlands.

Vom Ordensstaat zum Zarenreich

Hermann von SalzaMit der Eingliederung des Schwertbrüderordens, der in Riga gegründet worden war, erwarb der Deutsche Orden (Bild rechts: Hochmeister Hermann von Salza) Anfang des 13. Jahrhunderts Livland und Kurland und unterwarf nach heftigen Kämpfen die Kuren, Liven und Semgallen. Die lettische Hauptstadt Riga war bereits 1201 von einem Bischof aus Bremen als Handelsstützpunkt und Ausgangsort für die Missionierung gegründet worden. Die Hansestadt entwickelte sich hervorragend und stieg bald zur bedeutendsten Metropole im Baltikum auf. Mit der Hanse und dem Deutschen Orden kamen immer mehr Deutsche Siedler und Händler ins Land, die bis 1940 einen großen Teil der Oberschicht des Landes bildeten.

Mit der Reformation kam der Niedergang des Ordensstaates, dessen baltische Territorien zwischen Schweden und Polen aufgeteilt wurden. Auch im aufstrebenden schwedischen Reich konnte Riga als zweitgrößte Stadt nach Stockholm seinen herausragenden Rang als Handelsmetropole behaupten. Peter der Große konnte den schwedischen Teil nach seinem Sieg im Großen Nordischen Krieg für Russland gewinnen; nach der Dritten Polnischen Teilung fiel auch der ehemals polnische Südteil an das Zarenreich. Trotz der verschiedenen Herrschaftswechsel behaupteten die Deutschbalten ihre dominierende Stellung in Lettland.

Unabhängiges Lettland und sowjetische Okkupation

Am Ende des Ersten Weltkrieges erlangte Lettland nach vielen Jahrhunderten seine Unabhängigkeit. Der junge Staat sah sich bereits knapp nach seiner Gründung einer tödlichen Bedrohung gegenüber: Bolschewistische Truppen begannen im November 1918 mit einer Invasion des Baltikums und konnten große Teile Lettlands erobern. An der Rückeroberung Lettlands 1919 waren neben der von Deutschbalten dominierten Baltischen Landeswehr auch mehrere Freikorpsverbände beteiligt. 1920 schlossen die Bolschewiki einen Friedensvertrag, der die Unabhängigkeit Lettlands bestätigte.

UlmanisDurch umsichtige Politik gelang es Karlis Ulmanis (Bild links), dem ersten und einzigen lettischen Ministerpräsidenten der Zwischenkriegszeit, das Land zu stabilisieren. Sein Hauptaugenmerk war auf den Ausbau des Bildungswesens und die Stärkung der Wirtschaft gerichtet. Während der Weltwirtschaftskrise war Lettland eines der wenigen Länder weltweit, dessen Wirtschaft sich positiv entwickelte.

Der Hitler-Stalin-Pakt bedeutete das Ende der lettischen Unabhängigkeit; 1940 wurde das Land von der Roten Armee besetzt. Die meisten Deutschbalten wurden ausgesiedelt, knapp hunderttausend Letten innerhalb eines Jahres nach Sibirien deportiert. Die brutale Okkupation war der Hauptgrund für ca. 200.000 Letten, sich zwischen 1941 und 1944 der Deutschen Wehrmacht anzuschließen. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg setzten Letten den Widerstand gegen die Sowjetmacht in den Reihen der „Waldbrüder“ fort.

Nach dem Rückzug der Wehrmacht folgte Stalins Rache. Einerseits wurden über zwei Prozent der lettischen Bevölkerung deportiert, andererseits erfolgte eine massive Russifizierung des Landes. Der Anteil der Letten an der Gesamtbevölkerung der Lettischen SSR sank auf knapp über 50 Prozent.

Erneute Unabhängigkeit

Baltischer Weg

Teilnehmer der 650 km langen Menschenkette „Baltischer Weg“

1989 bildeten über eine Million Balten den „Baltischen Weg“ von Tallinn über Riga bis nach Vilnius um an den Hitler-Stalin-Pakt und die darauf folgende Okkupation ihrer Staaten zu erinnern. 1990 erklärte sich Lettland für unabhängig, doch noch im Januar 1991 stürmten sowjetische Sondereinheiten das Parlament. Erst im August 1991 anerkannte die Sowjetunion die Unabhängigkeit der drei baltischen Staaten. Das Hauptanliegen Lettlands war danach der Beitritt zu EU und NATO, der 2004 erreicht wurde.

Unterschiedliche Geschichtsbilder von Letten und „Nichtbürgern“

Als Reaktion auf den Versuch, das lettische Volk zur Minderheit im eigenen Land zu machen, beschloss das Parlament bereits knapp nach der Unabhängigkeit, dass nur Bürger der Republik Lettland vom Juni 1940 und deren Nachkommen die lettische Staatsbürgerschaft erhalten. Die große russische Minderheit, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Lettland kam, gilt als „Nichtbürger“. Seit 1995 ist es diesen Nichtbürgern aber möglich, nach einer Prüfung über Sprache, Kultur und Geschichte die lettische Staatsangehörigkeit zu erlangen, wobei vor allem die Sprache ein großes Hindernis darstellt. Etwa 300 000 „Nichtbürger“ leben in Lettland.

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Besonders in der Betrachtung der jüngeren Geschichte gehen die Anschauungen der Letten und der meisten Russen weit auseinander. Für die meisten Letten sind die als „Legionäre“ bezeichneten Kämpfer an der Seite Deutschlands Helden. Bis vor kurzem nahmen auch Vertreter des lettischen Staates an Gedenkfeiern für Angehörige der lettischen Waffen-SS und anderer Verbände teil. Die Russen sehen in den „Legionären“ hingegen faschistische Kollaborateure und den Einmarsch der Roten Armee als Befreiung.

Gute Beziehungen zu Deutschland, Schwierigkeiten mit Russland

Rathaus RigaSeit der Unabhängigkeit haben sich die Beziehungen zu Deutschland, das einer der stärksten Befürworter des EU-Beitritts der Balten war, sehr positiv entwickelt. Nicht nur die Wirtschaftsbeziehungen sind eng, auch auf kultureller Ebene arbeiten die beiden Länder sehr gut zusammen. Deutsch ist wieder eine der beliebtesten Fremdsprachen in Lettland, und beide Staaten bemühen sich um den Erhalt des gemeinsamen kulturellen Erbes. Die Beziehungen zu Russland sind vor allem aus den oben erwähnten Gründen angespannt. Lettland verurteilte auch die russische Intervention in Georgien scharf.

Renaissance lettischer und deutschbaltischer Kultur

Lettland ist berühmt für seine traditionellen Volkslieder „Dainas“, die nach dem Verbot der Sowjetzeit eine unglaubliche Wiedergeburt erlebt haben. Schätzungen gehen von weit mehr als einer Million bekannter Lieder bei einer Bevölkerungszahl von 2,2 Millionen Einwohnern aus. Vorgetragen werden die Dainas auf Sängerfesten, an denen teilweise mehr als 10.000 Sänger auftreten; der Umsturz von 1989 bis 1991 wurde auch „Singende Revolution“ genannt.

Auch wenn die deutsche Minderheit im Baltikum inzwischen sehr klein ist (5000 Deutsche in Lettland, 2000 Deutsche in Estland) blühen viele deutschbaltische Traditionen wieder auf. Aus dem Bild der Universitäten von Riga und Tallinn sind Studentenverbindungen nach deutschem Muster inzwischen nicht mehr wegzudenken; fast 60 Verbindungen bestehen in Estland und Lettland. Es ist ein großes Verdienst der Letten und Esten, diese Jahrhunderte alte Kultur wieder belebt zu haben.

20 Jahre nach dem Kommunismus

Unzensuriert.at beleuchtet jedes Wochenende ein Land, das bis vor 20 Jahren unter kommunistischer Herrschaft stand. Bisher veröffentlicht:

Litauen – Europäische Zukunft nach wechselvoller Vergangenheit

Armenien – Der älteste christliche Staat

Aserbaidschan – Das schwarze Gold von Baku

Georgien – Stalins unbotmäßige Söhne

Tadschikistan – Das Armenhaus Zentralasiens

Kirgisistan – Jurten im Himmelgebirge

Weißrussland – Europas Stiefkind

Usbekistan – Das stolze Erbe Tamerlans

Turkmenistan – Das Reich des "Turkmenbashi"

Die Ukraine – zerrissenes Land zwischen Ost und West

Kasachstan: Von Stalins Völkerkerker zum begehrten Handelspartner

20 Jahre danach: Russland am Scheideweg

Fotos: Rimantas Lazdynas / Julo / Andrei Sdobnikov / Anathema

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