Eine Sammelmappe namens „Gregor“: Dokumente erhärten Stasi-Verdacht gegen Gysi

Fast klingen sie vertrauenswürdig und sympathisch, die Decknamen „Gregor“ und „Notar“. Hinter ihnen verbarg sich ein „Inoffizieller Mitarbeiter“ (IM), der als Zuträger mit „Problemlösungskompetenz“ der mächtigen DDR-Staatssicherheit (Stasi) zur Seite stand, dem Mielke-Apparat emsig zuarbeitete. Es waren wohl gerade diese Eigenschaften, die „Gregor“ bzw. „Notar“ erfolgreich einzusetzen verstand. Das half der Stasi, beförderte aber auch die eigene Karriere. Einmal kontrollierte der IM die West-Kontakte von verhafteten DDR-Dissidenten (Bahro, Havemann) und grenzte deren Spielräume ein, ein anderes Mal gab er Informationen über „negativ eingestellte“ Jugendliche weiter. Höhepunkt war die Mitarbeit an der „Eindämmung“ des Protests eines trauernden Vaters, dessen Sohn von einem betrunkenen Stasi-Offizier rücksichtslos erschossen worden war. Die DDR-Justiz vertuschte den Fall, die Stasi setzte die Hinterbliebenen unter Druck.

Ein ganzer Schub neuer Indizien aus dem Archivalienbestand der Birthler-Behörde erhärtet den Verdacht, dass sicher hinter „Gregor“ und „Notar“ Gregor Gysi verbergen könnte, der Grande der Linkspartei. Bislang hatte der promovierte Jurist und „Dissidentenanwalt“ jede IM-Tätigkeit – trotz zahlreicher belastender Indizien – abgestritten. In Erinnerung bleibt ein verstörend überheblicher Auftritt im Bundestag. Dem Parlament erklärte Gysi damals unverblümt, eine „DDR-Größe“ wie er, habe ordinäre Stasi-Kontake gar nicht nötig gehabt, sondern jederzeit über Zugang zu höchsten SED-Gremien verfügt.

Gysi klagt investigative Journalisten

Diese larmoyanten Ausflüge bildeten jedoch nur eine Seite seiner Abwehstrategie. Die andere bestand im beinharten und einsilbigen juristischen Vorgehen gegen die wenigen Journalisten, die Gysi mit „Gregor“ und „Notar“ in Verbindung brachten. Die eingehende mediale Beschäftigung mit Gysis fragwürdiger Anwaltstätigkeit blieb so kaum wahrnehmbar. Der Chef-Linke will partout nicht „Stasi-IM“ gewesen sein, ebenso wenig Zuträger und Bote. Aktenvermerke, Berichte und Einschätzungen, die auf die Existenz eines regulär geführten IM, insbesondere aber auf einen Autor namens Gysi hindeuten, seien von der Stasi beschafftes Stückwerk aus „vielen Quellen“ – angelegt in einer „Sammelmappe“. Einige Sammelmappen-Dokumente – von Gysi unter Klarnamen verfasst – seien aus seiner Kanzlei entwendet und ohne sein Wissen vervielfältigt worden. Das Sammelsurium abgelegter Informationen belege deshalb nur den Eifer und den unkontrollierten Erfassungszwang von Mielkes Männern, keineswegs aber eine langjährige IM-Tätigkeit einer real existierenden Person. Folgt man dieser Version haben die Stasi und Gregor Gysi mehr oder weniger aneinander vorbei gelebt – jahrzehntelang.

Mit einer eidesstattlichen Versicherung (2011), niemals in Funktion eines IM „wissentlich“ und „willentlich“ Informationen geliefert zu haben, rundete Gysi seine Version ab und verschaffte sich eine längere Atempause. Die ist nun vorbei. Aktenfunde belegen die erstaunliche Karriere der zwanglosen Sammelmappe: Im Jahr 1985 bekam sie eine hochoffizielle Auszeichnung. Laut einer Stasi-Liste wurde IM „Notar“ anlässlich des 35. Jahrestags der Stasi-Gründung eine Urkunde und eine Gedenk-Münze als „Zeichen des Dankes für die große Unterstützung bei der Durchführung der uns von Partei und Staatsführung gestellten Aufgabe“ feierlich zuerkannt. Unterzeichnet hatte Stasi-Chef Erich Mielke, die graue Eminenz des DDR-Staates. Damit ist klar: Hinter „IM Notar“ verbirgt sich eine Person, die der Stasi über Jahre nützlich war.

Gespräche mit Stasi-Offizier bis zum DDR-Zusammenbruch

Weitere Archivalien sind weniger skurril, dürften Gysi jedoch noch schwerer belasten. So sind Stasi-Gesprächsprotokolle aufgetaucht, die mehrere Treffen zwischen Gysi und dem Stasi-Offizier Uwe Berger belegen. Bislang hatte Gysi nur ein Gespräch zugegeben, das im September 1989 stattgefunden habe. Die Gesprächsinhalte seien belanglos gewesen, ein Austausch zwischen DDR-Bürgern ohne politischen oder gar geheimdienstlichen Charakter – keine große Sache also. Die nun um einige Dokumente erweiterte Aktenlage offenbart jedoch ein anderes Bild: Der Stasi-Leutnant und Gysi tauschten sich bis zum Oktober 1989 – die DDR befand sich bereits in Agonie – in einer Folge von Gesprächen aus. Gysi betrieb möglicherweise ein doppeltes Spiel, um sich nach allen Seiten hin abzusichern: Auf den fulminanten Montagsdemos der auf radikale Reformen drängenden DDR-Bevölkerung mimte er den Oppositionellen, der die Stasi verdammte und Rechtsstaatlichkeit einforderte. Im grauen DDR-Behördendickicht könnte er indes gleichzeitig Mielkes Männern zugearbeitet haben. Seine Informationen wären dabei angesichts der prekären politischen Situation von besonderer Bedeutung gewesen. Immerhin war der Ost-Berliner Anwalt in den Kreisen der DDR-Opposition weitgehend akzeptiert. Er wusste also etwas. Mehr noch: Gesprächsinhalte eines Interviews des Spiegel mit Gysi landeten als „Berichte“ auf diversen Stasi-Schreibtischen. Der mögliche Kreis der Zuträger ist denkbar klein, ein Verdacht fällt auf Gregor Gysi.

Die kompromittierenden Aktenfunde haben nun ein juristisches Nachspiel: Gegen Gysi wurde eine Anzeige erstattet, der Vorwurf der falschen eidesstattlichen Versicherung steht im Raum. Der Bundestag hat Gysis Immunität bereits aufgehoben. Nun beschäftigt sich die Staatsanwaltschaft Hamburg mit der ominösen Sammelmappe.

Genossen verharmlosen DDR-Regime

Die Genossen stehen selbstverständlich zu ihrem Medienliebling. Das Fertigmachen kritischer Bürger, die alltägliche Denunziation im Rahmen von Stasi-Machenschaften und die Verstrickung zahlreicher Linker in das DDR-Unrecht haben sie stets in einmütiger Routine weggedrückt. In der linksliberalen Zeit ließ Lothar Bisky wissen: „Ich vertraue Gregor Gysi“. Dem bizarren Treueschwur folgte nostalgischer Kommunisten-Kitsch. In der DDR habe man selbst als überzeugter Funktionär durchaus eine „Demokratie im Kleinen“ leben können: Die DDR, ein Rechtsstaat mit nur kleinen Schönheitsfehlern. Wie üblich verschränken sich Selbstbetrug und maliziöse Verschleierung in typisch linker Manier. Der ehemalige Kommunist kann sich entspannt zurücklehnen: Seine Partei darf stets auf Sympathie und Nachsicht des linkslinken Medienestablishments bauen. Zudem wird die Partei ehemaliger Stasi-Kommunisten eventuell als Mehrheitsbeschafferin gebraucht. Kein Wunder, dass sich die üblichen Lautsprecher in SPD und Grünen nicht mit der möglichen tiefen Stasi-Verstickung ihres politischen Gefährten beschäftigen wollen.

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