“Da oben bei den Göttern” – Frankreich im Luxus kaserniert

Nach dem Eröffnungsspiel zwischen Südafrika und Mexico steigt am Abend mit Frankreich gegen Uruguay in Kapstadt das erste Duell zweier ehemaliger Weltmeister. Uruguay war das zweimal in grauer Vorzeit – 1930 und 1950 – Frankreich zum bisher einzigen Mal vor 12 Jahren. Waren bis dahin zwei dritte WM-Plätze (1958 und 1986) und der Europameistertitel 1984 die größten Erfolge, so sind die Franzosen seit ihrem WM-Titel konstant Weltklasse, legten im Jahr 2000 einen weiterem EM-Sieg sowie 2001 und 2003 Erfolge im Confederations-Cup nach und verloren bei der letzten WM 2006 erst im Endspiel gegen Italien.

Fußball stand bis 1998 nicht im Zentrum des sprtlichen Interesse; vielleicht auch weil es kein französisches Wort für "Football" gibt. Und er hatte nie diesen nationalen Einschlag auf die Volkspsyche wie in Deutschland, England, Spanien oder Italien. Geschichtlich ist die Entwicklung von Fußball und Rugby in Frankreich genau konträr zu den Entwicklungen der anderen europäischen Staaten, wohl auch wegen Frankreichs Rugby-Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 1900 in Paris.

Michele PlatiniErst als die Mannschaft St. Etienne in den Siebziger Jahren im Europacuo für Forore sorgte (Finalniederlage im Meistercup 1976 gegen Bayern München) und aus ihr der legendäre Michel Platini (Bild rechts) als Superstar hervorging, wurde Fußball zum anerkannten und geförderten Sport in Frankreich. Dennoch sind den Franzosen sowohl übertriebene Euphorie als auch ausuferndes Fachwissen fremd. Der französische Fußball-Fan begeistert sich eher für die Schönheit und Ästhetik des Spiels und erfreut sich an wortreichen Diskussionen darüber.

So mancher Politiker sieht die Nationalmannschaft wegen der zahlreichen meist aus Afrika abstammenden "Legionäre" nicht als Französisch an. "Les Bleus" (Die Blauen) – wie das Nationalteam genannt wird – haben trotzdem die kollektive französische Einheit durch Ghanäer, Guadeloupesen, Senegalesen, Algerier, Armenier und Ost-Europäer geprägt. Zinedine Zidane"Zizou" (Zinedine Zidane, Bild rechts) hat so manchen Franzosen den Algerienkrieg vergessen lassen. Frankreich "black-blanc-beur" (schwarz-weiss-braun) verdrängt im Stadion die realen sozialen Spannungen der Multkultigesellschaft.

Die Bleus logieren in Südafrika im Pezula Resort Hotel and Spa in Knysna mit Blick auf den Indischen Ozean, einem Golfplatz, einem Privatsee und einer alten Festung. Es ist Afrikas luxuriösester Komplex. Eine Nacht kostet 589 Euro pro Person. Laut Berichten ist der Speiseplan keinesfalls eine Sportlerdiät Nudel und Fleisch sondern eher lukullisch französisch, eben wie "Gott in Frankreich". Ob der horrenden Kosten befragt, meinte der Sportminister der Grande Nation: "Trotz Sparmaßnahmen stehen die Regierung und Frankreich hinter der Mannschaft, und es ist gut so". Zum Vergleich: Die spanische Elf ist auf einem Uni-Campus einquartiert.

Raymond DomenechEine "gewollte Einkehr auf sich selbst" hat Trainer (eigentlich Auswähler – französisch: sélectionneur) Raymond Domenech (Bild links) seinen Spielern veordnet, völlig abgeschottet und sogar ohne Zeitungen. Ein Rezept, das schon 1998 als Geheimwaffe zum Sieg galt.

Wie werden die Franzosen nach der verpatzten Generalprobe gegen China (0:1) spielen? PEZULA – der Name des Mannschaftshotels –  bedeutet in Shona, einem Dialekt des benachbarten Zimbabwe: "Da oben mit den Göttern". Also für die Blauen, die bekanntlich für das Beste und das Schlechteste bekannt sind, entweder ein gutes Omen oder doch nur Hochmut?

Fotos: David Ruddell / Sofia Otokore

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